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Emotionen während des Unterrichts – Ein Beispiel

Momentan befinde ich mich in der Anwendungsphase von Erkenntnissen, die ich bisher zu Emotionen gewonnen habe. Die Anwendung ist im Alltag sehr banal, dennoch ist sie für weitere Schlussfolgerungen sehr aufschlussreich. Ich werde mal eine gut überschaubare Szene schildern.

Vhs-Kurs Japanisch. Es müssen nach vorgegebenen Mustern Gespräche geführt werden. Nicht vorgegeben sind die Höflichkeitsfloskeln am Ende. Es ist die schwierigste und eigenverantwortlichste Leistung, vom Japanischlehrer aus eigener Initiative dem Lehrmaterial zugefügt, eine große Unsicherheit für viele der Schüler. Japanische Gepflogenheiten sehen vor, dass man sein Gegenüber schont. Man sagt nicht, dass etwas warui, also schlecht ist. Ich versuche es trotzdem, ich will wissen ob das nicht doch geht, kann mir allerdings schon denken was passiert.

Lachen. Beim Lehrer und auch bei einem Teil der Schüler. Kein Auslachen – es ist dieses Lachen: oh wie peinlich. In europäischer und japanischer Version (die sind durchaus verschieden). Nach einer Weile bekomme ich auch meine Erläuterung vom Lehrer und einigen Schülern. Auf einer verbalen, aber auch auf einer emotional erfahrbaren Ebene. Ich habe eine Peinlichkeit begangen. Ich habe mich europäisch verhalten. Besser ich tue das nicht. Es werden auch Ersatzvorschläge gemacht, aber am nächsten Tag vor allem hängen geblieben ist das was ich falsch formuliert habe: warui, ich habe primär gelernt was ich nicht tun und wie es sich anfühlen soll. Die Ersatzvorschläge muss ich dagegen erst nachlesen und danach gezielt lernen. Allerdings habe ich durch die von mir initiierte Situation dafür nun eine höhere Motivation.

Die Erinnerung an die Szene hat sich tief eingegraben und weil ich die Erinnerung wiederhole, gräbt sie sich noch tiefer ein. Ich werde nicht mit warui desu antworten, wenn mir jemand erzählt, dass er oder sie eine schlechte Stimme hat und nicht singen kann. Eher werde ich verwenden: watashi nimo. issho ni karaoke o mimashouka. Geht mir auch so, wollen wir zusammen Karaoke singen gehen? Ähnlich war der Vorschlag meines Japanischlehrers. Sagt eine ganze Menge über japanische Denk- und Umgangsweise aus.

Nun zu den Emotionen. Diese Szene sitzt. Zusammen mit den verbundenen Informationen. Und sie sitzt, weil Emotionen damit verknüpft sind. In diesem Fall weniger meine eigenen Emotionen als diejenigen der anderen. Ich habe dieses Lachen und sich Winden noch sehr deutlich vor Augen. Es sind Informationen über die bei anderen erzeugten und empfundenen Emotionen. Und weil ich nett behandelt wurde und ein netter Mensch bin, werde ich mich anpassen, auch wenn keiner derjenigen aus der Ursprungssituation anwesend sein wird. Ich werde es ihnen zuliebe tun, nicht weil ich selbst diese Peinlichkeit empfinde, das ist einfach nicht gegeben. In einer anderen Situation, die auf andere Vorerfahrungen zugreift, wäre eine solche emotionale Motivierung allerdings vorstellbar.

Es gibt nun gänzlich anders geartete Lern- und Lehrsituationen in denen soziale und emotionale Aspekte in anderen Formen anwesend sind. Die Unterschiedlichkeit dabei ist nicht das Entscheidende, bedeutsam ist vor allem, dass emotionale und soziale Aspekte anwesend sind und wichtige Lehrer darstellen. Und das nicht nur bei Kindern. Das fällt aber erst ins Auge, wenn man gezielt darauf achtet. Dann ist es allerdings (jedenfalls für mich) hoch spannend. Und ich bin mir recht sicher, dass hier viel nachhaltiger gelernt wird als auf der Ebene nur kognitiven Verstehens, dem jedoch immer noch häufig die Priorität auch in Situationen gegeben wird, in denen das Lernen gerade vorrangig auf ganz anderen Ebenen stattfindet.

Hier befindet sich auch die Wirkungsebene des sogenannten heimlichen Lehrplans, der aber aus der Perspektive der Emotionen betrachtet gar nicht mehr so heimlich ist. Er steht ganz offen und beobachtbar zur Verfügung. Er verwirklicht sich nebenher in Situationen. Ein anders eingestellter Fokus und die Bereitschaft emotionale Aspekte als bedeutungsvoll zu erfahren, lässt für mich eine ganz andere Erlebenswelt heraufscheinen. Und ermöglicht andere Reaktionen und Handlungen.

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