Bildungsmäuschen

Startseite » Studium » Bachelorarbeit » Dem Ende der ersten Recherche entgegen

Dem Ende der ersten Recherche entgegen

Langsam sehe ich ein Ende meiner ersten Recherchearbeit zum Thema Emotionen vor mir. Noch immer bin ich damit konfrontiert dass ich beobachten kann, wie sowohl der Inhalt meiner Gedanken als auch die Körperempfindungen, die ich zu Beginn des Tages habe, sich teilweise gravierend von denen des Vortags unterscheiden. Das betrifft sowohl die Wahrnehmungen im Körper als Gesamtheit, als auch die gedanklichen Verarbeitungsprozesse, die im Gehirn lokalisiert sind. Dabei geraten die Gemeinsamkeiten mehr als die Unterschiede in meine Aufmerksamkeit. In beiden Vorgangsbereichen geht es flüchtig, unbeständig und wechselhaft zu, und von daher sind sie in gleichem Ausmaß zuverlässig bzw. unzuverlässig. Ich habe es immer nur mit momentanen Zuständen zu tun, denen ich nachrätseln, die ich aber genauso gut vorbeiziehen lassen kann.

Passenderweise lese ich am Morgen nach diesen Überlegungen einen Beitrag aus Emotionen und Lernen, herausgegeben von Rolf Arnold und Günther Holzapfel, von Herbert Gerl (2008) mit dem Titel Selbstfindung und Dekonstruktion. Eine Zen-Perspektive für lebenslanges Lernen. Dieser Artikel basiert auf Erfahrungen mit einer sehr ähnlichen Technik der Meditation wie diejenige, auf der mein Beobachtungszugang beruht. Gerls Beitrag liegt eine andere Fragestellung zugrunde wie mir, die Gemeinsamkeiten im Betrachtungszugang sind allerdings sehr groß. Auch mein Zugang basiert auf einer aus den Lehren Buddhas hervorgegangenen Technik. Es geht in beiden Fällen um die Beobachtung dessen, was im Inneren vorgeht, ohne dabei einzugreifen.

Während dadurch ermöglicht wird Realität unmittelbar wahrzunehmen, können sowohl Denken als auch Emotionen als reine Interpretationsschemata dieser Realität wahrgenommen werden. Emotionen genauso wie Gedanken sind permanenter Veränderung unterworfen, wirken aufeinander, sind unbeständig und können nicht festgehalten, d.h. konserviert werden. Sie liefern eine fortdauernde Bewertungs- und Interpretationsfolie zwischen Subjekt und Objekt.

Es handelt sich um eine Art Realität zweiter Ordnung (Gerl, 2008).

Damit existieren parallel eine Realität, die wir unmittelbar mit unseren Sinnen aufnehmen können, die allerdings vom Wahrnehmungsspektrum dieser Sinne begrenzt ist, als auch eine Realitätsinterpretation, die sowohl auf der Ebene der Gedanken als auch der Empfindungen geschieht. Aus dieser Perspektive betrachtet ist jegliche Hierarchie zwischen Denken und Empfinden sinnlos. Beide können nützliche als auch problematische Verarbeitungsformen der Weltwahrnehmung sein.

Interessanterweise beschreibt Gerl den Vorgang der reinen Beobachtung als vollkommen zweckfrei. Es geht allein darum einen Blick auf offene Weite zu ermöglichen. Damit ist nichts verbunden, das in der Zukunft erreicht werden kann, denn die gewonnene und geübte Fähigkeit zum offenen, nicht-bewertenden, nicht-kontrollierenden Wahrnehmen von dem was ist führt nirgendwo hin. Sie erfüllt ihren Zweck allein durch sich selbst.

Allerdings ermöglicht sie das unmittelbare Wahrnehmen und Benennen von Konstruktionen und Konditionierungen, macht sie transparent und verringert dadurch ihre Kraft uns zu bestimmen und zu manipulieren. Eine reine Zweckfreiheit kann ich daher hier nicht ausmachen, was allerdings auch in einem Zusammenhang mit einem unterschiedlichen Verständnis von Zweckfreiheit stehen kann. Ich sehe allerdings einen starken Zusammenhang mit Vorstellungen, dass durch eine Bildung, die auf die Entfaltung des Individuums ausgerichtet ist, Zwänge reduziert und Freiheiten gewonnen werden können. In dem Bemühen von beiden, der beobachtenden Meditation als auch im Bildungsstreben, sind starke Anteile von etwas enthalten, das für die reine Über-Lebensführung nicht notwendig ist, sondern auf den Bereich der Lebensqualität verweist.

Wie dem auch sei. Mir geht es momentan um den Stellenwert von und den Umgang mit Gefühlen und Emotionen und um Wissen darüber, was sie eigentlich sind. Zunehmend wird für mich sichtbar, dass Denken und Emotionen weder unterschiedlich gewichtet, noch unterschiedlich behandelt werden sollten. Die Betrachtung von beiden sollte aus einer anderen Perspektive erfolgen als ich in der Vergangenheit wahrgenommen habe. Spätestens nach dem Text von Gerl muss ich Emotionen auf die gleiche Stufe wie Denken stellen und beide aufs engste verflochten begreifen. Dabei werden Emotionen aber nicht in die gleiche Position gebracht, die Denken einmal hatte, was meine ursprüngliche Vorstellung war, sondern das Denken verliert dabei die herausragende Bedeutung, die es im Verlauf abendländischer Geistesgeschichte häufig erhalten hat. Gleichzeitig ist es unmöglich eine Position zu vertreten, in der Emotionen eine größere Bedeutung als Denken zugesprochen wird.

Erneut geht es um das was Damasio Descartes‘ Irrtum nennt. „Ich denke, also bin ich.“ Denken in seinen verschiedenen Facetten ist nur eine Funktion und Aufgabe des Organismus. Genauso verhält es sich mit Emotionen. Da beide auf unterschiedlichen Bühnen stattfinden, scheint es möglich sie voneinander zu trennen. Bei genauerem Hinsehen ist das aber unhaltbar.

Ich selbst liebe beide Funktionen. Ich liebe es zu empfinden und ich liebe es zu denken. Ich mag beides und ich mag es auch, wenn es schwierig ist oder schmerzhaft. Ich will auch nicht davor entkommen. Gleichzeitig mag ich die Momente unmittelbarer Wahrnehmung, bevorzuge sie aber nicht.

Noch vorgestern hatte ich den Bedarf eines Kategoriensystems für die Vielfalt der Themen im Bereich Emotionen gesehen, da ich mich überfordert fühlte, gestern erschien mir das nicht mehr notwendig, da ich den Eindruck habe, dass mein Gesamtüberblick gewachsen ist. Vorgestern hatte ich sehr unangenehme Körperempfindungen, während ich mich gestern ausgesprochen entspannt und ausgeruht fühlte. Heute Morgen waren meine Empfindungen dagegen gemischt, und während meine Gedanken zum Thema Emotionen wesentliche Ergänzungen vornahmen und sich an einer Formulierung meiner Forschungsfragen zu meiner Bachelorarbeit versuchten, musst ich einen Teil meiner Energie darauf verwenden einzuschätzen, wie lange ich einen fälligen Zahnarztbesuch noch aufschieben kann und warum ich das überhaupt will.  (In diesem Kontext taucht die Frage auf, ob ein identifizierbares Ich überhaupt existiert, die ich aus Gründen der Komplexitätsreduktion aber ignoriere.)

Denken und Empfindungen stehen nicht getrennt. Emotionen ergeben sich als eine Durchmischung von Wahrnehmung, Interpretation, Bewertung, Denken, Gefühlen und Empfindungen. Das ist beobachtbar. Beide Bereiche liefern die Grundlage für Handeln, das dann wieder über die Wahrnehmung der Auswirkung auf das Denken und damit verbundene Gefühle wirkt, bzw. Empfindungen auslöst, die sich mit Denkvorgängen zu Emotionen verbinden, die wiederum Denk- und Empfindungsprozesse in Gang setzen.

Was mir jetzt noch fehlt, ist die ganz spezifische Bedeutung für den Bereich der Bildung, zu der ich inzwischen schon Überlegungen entwickelt habe, die momentan allerdings noch nicht so ganz auf der Ebene des schriftlich Formulierbaren angekommen zu sein scheinen.

Referenz

Gerl, H.(2008). Selbsterfindung und Dekonstruktion. Eine Zen-Perspektive für lebenslanges Lernen. In Arnold, R.& Holzapfel, G. (Hrsg.). Emotionen und Lernen. Die vergesessenen Gefühle in der (Erwachsenen-) Pädagogik. Hohengehren: Schneider.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: