Bildungsmäuschen

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Emotionen – Dylan Evans, Goleman und der Dalai Lama

Bei genauerem Nachforschen finden sich so viele Bücher, die sich mit dem Thema Emotionen aus einer wissenschaftlichen Perspektive beschäftigen und die auch für Bildung von Interesse sind, dass ich sie kaum alle lesen kann. Gleichzeitig nehme ich Emotionen genauso wie Kognition als etwas wahr, das fortwährend im Individuum vorhanden ist und sich auch in den verschiedenen Gruppenprozessen bemerkbar macht, die im Bereich Bildung von Interesse sind. Aus dieser Perspektive betrachtet verstehe ich es inzwischen immer weniger, warum Emotionen nicht fortwährend und überall im Bildungsbereich als etwas eine besondere Beachtung erfahren, das fortwährend anwesend ist und in vielfältiger Weise eine bedeutende Rolle spielt und einen großen Einfluss hat.

Dieses Unverständnis meinerseits erscheint mir viel größer als noch zu Beginn meiner Recherchen. Ich finde zwar mehr und mehr Belege dafür, dass Emotionen implizit oder in bestimmten Teilbereichen thematisiert werden, gleichzeitig scheint es mir aber weiterhin so, dass sie in der Regel nicht explizit und gezielt eine systematische Beachtung erfahren. Auch wenn ich es immer noch nicht so recht benennen kann was für mich merkwürdig ist, ich fühle mich letztlich mit unzureichenden Weltbildern konfrontiert.

Inzwischen hat sich meine Wahrnehmung auch dafür geschärft, dass in verschiedenen Zusammenhängen recht häufig auf einer Sachebene argumentiert wird, während es dabei aber eigentlich sehr stark um Emotionen zu gehen scheint, die allerdings nicht zum Thema gemacht werden. Wird dieser Bereich jedoch nicht oder in ungeeigneter Weise mit betrachtet, so lässt sich die eigentlich vorhandene Problematik weniger gut herausfinden. Kurz: Momentan würde ich am liebsten sehr oft dazwischenrufen: „Schaut darauf was auf der Ebene der Emotionen passiert und worauf ihr eigentlich reagiert und wofür ihr Sachargumente zu finden sucht, die aber mit der eigentlichen Sache nichts zu tun haben.“ Auf mich selbst angewendet gelingt es mir dadurch häufiger als früher mich selbst zu stoppen, sobald mir bewusst wird, dass ich Argumente für Dinge konstruiere, um die es letztlich gar nicht geht.

Inzwischen habe ich mich weit in den Interessensbereich der Psychologie begeben, dennoch handelt es sich nach wie vor um bildungsrelevante Thematiken, die gerade für viele der Bereiche von Interesse sind, die sich mit Veränderungsprozessen beschäftigen.

Als Person fühle ich mich mit einigen der wahrgenommenen Haltungen zu Emotionen unwohl. Momentan spukt mir dabei auch der Gedanke an das Bruttosozialglück Bhutans durch den Kopf. Wohin wird der gesellschaftliche Blick gerichtet und welche Rolle spielen dabei die Emotionen von Menschen und wie sie sich in der Welt fühlen?

Ich vermute, dass die über lange Zeit gepflegten Vorstellungen des geringeren Wertes von Emotionen gegenüber dem rationalen Verstand nach wie vor auf allerdings subtilere Weise wirksam sind. Es wird nicht als unwichtig eingestuft wie sich Menschen fühlen, welche Emotionen sie haben und wie diese sich auswirken, Emotionen werden auch nicht als etwas betrachtet, das nur im privaten Bereich von Bedeutung ist, es scheint mir allerdings, dass die Berücksichtigung von Emotionen nachgeordnet bleibt. So als seien sie ein Luxusgut oder eine Dazugabe oder ein gutes Mittel um damit Werbung für ganz anderes zu betreiben. Die Texte, die ich in der letzten Zeit gelesen habe, lassen dagegen ein gegenteiliges Bild entstehen und unterstützen meine eigene Wahrnehmung der immensen Bedeutung von Emotionen.

Inzwischen habe ich auch das Buch über emotionale Intelligenz von Daniel Goleman quer gelesen, auf das ich immer wieder Verweise gefunden hatte. Das Buch selbst hat mich weitgehend enttäuscht und ich halte es als nicht sehr geeignet für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema Emotionen. Einen ganz guten Überblick über die Problematik dabei gibt Stangl. An diesem Lexikoneintrag hat mich überrascht, dass er genau die Teile aufführt, die ich mir selbst aus dem Buch als zum Behalten würdig herausgeschrieben habe. Und diese Teile selbst sind nicht originär von Goleman selbst, sondern er bezieht sich dabei auf Salovey, der sich auf Gardner bezogen hat. Goleman ist es mit seinem Buch gelungen das Konzept der emotionalen Intelligenz populär zu machen.

Nach meinem Querlesen habe ich allerdings den Eindruck, dass er der Sache letztlich keinen wirklich guten Dienst geleistet hat. Emotionen bleiben auch hier die Zutat, um die man sich deshalb kümmert, damit eine in Veränderung befindliche Gesellschaft ihre systemischen Probleme besser kompensieren kann. Wird der Mensch nicht mehr durch traditionelle Gemeinschaften und Beziehungen emotional gebildet und stabilisiert, dann müssen öffentliche Einrichtungen diesen Part in unter Umständen eigens dafür geschaffenen Programmen übernehmen.

Inzwischen habe ich mich auch in diesen Bereich eingelesen und in meinen Erinnerungen Spuren dieser Unternehmungen gefunden. Sie sind eine gute Beigabe, ohne Zweifel, aber eben auch nur das: eine Beigabe, abhängig vom besonderen Engagement und der Einsicht von Einzelnen.

Einen Gewinn habe ich für mich persönlich allerdings aus dem Buch gezogen. Auch Goleman betont die Achtsamkeit als grundlegende Kompetenz für emotionale Intelligenz. Er versteht darunter, dass wir uns unserer Stimmungen UND Gedanken bewusst sind. Auch hierbei bezieht er sich auf andere (John Mayer & Peter Salovey). Dabei ist genau diese Praxis aber eigentlich sehr alt und ein wichtiger Teil der buddhistischen Lehre. Der Grund, warum gerade der Dalai Lama an diesem Bereich besonders interessiert ist. Inzwischen gibt es auch ein englischsprachiges Buch mit dem Titel Emotional Intelligence 2.0 und einen regen Gebrauch des Trainings entsprechender Fähigkeiten und Kompetenzen in Bereichen, die auf Erfolg in Leben und Beruf ausgerichtet sind.

Genau an diesem Punkt steige ich aus. Mein eigener Bezug ist über die Lehre der Achtsamkeit gegeben, aber eine Ausrichtung auf Erfolg in Leben und Beruf ist damit für mich nicht zwangsläufig verbunden. Für mich steht Erkenntnis im Mittelpunkt, der Wunsch verstehen zu wollen was vor sich geht und darüber die Verringerung von Leiden. Die gleiche Methode kann letztlich für unterschiedliche Ziele eingesetzt werden.

Sehr viel besser hat mir das Buch Emotion – The Science of Sentiment von Dylan Evans gefallen. HAL, Spock, Blade Runner, der Roboter Kismet, Raves und Drogen als Bezüge, sowie einen nicht-deutschen Blick auf die Aufklärung und ihre Väter, der anführt, dass Philosophen der Aufklärung wie David Hume, Adam Smith oder Thomas Reid von Emotionen fasziniert waren. Von Adam Smith, der meist nur in einem Zusammenhang zur Ökonomie gesehen wird, existiert das Buch The Theorie of Moral Sentiments (1759), in dem eine Beziehung zwischen Emotionen und moralischem Verhalten hergestellt wird. Auch darauf bin ich schon an anderer Stelle als eine wichtige Verbindung gestoßen. Von Evans wird erwähnt, dass die angeführten Philosophen Emotionen als lebenswichtig für die Existenz der Individuen und des Sozialen betrachteten und es für sie rational war emotional zu sein. Für ihn ist das wissenschaftliche Studium der Emotionen nicht nur möglich, sondern von großem Wert und bedeutet gleichzeitig nicht weniger tief zu fühlen. Zu wissen wie Emotionen arbeiten, stellt für ihn eine Möglichkeit dar reicher zu leben.

Und genau hier ist der entscheidende Punkt. Offenheit, grenzenlose Weiten. Eine Aufklärung, die sich beschränkt und den Verstand nicht einsetzt, um auch Emotionen mit Achtsamkeit und Respekt unvoreingenommen zu untersuchen, oder eine Beschäftigung mit Emotionen, die auf einen festgelegten gesellschaftlichen Nutzen ausgerichtet ist, setzen Grenzen, durch den Wissenserwerb verhindert werden kann. Es gibt nach meinem Wissen bisher keine allgemeine Theorie der Emotionen. Etwas, womit Individuen allein und im Kontakt mit anderen tagtäglich konfrontiert sind, das im Verlauf der Entwicklung des Kindes im kulturellen Kontext erlernt wird, das eine Basis des menschlichen Lebens darstellt, aus dem Freude genauso wie Leid hervorgehen, läuft so nebenher? Wird über die Praxis geregelt? Bleibt denjenigen überlassen, die sich besonders dafür interessieren?

Mir wurde in den letzten Monaten Gelegenheit gegeben das menschliche Leben aus einer anderen als meiner gewohnten Perspektive zu betrachten. Eine Perspektive, die viele Begebenheiten und Erfahrungen meines vergangenen und gegenwärtigen Lebens neu ordnet und in einen neuen Zusammenhang bringt. Dabei ist es allerdings schwer andere Denk- und Emotionsmuster zu entwickeln und auch darin zu verbleiben. Um mich her und in mir selbst wird die Aufrechterhaltung gewohnter Strukturen gefördert. Dabei gehört aber auch das zu beobachten und die Gründe dafür zu bestimmen zu meinem Untersuchungsgegenstand.

Zum Schluss bleibt zu erwähnen, dass ich momentan nicht die geringste Ahnung habe, wie ich das alles mit meiner Bachelorarbeit verbinden soll. Durch die Änderung der eigenen Haltung und Sichtweise eröffnen sich andere Möglichkeiten des Handelns bzw. des Nicht-Handelns (ein ungemein interessanter Punkt, dass Änderungen dadurch geschehen, dass etwas nicht getan wird, das vorher stattfand!). Da Emotionen und gedankliche Verarbeitungsprozesse in einem Austausch stehen, wirken Änderungen in der gedanklichen Verarbeitung auch auf die Emotionen und auf das sich-in-der-Welt-Fühlen und von dort wieder zurück.

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