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Emotionales Gesetzbuch sowie Transformationsprozesse

Dieser Blogbeitrag beschäftigt sich mit zwei unterschiedlichen Dingen, deren Gemeinsamkeit die Beschäftigung mit dem Thema Emotionen ist.

Das emotionale Gesetzbuch ist aus dem Jahr 2005, steht in der Kasseler UniBib und versucht sich an einer interdisziplinären Herangehensweise an das Thema Emotionen, bei der Vertreter verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen Beiträge liefern, die im Hauptteil jeweils auf eine bestimmte Emotion ausgerichtet sind und diese Emotion aus ihren jeweiligen Blickwinkeln beleuchten.

In den letzten Monaten habe ich Bücher auf verschiedene Weise ganz neu schätzen gelernt. Bei diesem ist es allerdings weniger die Art des Inhaltsaufbaus wie bei Sackgassen der Bildung von Pongratz oder das was die Autoren selbst als Besonderheit formuliert haben, die Verbindung von Emotionen und Normen, als die Art der Buchgestaltung die dabei herausgekommen ist. Auf den ersten Blick dachte ich, es sei ein Kunstbuch, auf den zweiten Blick entpuppt es sich als analoger Hypertext. Und das ist für mich eine extrem interessante Erfahrung.

Die Grundgestaltung des Buches entspricht bewährten Methoden (Inhalts- und Autorenverzeichnis, Namens- und Sachindex, durchlaufende Kapitelbezeichnung am Kopf der Seite, Literaturverzeichnis am Ende der einzelnen Kapitel, Fußnoten), auffällig wird es erst durch die häufige Verwendung unterschiedlicher Schriftarten, -größen und -farben, verschiedener Formen der Aufteilung der Seiten in Spalten oder die Verwendung von Kästen für Textpassagen.

Bei genauerer Betrachtung ist die Gestaltung allerdings kein gestalterischer Selbstzweck, eine Spielerei oder ein Eyecatcher, sondern die logische Folge aus der Funktionsweise des Buches. Während der fortlaufende Text vor allem auf der rechten Seite des Buches zu finden ist, wird die linke Seite primär für relevante Zusatzinformationen genutzt, das was bei Verlinkungen digitaler Medien dann auf einer neuen Seite aufklappen würde. Bei den Zusatzinformationen finden sich unterschiedlichste literarische Texte (auch im Original mit Übersetzung), Begriffserläuterungen und -definitionen, kurze Biografien, unterschiedlichste Formen von Bildern, Noten, Gesetzestexte, kommentierte Pressemitteilungen, ein Klassifikationssystem, Netzadressen, eine Spielbeschreibung, zusätzliche Fußnoten als Seitennoten, ein Liedtext, Beschreibung von Experimenten, Einschübe zusätzlicher Texte, eine Sammlung von Zitaten…

Nachdem ich die grundlegende Funktionsweise begriffen hatte, ist es sehr einfach und ausgesprochen anregend mit dem Buch zu arbeiten. Für meine eigenen Zwecke verwendbar ist zwar nur das dort benutzte Kategoriensystem, die Bedeutung des Buches liegt aber sowieso weniger im Inhalt der einzelnen Teile als in ihrem Zusammenwirken und dem Gesamteindruck der dabei während des Lesens entsteht. Das Buch übermittelt einen Erfahrungsraum zum Thema Emotionen. Und das macht es sehr gut.

Es ist in meinen Augen kein Buch das etwas klärt oder Fragen beantwortet. Es ist kein Buch das eine zusammenhängende Theorie vermittelt oder in Theorie einführt. Es ist ein Buch, das die Aufmerksamkeit auf Vielfalt und Fülle lenkt. Es ist ein Einsteigerbuch, das den Blick dafür schärft wie bedeutsam das Thema Emotionen in unserer Kultur ist und auch eine Ahnung der kulturellen Bedingtheit des Ausdrucks und der Bewertung von Emotionen hervorscheinen lässt.

Was mich jedoch am meisten fasziniert und zum Blogeintrag geführt hat, ist das Hypertextformat und die Möglichkeit zu erfahren, dass und wie es analog umgesetzt werden kann. Und das Buch schafft es bei der Fülle an Informationen, die es nebenbei liefert, dem Leser dennoch den Überblick zu erhalten und dabei ein überschaubares, zusammenhängendes Bild zu liefern. Inhaltlich weiter gebracht hat es mich nach den vielen Texten die ich bereits gelesen hatte zwar nicht wirklich, es hat mir jetzt allerdings zwischendurch eine interessante Erfahrung von dem vermittelt was auch möglich ist. Zusätzlich ist das Buch ein besonderer ästhetischer Genuss.

Das zweite Thema des Blogbeitrags bezieht sich auf den für mich immer noch schwer einzuordnenden Zustand in dem ich mich befinde.

Ich habe den Begriff Transformationsprozess dafür gewählt, weil ich ihn als am wahrscheinlichsten einstufe. Ich kann an mir sehr eigenartige Symptome beobachten, auf die ich hier nicht im Einzelnen eingehen will. Im Themenbereich Emotionen lassen sich immer wieder Hinweise darauf finden, dass emotionale Strukturen schwer zu ändern sind. Gleichzeitig ist es ein verbreiteter Wissensbestand, dass die Konzentration auf ein Thema die Achtsamkeit dafür erhöht und dadurch auch zu mehr Informationen dazu führt. Weiterhin wurde u.a. von Rolf Arnold thematisiert, dass Erwachsenenlernen ein Anschlusslernen ist, das Vorwissen, Erfahrungen, konkrete Interessen und Probleme der Lebenswelt nutzt. Ich habe ausreichende Hinweise darauf, dass Anschlusslernen sowohl ein Dazulernen von Neuem, als auch ein Umlernen von Altem umfassen kann. Es gibt immer wieder Hinweise darauf, dass zunehmendes Alter beide Fähigkeiten beeinträchtigt, das behalte ich im Hinterkopf ohne mich aber davon abschrecken zu lassen.

Ich kann an mir auffällige Verhaltensänderungen beobachten. Parallel ist es so, dass ich normale alltägliche Tätigkeiten in einer veränderten Form wahrnehme. Ich beschäftige mich viel mit Erinnerungen und setze sie einerseits neu zusammen, erinnere mich plötzlich auch an ganz andere Dinge als zuvor und bewerte Erfahrungen aus der Vergangenheit neu. Ich bewege mich anders und habe eine veränderte geistige Haltung dazu. Ich greife auf lange nicht benutze Befähigungen zurück, nehme sie verändert wahr und bewerte sie neu. Mein Selbstbild verändert sich. Ich habe für die Beobachtung interpersoneller Problematiken eine zusätzliche Kategorie. Ich halte mich öfter zurück bevor ich etwas tue oder sage und entscheide mich dann zu einer anderen Verhaltensweise als ich es in der Vergangenheit getan hätte.

Für mich ist es offensichtlich, dass die Ausrichtung auf Emotionen ein hohes Potential für Veränderungen hat (zumindest bei mir selbst). Die Wirksamkeit kann ich an zwei Faktoren festmachen. Einerseits ist es die Anwendung von Wissen auf der Basis von erweiterten Informationen über Emotionen, also eine Veränderung des Denkens über Emotionen, andererseits ist es die geschärfte Achtsamkeit gegenüber Körperempfindungen, die Verstärkung der Beobachtung der Ebene auf der es möglich ist den physiologisch-körperliche Ausdruck von Emotionen in der Selbstbeobachtung fortwährend zu erfahren.

Wie das Ganze insgesamt zusammenwirkt entzieht sich meiner Kenntnis. Etwas geht rein, führt zur Änderung von Gedankeninhalten, diese wiederum bewirken Änderungen in der Beobachtungsrichtung und dadurch kommt es zu Verhaltensänderungen. Das was ich als Ich bezeichne befindet sich dabei in der Position einer verwunderten Beobachterin, die nach Erklärungsmöglichkeiten sucht und dabei feststellt, dass es sich weniger um ein Dazulernen als eine grundlegende Veränderung in der Haltung zu bereits Bekanntem zu handeln scheint. Daher liegt der Begriff Transformationsprozess nahe. Ich bin keine andere Person als zuvor. Ich habe keine anderen Interessen und Vorlieben, was sich geändert hat ist die Wahrnehmung dafür, die Bewertung, die Zuordnung, das Verständnis für Zusammenhänge und die Möglichkeiten der Verhaltenskonsequenzen.

An anderer Stelle habe ich die Information gefunden (keine Ahnung wo), dass Dazulernen im Erwachsenenalter häufig nicht zu einer andauernden Verhaltensänderung führt, da bisherige Gewohnheiten sich langfristig viel zu stark auswirken (die Person rutscht nach der kurzzeitigen Irritation wieder in ihre Ausgangsposition zurück). Das was ich momentan erlebe betont allerdings das womit ich mich gewohnheitsmäßig identifiziere, scheint sogar durch bessere Akzeptanz zu einer Verstärkung dieser Gewohnheiten zu führen, während gleichzeitig etwas Neues hinzugefügt wird. Bei dem Neuen handelt es sich um so etwas wie einen anderen Umgang mit dem Vorhandenen.

Insgesamt bleibt die Einschätzung eines Lerneffekts schwierig, genauso wie es schwierig bleibt Prognosen für die zukünftige Entwicklung aufzustellen. Auch die generelle Einschätzung der Bedeutsamkeit des Themas Emotionen ist für mich bislang nicht wirklich möglich. Da es sich letztlich um vollkommen alltägliche Dinge handelt, scheint sich in manchen Momenten alles aufzulösen. Alle Beobachtungen sind so selbstverständlich eingebettet, dass sie sich im Fluss des alltäglichen Lebens zu verlieren scheinen. Was bleibt ist die Fortführung von Beobachten, Nachdenken, Ausprobieren sowie weiterem Lesen.

Referenz:

Kiesow, R.M. & Korte, M. (Hrsg.) (2005). Emotionales Gesetzbuch: Dekalog der Gefühle. Köln: Böhlau.

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