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Emotionen und Schulbetreuung – und vorher ein kurzer Exkurs in die japanische Sprache

Eigentlich wollte ich endlich einmal etwas über Schulbetreuungen schreiben, doch das neue Windowsupdate hat mich ausgebremst. Nach einer Stunde Warten auf den Abschluss der Installation, genutzt für ein wenig Japanischlernen, habe ich das Ganze abgebrochen und den Rechner ausgeschaltet und bin nach einigem Hin und Her endlich ins Netz gekommen. Auf Twitter werde ich unter Windowsupdate dann mit japanischen Meldungen überschüttet und zum ersten Mal wird mir bewusst, dass Japaner auf Twitter sehr viel mehr als wir schreiben können. Unsere Wörter werden mit einzelnen Buchstaben geschrieben, japanische Wörter aber durch Silben, gemischt mit Zeichen, die Silben noch einmal zusammenfassen können.

Da wir im Japanischunterricht seit gestern Texte ohne Furigana bearbeiten, habe ich inzwischen doch noch die Hoffnung zukünftig normale japanische Texte lesen zu können (z.B. auf Twitter 🙂 ) und nicht nur diejenigen auf Kinderniveau. Vom momentanen Text im Unterricht bin ich dabei sehr angetan, da er in einer sehr poetischen Sprache in einem sehr ästhetischen Design geschrieben ist und wunderbare Vorstellungsbilder erzeugt. Das motiviert. Es ist für mich auch unglaublich faszinierend so etwas unmittelbar in einer Sprache verstehen zu können, die so sehr viel anders als meine Muttersprache ist. Auch das motiviert.

Dieser Exkurs hat mich jetzt noch weiter weg von der Schulbetreuung geführt als ich bereits war, dabei befinde ich mich allerdings immer noch ganz dicht am Thema Emotionen. Das sitzt inzwischen so fest, dass ich manche Texte nur mit Blick darauf lese und mir in anderen ganz besonders das ins Auge sticht, das mit Emotionen zu tun hat. Es ist ein sehr interessanter Zustand, der die Welt aus einer sehr speziellen Perspektive erfahrbar macht und mich in einer vereinnahmenden Weise fokussiert.

Ein Artikel, den in der Zwischenzeit über Facebook gelesen habe, bringt mich zwischendurch dazu, dass ich bei seinen letzten Zeilen zuerst einmal denke, ja, das was da gesucht wird ist durchaus Emotionskompetenz. Kenntlich durch die Frage, wie geht man im Beruf des Lehrers nicht kaputt?

Und das führt mich dann doch wieder zurück zur Schulbetreuung.

Bei der letzten Fortbildung waren wir weit über 40 Frauen aus dem Landkreis (kein einziger Mann!) und sollten etwas über schwierige Elterngespräche erfahren. Die Anbieterin hatte uns Wünsche aufschreiben lassen, und was auffällig gehäuft auftrat, war der Wunsch nach Gelassenheit.

Dass das Thema Emotionen für mich so bedeutungsvoll ist, hat ja nun seine Gründe. Und dass ich es nicht nur einfach so generell betrachte, sondern sehr konkret, bezogen auf die Emotionen in Bildungsprozessen und Bildungsinstitutionen, hat zwar nicht nur, aber sehr viel mit der Grundschulbetreuung zu tun.

Gelassenheit, wenn Eltern sich beschweren, dass ihre Kinder nicht von ausgebildeten Erziehern betreut werden, wofür die Betreuenden selbst letztlich nicht verantwortlich gemacht werden können, Gelassenheit wenn sich innerhalb einer Stunde die Gruppenzusammensetzung dreimal ändert. Gelassenheit wenn zeitweise weit über 30 Kinder von einer einzigen Person betreut werden müssen, Gelassenheit, wenn es dann auch noch regnet und alle zusammengepfercht in einem kleinen Raum bleiben müssen, da es zwar für Nutztiere eine Angabe der Mindestraumgröße für die artgerechte Haltung gibt, aber nicht für Kinder.

Gelassenheit wenn es plötzlich rundgeht und die Aggressionen steigen, Gelassenheit wenn ein Kind seinen dollen Tag hat und andere ansteckt, Gelassenheit bei schrillen Kinderstimmen und einem extremen Geräuschpegel, Gelassenheit beim Hilf-mir-mal von vier verschiedenen Seiten gleichzeitig, bei den Forderungen jetzt sofort und auf der Stelle das bekommen zu können was man möchte – wofür alle anderen selbstverständlich warten sollen. Gelassenheit bei gegenseitigen Anschuldigungen der Kinder darüber wer angefangen hat und wer Schläge und Bestrafung verdient hätte. Gelassenheit wenn ein Spiel fortwährend unterbrochen werden muss und am Ende kaum gespielt wurde, weil Kinder abgeholt werden oder anderen Verpflichtungen nachgehen müssen. Gelassenheit bei Organisationsmängeln, Informationsdefiziten und dem Durchsetzen schwer nachvollziehbarer Schulregeln, Gelassenheit bei Vorwürfen und Anklagen von Seiten der Kinder, beim Rumnörgeln wegen Langeweile, und Gelassenheit wenn mal wieder deutlich zu spüren ist wie gering die Arbeit der Betreuungsfrauen in der Institution bewertet wird.

Ich habe mich einmal blauäugig an einem MOOC zur Schultransformation beteiligt, in dem mir nach einer Weile klar wurde, dass er eigentlich von Lehrern für Lehrer veranstaltet wurde. Wenn von Schulen die Rede ist, dann wird von den Kindern geredet, sehr viel von den Lehrern, etwas von den Eltern, aber kaum einmal von allen anderen. Dabei gibt es gerade in Ganztagsschulen sehr viele davon.

Manchmal merke ich sehr deutlich, dass wir gerade eben nur der Dreck unter den Fingernägeln sind, die Handlanger, an die die Kinder weitergereicht werden wenn es nichts anderes für sie zu tun gibt. Wie oft fragt jemand danach wie es uns damit ergeht? Wie oft fragt jemand nach der Verbesserung der Qualität der Betreuung? Wie unsere Möglichkeiten dafür verbessert werden könnten? Ich habe im Lauf der Jahre mit vielen Grundschulbetreuerinnen reden können. Frauen mit pädagogischer Ausbildung und ohne. Wir teilen viele Erfahrungen, wir übernehmen für die Schule, die Eltern und die Kinder wichtige Aufgaben. Und auch weil wir sehr viel mit sozialem Lernen zu tun haben, haben wir ausgesprochen viel mit Emotionen zu tun. Das umfasst wie wir mit den Emotionen der Kinder umgehen, wie wir mit unseren eigenen umgehen, wie wir den Emotionen der Eltern begegnen. Wie wir emotional mit unserem Status zurechtkommen, wie wir unsere vielfältigen Probleme am besten effektiv und unaufgeregt lösen.

In gewisser Weise gehören wir zum sozialpädagogischen Bereich, aber so betrachtet werden wir eher selten. Wir sollen entlasten, auffangen, Lücken füllen, klaglos zur Verfügung stehen, wenn man uns braucht, und möglichst wenig zusätzliche Arbeit machen.

Es ist kein Wunder wenn sich Betreuungsfrauen vor allem Gelassenheit wünschen.

Ich bewege mich zur Zeit primär im Rahmen der Psychologie, daher bin ich stark auf innere Vorgänge und weniger auf gesellschaftliche Rahmenbedingungen ausgerichtet. Zurückgreifend auf die Coping-Strategien versuche ich mich momentan vor allem am emotionsorientierten Coping.  Auch mein Wunsch lautete bei der Fortbildung Gelassenheit. Und genau die von Frenzel, Götz und Pekrun (2015, S.221) für den schulischen Bereich vorgeschlagenen Strategien sind für mich dabei ausgesprochen hilfreich und wirkungsvoll. Daher fasse ich sie noch einmal in einer für die Betreuung verwendbaren abgewandelten Form zusammen.

  • Es ist notwendig das Bewusstsein dafür zu fördern oder zu erhalten, dass Emotionen eine bedeutsame Rolle im sozialen Miteinander und beim sozialen Lernen spielen und dass diese Form des Lernens eine große Bedeutung für den einzelnen Menschen sowie die menschliche Gesellschaft hat.
  • Dafür ist es wichtig immer besser zu verstehen was Emotionen sind und wie sie funktionieren. Daran können Einzelne auch allein arbeiten. Wenn möglich ist es allerdings sinnvoll mit anderen darüber in Austausch zu treten und die gewonnenen Erkenntnisse zu diskutieren und zu vermitteln. 
  • Gleichfalls bedeutend ist es sichtbar zu machen, dass emotionales Erleben verändert werden kann, so dass für den Einzelnen andere Arten des Sich-selbst-Erlebens und Handelns ermöglicht werden.
  • Zu diesem Zweck ist es sinnvoll konkrete Emotionsregulations- und Coping-Strategien zu erlernen, zu üben und weiter zu vermitteln.

Ich denke, damit ist meine eigene momentane Strategie ganz gut erfasst. Ganz einfach ist sie nicht, ich verfalle immer wieder in Automatismen, habe für vieles keine Vorbilder und die gesellschaftliche Bedingungen, die bestimmte Problematiken erst verursachen, werden dadurch auch nicht geändert. Es lässt sich dabei allerdings Leiden verringern sowie Wohlgefühl erhöhen. Und das stellt schon eine große Entlastung dar.

Referenz:

Frenzel, A.C., Götz, T. & Pekrun, R. (2015). Emotionen. In: Wild, E. & Möller, J.(Hrsg.) Pädagogische Psychologie, 2., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage. Berlin, Heidelberg: Springer.

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