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Ein Tool zur Bewusstwerdung von Emotionen sowie Fragen der Machtausübung

2009 wurde ein abgelehnter Forschungsauftrag von Gabi Reinmann online gestellt und kann daher von mir 5 1/2 Jahre später mit großem Interesse gelesen werden. Das Ergebnis dieser Untersuchung hätte mich durchaus sehr interessiert, denn es handelt sich dabei um ein Tool zur Reflexion von Emotionen im Lernprozess. „Sich seiner eigenen Emotionen im Lernprozess bewusst zu werden, ist eine notwendige Bedingung dafür, den eigenen Lernprozess zu beobachten und zu steuern“ (Reinmann, 2009).

Zielformulierung war:

  • „Studierenden ermöglichen, sich der eigenen Emotionen zunächst bewusst zu werden und deren Vorhandensein zu akzeptieren […]
  • Studierende in der Konkretisierung der empfundenen Emotionen unterstützen […]
  • Studierende in der Erforschung der Ursachen ihrer Emotionen […] unterstützen“ [1]

Mal ganz abgesehen davon dass es sehr interessant ist zu sehen wie umfangreich ein Forschungsantrag aussieht, liefert er sehr viele Auskünfte für die angenommenen Prämissen. Erneut ist für mich vor allem von Bedeutung, dass jemand so etwas überhaupt tut. There is not only loneliness around.

Ich denke, für viele Personen ist die Berücksichtigung von Emotionen ohne Bedeutung. Über die Gründe dafür kann ich letztlich nur spekulieren, ich weiß aber aus der Erfahrung und aus Gesprächen, dass nicht jeder und jede sich explizit mit Emotionen befassen möchte. Und das aus sehr unterschiedlichen Gründen. Manche zeigen durchaus Begeisterung, andere betrachten es als überaus heikel, sogar bedrohlich, wieder andere als fehl am Platz, als unwesentlich oder als Privatsache.

Mir selbst fehlen an allen Ecken und Enden die Informationen und eine Vorstrukturierung. Heute Nacht habe ich über den Zusammenhang des Umgangs mit Emotionen und Macht nachgedacht. Emotionen sichtbar zu machen kann zu Auslieferung führen. Emotionale Coolness wurde von Kriegern für den Kampf trainiert und von Schwarzen, um sich gegen Rassismus zu schützen. Geringschätzung von Emotionen wurde benutzt, um Bevölkerungsteile als minderwertig zu markieren wie beispielsweise Frauen. Die Erziehung zu bestimmten Arten der Wahrnehmung und Interpretation von Emotionen wurde und wird benutzt, damit Menschen die Möglichkeit genommen wird sich zur Wehr zu setzen. Alice Miller hat es als „Du sollst nicht merken“ thematisiert, vielleicht gerade dadurch, weil sie selbst dort hinein verstrickt war.

Residential schools in Kanada, ehemalige Heimerziehung in Deutschland, mit der Abweichler bedroht wurden, die kürzlich erst wieder gelesenen emotionalen Belastungen von Hauptschülern – Emotionen gering zu bewerten, als etwas zu verstehen das jeder mit sich selbst auszumachen hat, bedeutet einen Wirkungsbereich von Macht zu verschleiern. Leid wird nicht gedacht, Leid wird empfunden. Mobbing, Bullying, Gewalt, Burn-out. All das ist verbunden mit Emotionen. Emotionen sind etwas, das in einzelnen Augenblicken des Lebens auftaucht, dort beobachtet werden und auf das dort reagiert werden kann. Wie dabei jeweils reagiert wird, ist entscheidend dafür wie die Geschichte weiter geht.

Eigentlich war ich aber bei der Frage der Macht. Unrecht wahrzunehmen ist ein kognitiver Verarbeitungsprozess, die entscheidende Dramatik darin wird allerdings von den begleitenden Emotionen geliefert. Ohne Emotionen – so what? Erklären wir die Emotionen zur Privatsache, dann können wir in Ruhe auf der Sachebene über Sachzwänge verhandeln.

„Macht ist […] ein Beziehungsmodus, durch den freiwillig nicht vorhandene Gehorsamkeit, Unterordnung oder Willfährigkeit von anderen erlangt werden kann. Gewalt, Kontrolle, Zwang und Bedrohung sind die für diese Beziehungsform charakteristischen Techniken.“ [2]

Wem nützt es Emotionen eine geringe Bewertung zu geben?

Elias und Scotson sprechen von einer „emotionale[n] Gleichsetzung von hoher Macht mit hohem menschlichem Wert“ [3]. In einer Gesellschaft, in der durch die dominierenden Werte Emotionen als nachrangig eingestuft werden, bleibt emotionales Wohlergehen etwas, das nicht als gesellschaftliche Aufgabe, sondern als individuelle Zuständigkeit behandelt werden kann. Emotionen können Beachtung finden, müssen es aber nicht. Die Emotionen Machtniedrigerer brauchen nicht berücksichtigt werden. Informationen werden dadurch entwertet, Strukturen und gesellschaftliche Praxis bleiben erhalten. Eine geringe Einstufung von Emotionen kann auch dazu dienen ungewünschte Wirklichkeitswahrnehmungen fernzuhalten.


Referenz:

[1] http://gabi-reinmann.de/wp-content/uploads/2009/11/Antrag_Blog.pdf (abgerufen am 19.4.2015)

[2] Terpe, S. (1999). Die Schaffung sozialer Wirklichkeit durch emotionale Mechanismen. Halle: Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. 

http://www.forschungsnetzwerk.at/downloadpub/schaffung%20sozialer%20wirklichkeiten.pdf  (abgerufen am 19.4.2015)

[3] Elias, N. & Scotson, J.L. (1993). Etablierte und Außenseiter. o.A.: Suhrkamp.

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