Bildungsmäuschen

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Emotionen und Paradoxien

Einige meiner Fragen zu Emotionen und den Umgang mit ihnen wurden inzwischen für mich logisch und nachvollziehbar beantwortete. Sehr viel Klarheit hat mir ein Beitrag von Klaus Körber in dem Reader Emotionen und Lernen geliefert, herausgegeben 2008 von Rolf Arnold und Günther Holzapfel. Der Titel lautet Gefühle nach Plan?, ist ein Beitrag aus der Emotionssoziologie und beantwortet unter anderem sehr schlüssig die Frage, weshalb Emotionen in der Soziologie lange Zeit vernachlässigt wurden und warum sich das geändert hat. Gleichzeitig beschreibt er einen paradoxen Zustand des Umgangs mit Emotionen, den er in einen Zusammenhang mit dem neuen Geist des Kapitalismus stellt, in dem protestantische Ethik, Kultur der Sachlichkeit und formale Rationalität zurückgelassen werden. An ihre Stelle tritt ein paradoxes Konzept der Verkettung von ökonomischen Anpassungszwängen und der Verwirklichung persönlicher Bedürfnisse, die nicht mehr als Gegensatz betrachtet werden. Der Wert des Menschen wird dadurch auch nach den ökonomisch verwertbaren, emotionalen Bedürfnissen und Selbstverwirklichungspotentialen gemessen.

Es entsteht ein paradoxer Zustand sozialer Erwartungen dafür, positive Gefühle authentisch zu erleben und die eigenen Bedürfnisse kreativ zu verwirklichen, während parallel standardisierte Anforderungen des Zwangs existieren, Emotionen an funktionale systemische Erfordernisse anzupassen. Negativ bewertete bzw. sozial unerwünschte Emotionen werden dabei weiterhin sanktioniert und ausgegrenzt, sehr häufig durch Pathologisierung. Sie werden als behandlungsbedürftig, da abweichend, deklariert und auch als psychische Erkrankungen oder neuronale Defekte gedeutet, da positive Gefühle zur Norm werden. Emotionen werden zwar wieder in die Öffentlichkeit integriert, aber das Getriebe stören sollen sie dabei möglichst nicht, sondern Marktinteressen nützlich sein.

Eine Grundannahme ist dabei, dass Emotionen beliebig durch Selbstmanagement geformt werden können und damit verbunden, dass die systematische Änderung des emotionalen Habitus des Menschen bis zur Veränderung des Erlebens, verstanden als authentisches Erleben positiver Gefühle in voller Aufrichtigkeit, als ein erstrebenswerter Zustand zu betrachten sei. Der dabei zu zahlende Preis des Einzelnen und der Gesellschaft bleibt dabei erst einmal verborgen. Am Ende des Beitrags versucht Köber die paradoxen Auswirkungen zu beschrieben und die dabei entstehenden neuen Belastungen für den Menschen bestimmten Krisensymptomen zuzuweisen.

Mir hilft dieser Erklärungsansatz beim Verstehen verschiedener Ungereimtheiten auch im Bildungsbereich sehr weiter. Interessanterweise verbindet sich die Fragwürdigkeit dieser Paradoxien mit einem Bildungsbegriff, der im Zusammenhang mit der Betonung von Denken steht, und in dessen Zusammenhang Emotionen für Erkenntnisprozesse als irrelevant und dem Denken untergeordnet verstanden wurden. Genau dieser Bildungsbegriff liefert nun aber Argumente dafür, dass mit Emotionen nicht in dieser Weise verfahren werden sollte. Emotionen enthalten Informationen über Wahrnehmung von Realität und Widerständigkeit gegen Zumutungen. Werden sie auf ein marktgerechtes positives Erleben reduziert, verlieren sie diese Art des Potential für Erkenntnis und Entwicklung des Einzelnen und der Gesellschaft.

Emotionen werden aus dem Privaten zwar in das Öffentliche reintegriert, dabei aber deformiert und an Interessen ausgerichtet gezähmt, die wiederum in Zusammenhang mit Macht- und Dominanzverhältnissen in der Gesellschaft stehen. Mir selbst geht es jedoch um die Nutzung aller Informationen, die unterschiedlichste Emotionen für Erkenntnisprozesse liefern können, während das Individuum lernt, in einer für die eigene und die gesellschaftliche Entwicklung positiven Weise mit Emotionen jeder Art umzugehen, während es dabei ihre jeweilige Bedeutung versteht.

Reader sind sehr interessante Lernmittel. Gleich nach dem Beitrag von Köber folgt ein Beitrag aus psychodynamischer Sicht zur Regulierung von Emotionen in Krisen von Vera Kast, in dem das Potential von negativ bewerteten Emotionen für Veränderungsprozesse und Wandel zum Thema wird. Der Artikel betont am Schluss Wahrnehmung, Regulierung, Differenzierung und die Erhöhung der Bewusstheit von Emotionen. Damit wird auf alle Arten von Emotionen abgezielt. Emotionen und die Beschäftigung mit ihnen ist ganz eindeutig für Erkenntnisgewinn und darüber Änderungen von Einstellungen, Haltungen und Handeln geeignet.

Nach vielen Antworten bleibt für mich allerdings noch immer die ungeklärte Frage, weshalb im Bereich der auf Bildung bezogenen Theorien Emotionen in der Vergangenheit eine untergeordnete Position erhalten hatten. Wie ist dabei das aufeinander Einwirken von Gesellschaft und Bildungssystem zu betrachten? Wo befindet sich die Henne und wo ist das Ei?

Referenz:

Arnold, R. & Holzapfel, G. (Hrsg) (2008). Emotionen und Lernen. Die vergessenen Gefühle in der (Erwachsenen-) Pädagogik. Hohengehren: Schneider.

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