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Emotionen – Auf einer fernen nahen Insel

Ich bin auf einer fernen Insel und die Zeit verstreicht. Mein Interesse die Aktivitäten anderer Menschen im Netz zu beobachten sowie Meinungen zu teilen oder zu verbreiten ist schon vor einer ganzen Weile gesunken. Ich verbringe einen beträchtlichen Teil meiner Zeit damit mich mit aufgeschriebenen Gedanken zu Emotionen zu beschäftigen, mir Gedanken darüber und zum Thema insgesamt zu machen, mich selbst zu beobachten sowie auszuprobieren. Es ist ein wenig einsam, das liegt an der momentanen Ausrichtung auf meine eigenen inneren Prozesse. Die Zeit, als ich mit jedem der oder die zur Verfügung stand in einen Austausch über Emotionen zu treten versuchte, liegt hinter mir und es fühlt sich an als wären seitdem bereits Jahre vergangen. Ich bin über die Situation verwundert, mache mir aber wenig Sorgen. Irgendwann werde ich schon fertig sein. Außerdem habe ich immer noch die Hoffnung dabei etwas von großem Gewinn für mich mitzubringen.

Die Frustration nach dem Schlusskapitel des Spinoza-Effekts von Damasio habe ich durch Zufall, Zeit und Lesen der noch zurückgestellten Kapitel vier und fünf überwunden. In der Nacht wache ich auf und wende einen Teil der bei Damasio gelesenen Vorstellungen des Vortags auf mich selbst an. So wie Damasio schreibt, dass er nicht Spinoza erläutern, sondern die durch ihn inspirierten eigenen Gedanken darstellen möchte, geht es mir mit Damasio. Damasio hat mich auf eine Reise in mein eigenes Gehirn mitgenommen. So etwas kann er. Er hat mir neue Vorstellungsbilder zur Anwendung geliefert. Das Gehirn und was in ihm vor sich geht, ist für ihn ein Teil des Körpers. Für mich war das in der Vergangenheit in meiner Selbstwahrnehmung nicht so. Ich kann mein Gehirn nicht fühlen, meinen weiteren Körper aber sehr wohl. Dort lassen sich verschiedenste Arten von Körperempfindungen auch ganz systematisch beobachten, das ist mit etwas Übung recht leicht. Der Bereich des Gehirns bleibt allerdings leer – oder?

Nein, der Raum des Gehirn ist nicht leer. Das Gehirn arbeitet nur anders, daher lassen sich dort andere Erscheinungen beobachten. Die den Empfindungen adäquaten Produkte des Gehirns sind Vorstellungen, Gedanken, Ideen, Bilder. Damasio hat mir für diese Wahrnehmung die Grundlage geliefert. Der weitere Körper liefert Empfindungen als Informationen, das körperliche Gehirn produziert in seiner spezifischen Form wahrnehmbare und verwendbare Informationen. Und das, worum es dabei eigentlich geht, ist anscheinend sowieso etwas ganz anderes. Es scheint das Bewusstsein zu sein.

Beim Versuch dieses genauer zu lokalisieren bin ich eingeschlafen. Im Raum des Gehirns selbst konnte ich es jedenfalls nicht festnageln. Allerdings scheint es sich in dessen Nähe zu verdichten.

Damasio beschreibt die Vorstellung von Spinoza von parallel arbeitenden Systemen. Nach seinen Ausführungen kann ich das in der Selbstbeobachtung nachvollziehen. Die Produktionen des Gehirns zu beobachten ist dabei viel schwerer als die Empfindungen des weiteren Körpers, da sie keinen für mich wahrnehmbaren Ort der Lokalisation besitzen und die Konzentration dadurch schnell abschweift. Es ist schwierig den Strom von Bildern, Gedanken und was auch immer das Gehirn produziert über einen längeren Zeitraum zu verfolgen, um dazu eine Systematik zu erstellen. Aber letztlich ist es nichts anderes was dort produziert wird als es die Empfindungen auf der Ebene des weiteren Körpers sind – Informationsmöglichkeiten für das Bewusstsein. Und genau für das scheint das ganze Theater zu einem beträchtlichen Teil veranstaltet zu werden.

Auf Seite 226 gibt Damasio eine theoretische Erklärung zum Leib-Seele-Problem ab, hier eine für mein Verständnis modifizierte Fassung:

  1. Weiterer Körper und Gehirn sind ein Organismus und interagieren intensiv und wechselseitig. Die Mittel dafür sind neuronale (Nervensystem) und chemische (Blutkreislauf) Bahnen.
  2. Die Aktivitäten des Gehirns sollen vor allem die Lebensregulation des Organismus unterstützen. Unterstützt werden dabei die inneren Operationen des weiteren Körpers sowie die Interaktion zwischen Organismus und sozialer und materieller Umwelt.
  3. Die Aktivität des Gehirns soll vor allem Überleben und Wohlbefinden sichern. (Nebenher können Gedichte geschrieben und Raumschiffe gebaut werden.)
  4. In komplexen Organismen reguliert das Gehirn Operationen, indem es Vorstellungen (Gedanken, Ideen) erzeugt und manipuliert. Der Prozess wird als Geist bezeichnet.
  5. Um Objekte oder Ereignisse innerhalb oder außerhalb des Organismus wahrzunehmen, werden mentale Bilder benötigt. Diese können sich auf die Innen- und die Außenwelt beziehen. Es gibt dabei automatische und willkürliche Reaktionen. Weiterhin die Möglichkeit der Planung.
  6. Die Schnittstelle zwischen Aktivitäten des weiteren Körpers und den geistigen Mustern (Vorstellungen) des Gehirns liegt in spezifischen Gehirnregionen. Neuronale Schaltkreise konstruieren hier kontinuierlich dynamische neuronale Muster. Diese Muster sind Darstellungen der Aktivitäten im weiteren Körper in dem Augenblick in dem sie sich manifestieren.
  7. Die Darstellung der Aktivitäten des weiteren Körpers in den Schnittstellen muss kein passiver Prozess sein. Mentale Karten werden von den Strukturen geprägt in denen sie entstehen. Diese Strukturen werden außerdem von anderen Hirnstrukturen beeinflusst.

Es ist das Bewusstsein des Menschen, das in der Lage ist auf diese Prozesse einzuwirken. Um Flexibilität zu erreichen reicht es nicht, nur Automatismen ablaufen zu lassen. Komplexe Prozesse benötigen zu ihrer Steuerung ein Bewusstsein, das in der Lage ist Informationen neu und kreativ zu verarbeiten um davon ausgehend lenkend einzugreifen. Nach Damasio (2003, S.194) ist es die natürliche Aufgabe der Gefühle (das ist bei ihm etwas anderes als Emotionen, Emotionen liegen Gefühlen bei ihm zugrunde) an den Geist Informationen über die Lebensbedingungen weiterzuleiten und für die Berücksichtigung bei der Verhaltensorganisation zu sorgen. Empfindungs- als auch Denkprodukte stehen beide dem Bewusstsein als vorstrukturierte Informationsquellen für Entscheidungsanforderungen zum Erhalt von Leben und Wohlergehen zur Verfügung (Gedichte schreiben und Raumschiffe bauen könnten dann dem Bereich des Wohlergehens zugeordnet werden) .

Aus dieser Sicht verfügt das Individuum über zwei parallele Systeme zur Informationsgewinnung, die eng miteinander verbunden sind und einem Bewusstsein zur Verfügung stehen, das deshalb benötigt wird, weil automatisierte Prozesse allein nicht ausreichen. Die Art der erzeugten Informationen der beiden Systeme ist in der Wahrnehmung jedoch sehr unterschiedlich, so dass sie als getrennte Systeme verstanden oder auch in eine hierarchische Ordnung gebracht werden können. Beide Systeme liefern jedoch gleichermaßen Informationen, die für das Bewusstsein von Bedeutung sind, um flexibel und effektiv die Funktion des Organismus zu unterstützen.

Referenz:

Damasio, A.R. (2003). Der Spinoza-Effekt. Wie Gefühle unser Leben bestimmen. München: List.

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