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Selbstbeobachtung von Emotionen und das Verhältnis von Emotionen zum Denken

Im Zusammenhang mit meiner Selbstbeobachtung von Emotionen ist mir etwas sehr Interessantes aufgefallen. Da ich momentan ein ausgesprochen regelmäßiges Leben führe, kann ich sehr gut verschiedene Tage miteinander vergleichen. Ich beobachte vor allem am Abend und vor dem Aufstehen Empfindungen und Gedanken und es ist mir schon vor einer Weile aufgefallen, dass ich meistens am nächsten Tag etwas ganz anderes denke als am vorhergehenden. Ich verarbeite vor allem während des Schlafs die Einflüsse des Tages, d.h. zur Zeit neben den alltäglichen Erlebnissen das was ich jeweils gelesen habe. Die Perspektive oder der Themenbereich, der dann am Morgen in meinem Kopf aktiv ist, unterscheidet sich vom vorhergehenden Tag in der Regel gravierend, da ich immer noch eine große Breite von auf Emotionen bezogene Aspekten lesend aufnehme.

Parallel dazu ist jetzt zunehmend deutlich geworden, dass sich auch meine Körperempfindungen von Tag zu Tag gravierend unterscheiden. Das geht von Zuständen entspannten Wohlfühlens bis zu unangenehmer Aufgeregtheit. Die Gründe für diese Zustände kann ich nicht bestimmen, es ist auch erst einmal nicht wichtig. Bedeutsam ist die Auswirkung auf mein Denken. Ich habe nicht den Eindruck, dass die wahrgenommenen Körperempfindungen durch Denken ausgelöst werden. Sie sind bereits vorhanden, haben möglicherweise mit Körperfunktionen zu tun, und ich kann auf sie bewusst, oder es den Gewohnheiten überlassend, verstärkend oder abschwächend einwirken. Grundlegend ändern kann ich sie auf diesem Weg allerdings nicht, d.h. ich benötige weiterhin die Befähigung sie hinzunehmen wie sie sind, wissend, dass sie irgendwo hergekommen sind und irgendwann auch wieder anders sein werden.

Diese Körperempfindungen bleiben allerdings nicht ohne Einfluss auf mein Denken. Befinde ich mich in einem entspannten Zustand des Wohlgefühls, werden meine Gedanken optimistischer und zuversichtlicher. Nehme ich Empfindungen der Anspannung und Unruhe wahr, so greife ich eher auf ängstigende Gedankenketten zurück. Es gibt dadurch so etwas wie ein Tagesformat, das dann Auswirkungen auf Wahrnehmung, Denken und Handeln hat. Allerdings kann ich auch durch die Art meines Denkens direkt Einfluss auf meine Emotionen nehmen.

Inzwischen konnte ich auch beobachten, wie sich im Alltag bei Themen und Erfahrungen, die für mich vorbelastet sind, die Körperempfindungen in Richtung Anspannung bewegten und dies eine Auswirkung auf meine Art zu reden, zu agieren und zu denken hatte. Es war mir durch die Achtsamkeit dafür möglich, anderen gegenüber darzustellen, dass ich bei diesem Thema durch Erfahrungen vorbelastet bin, um dadurch eine zusätzliche Option der Erklärung zu liefern und mich selbst zu bremsen.

Eine überblickende Ordnung herzustellen gelingt mir allerdings immer noch nicht. Es sind einfach zu viele Aspekte, die alle in den Bereich Empfindungen, Gefühle, Emotionen und Stimmungen und ihre Auswirkungen und Zusammenhänge fallen. Darin sehe ich momentan mein Hauptproblem bei der Beschäftigung damit. Ich habe inzwischen auch in Erwägung gezogen doch noch einen abgetrennten Blog zum Thema, ähnlich dem Blog für Modul 3B einzurichten, auf dem ich einzelne Artikel zu einzelnen Aspekten abfassen kann. Da ich von der Nützlichkeit allerdings nicht so ganz überzeugt bin, werde ich erst einmal hier weiter versuchen das Thema zu bearbeiten.

Eine interessante Einteilung habe ich sowohl im Soziologiemagazin (2014, S. 55), als auch bei Scherke (2009) gefunden. Beide beziehen sich dabei auf Barbalet (2001). In der Betrachtung von Emotionen werden dabei drei Ansätze unterschieden.

  • Konventioneller Ansatz: Emotionen sind hinderlich für die Rationalität der Akteure. Emotionen stehen außerhalb der Rationalität, lenken ab und wirken sich störend aus.
  • Kritischer Ansatz: Emotionen sind der Rationalität vorgelagerte Prozesse.
  • Radikaler Ansatz: Jedes Handeln der Akteure ist immer schon durch Emotionen begleitet. Nur das Vertrauen in handlungsrelevante Emotionen kann zur Überwindung von Unsicherheit bei Entscheidungen führen.

Mich überzeugt kein Ansatz vollkommen, weiter hilft mir allerdings, dass es so eine Systematik gibt. Mein eigener Eindruck ist inzwischen, dass Emotionen und Denken untrennbar zusammenspielen. Wie sie das genau machen und was das für Konsequenzen hat, ist mir allerdings noch lange nicht klar. Es bedeutet für mich jedoch einen großen Schritt vorwärts. Es ist nicht mehr möglich eine Hierarchie zwischen Emotionen und Denkfunktionen herzustellen, Emotionen nicht zu berücksichtigen oder sie nur als Nebenerscheinungen einzuordnen. Allerdings kann ich sie auch nicht als authentischer oder verlässlicher als Kognition, Denken oder Rationalität einstufen.

Ich habe den Eindruck, Descartes‘ Irrtum, die Trennung von Geist und Körper (Damasio, 2004, S.330) könnte letztlich dafür verantwortlich sein, dass es schwierig ist übersichtliche Informationen über das Zusammenspiel der lange als getrennt eingestuften Bereiche menschlicher Möglichkeiten zu bekommen. Mir fehlt ein Gesamtbild. Bei genauerem Hinsehen lässt sich sehr viel zu Emotionen finden, gerade auch in pädagogischen Werken, allerdings sehr häufig nicht explizit und vor allem nicht eingepasst in ein ausgearbeitetes Verständnis der gegenseitigen Wirkung wischen Emotionen und Denken.

Wichtig ist der Bereich aber besonders wenn es um Erscheinungen wie dem heimlichen Lehrplan, der schwarzen Pädagogik oder Rassismus geht. Diskriminierung und Manipulation von Menschen wirken auf der Ebene der Emotionen. Emotionen werden durch das Soziale geprägt (Scherke, 2009, S. 81). Der „ja aber…“-Satz des Alltagrassismus bezieht sich auf die emotionale Überzeugung, die der rationalen Anforderung nach Gleichbehandlung entgegengesetzt wird. Emotionen, die naturalisiert werden, während sie aber nur abgekoppelt wurden und dadurch nicht mehr im Verbund mit dem Ganzen wahrgenommen werden können, werden als ursprünglich, authentisch und daher zutreffend eingestuft. Gleichzeitig werden sie aber als die minderwertigere Form des Ausdrucks menschlicher Existenz begriffen. Das ist in meinen Augen eine fatale Kombination, die Möglichkeiten des Eingreifens und der Steuerung zuwider läuft.

Und damit hört es noch lange nicht auf. Einbeziehung von Emotionen nimmt häufig die Form von Funktionalisierung an. Nach Arlie Hochschild (2006) besitzt Gefühlsarbeit einen, allerdings in der Regel gering bewerteten, Tauschwertcharakter. Ökonomie beeinflusst und formt Emotionen im Sinne des Marktinteresses. Die Beeinflussung von Emotionen wird in vielen Bereichen benutzt, um unterschiedliche Ziele zu erreichen oder ihre Erreichung zu erleichtern. Es ist daher im Interesse von Bildung zu wissen, was tatsächlich auf der Ebene der Emotionen vor sich geht und wie es vor sich geht. Bildung kann immer noch darauf ausgerichtet verstanden werden den einzelnen Menschen in der Entfaltung seiner Möglichkeiten zu unterstützen. Es geht also nicht nur darum herauszufinden wie Emotionen in Bildungsprozessen förderlich betrachtet, behandelt und eingesetzt werden, sondern auch darum was im Kontext von Bildungsprozessen zu Emotionen selbst gelehrt und gelernt wird. Es geht also nicht nur um Methoden, sondern auch um Inhalte.

 

Referenzen:

  • Barbalet, J. (2001). Emotion, Social Theory, and Social Structure. Cambridge: Cambridge Press.
  • Damasio, A. R. (2004). Descartes‘ Irrtum. Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn. Berlin: List.
  • Hochschild, A.  (2006). Das gekaufte Herz. Die Kommerzialisierung der Gefühle. Frankfurt/Main: Campus.
  • Scherke, K. (2009). Emotionen als Forschungsgegenstand der deutschsprachigen Soziologie. Wiesbaden: VS.
  • Soziologiemagazin, 10. Ausg. (2014). Emotionen – Wie sozial sind unsere Gefühle? URL: http://soziologieblog.hypotheses.org/emotionen
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