Bildungsmäuschen

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Änderung von Vorstellungsbildern

Ich bin losgelaufen mit der kleinen Frage im Gepäck, warum Emotionen so wenig explizite Beachtung im Bereich der Bildung zu finden scheinen. Zurück kehre ich ohne eine klare Antwort, aber mit einem dicken Sack voller – nun, ich weiß nicht so recht was in meinem Sack drin ist. Voll ist er, ohne Zweifel, und ich weiß auch, dass es keine Puzzleteile sind aus denen ich erst etwas zusammenbauen muss, sondern dass ich den Sack so nehmen kann wie er ist und je nach Bedarf etwas daraus hervorkramen kann. Der Sack selbst steht für die Wahrnehmung von Komplexität. Es ist die Komplexität, die jeden Moment vorhanden ist, wenn es um Bildung geht. Und das ist wahrscheinlich so, weil es dabei um Menschen geht.

Es gab und gibt diese Haltung, dass Pädagogik Wischi-Waschi-Kram [1] ist und nicht viel notwendig, um ein Lehrer zu sein. Das mit den Lehrern habe ich nie so richtig geglaubt, bei der Pädagogik selbst war ich sehr ambivalent. Einerseits hat sie für mich keine hohe Reputation besessen, auf der anderen Seite habe ich mir unter pädagogischen Kenntnissen etwas Mysteriöses vorgestellt, in das man in besonderer Weise eingeführt werden muss. (Ich beschreibe hier emotional besetzte Vorstellungsbilder, die können sehr unreflektiert und naiv sein. Da sie aber eine starke Wirkung haben und Meinungen automatisiert prägen, ist es wichtig sie erkennen und benennen zu können. Auch wenn das manchmal etwas beschämend ist.) Meine Vorstellungsbilder bezogen auf Pädagogik und Lehrer haben sich während der Beschäftigung mit den Emotionen jedoch gravierend geändert. Daraus besteht mein Sack.

Mein Sack enthält Komplexität und keine klaren Antworten. Er enthält Material um es in komplexen Situationen nach dem jeweiligen Bedarf zu verwenden. Mein Sack ermöglicht einen anderen Blick auf den Menschen selbst, ohne ein festes Bild zu zeichnen. Zwischendurch hatte ich das Bedürfnis meinen Sack zu ordnen, doch ich hatte auch gleichzeitig den Eindruck, dass meine verbleibende Lebenszeit dafür nicht ausreichen würde. Daher habe ich das Problem gelöst, indem ich den Sack so belasse wie er geworden ist, eine ungeordnete Sammlung, aus der ich mir immer wieder herauspicken kann was ich aktuell benötige und woran ich aktuell zu arbeiten Zeit und Motivation finde.

Unglaublich fasziniert bin ich immer noch von der Darstellung von Damasio (2003) aus der sich ergibt, dass Gefühle mentale Prozesse sind. Ich müsste das noch einmal sorgfältig überprüfen, ob ich ihn nicht missverstanden habe, denn die Konsequenzen, die sich für mich daraus ergeben, sind weitreichend. Sind Gefühle, wie Damasio sie versteht, Produkte der Gehirntätigkeit, genauso wie Denken in Sprache und Bildern (und meine entsprechende Selbstbeobachtung spricht nicht dagegen), so löst sich jeglicher Dualismus in Luft auf. Gefühle sind genauso wie Denken auf der sinnlichen Wahrnehmungsfähigkeit des Körpers basierende Informationsverarbeitungsprozesse eines spezialisierten Teils des Körpers. Es gibt keinen Grund das eine dem anderen über- oder unterzuordnen. Es sind einfach nur verschiedene Möglichkeiten, die Menschen zur Verfügung stehen, und die zu verstehen und sinnvoll zu nutzen sie lernen können. Überordnen könnte man allein das Bewusstsein, da in ihm das Potential begründet liegt eine Auswahl zu treffen und Steuerungen vorzunehmen. Das würde sich dann unter anderem auf die Thematik des freien Willens beziehen, als auch die des Beobachters, der in der Lage ist die eigenen inneren Prozesse zu reflektieren. Darum geht es mir allerdings nicht.

Für mich selbst habe ich meine Belege nun erst einmal gefunden, und kann auf dieser Basis weiter machen. In meinen Vorstellungen sind Empfindungen, Emotionen und Gefühle jetzt in einer befriedigenden Weise in das Gesamtsystem integriert. Aus einem diffusen Da-stimmt-was-nicht ist ein Vorschlag zu einer für mich neuen Betrachtungsweise geworden. Das gilt es jetzt zu überprüfen, auszubauen und anzuwenden. Mit anderen Vorstellungsbildern ausgerüstet, nehme ich den Menschen an sich anders wahr.

Damit komme ich zurück zur Pädagogik und der Komplexität und was das mit meinem Sack zu tun hat. Pädagogik ist für mich inzwischen die Wahrnehmung von und die Arbeit mit Komplexität. Pädagogik kann schlecht perfektioniert werden und weiß kaum wo sie hinkommen wird. Sie ist eine fortwährende Herausforderung die bestmögliche und dennoch möglicherweise enttäuschende Lösung zu finden. Und diese Form der Unbestimmtheit ist kein Mangel oder Makel, sondern eine Notwendigkeit. Und aus diesem Grund war und ist der Umgang mit und die Einschätzung von Emotionen und Gefühlen ein Bestandteil pädagogischer Praxis, ganz gleich ob sie explizit benannt werden oder wurden oder nicht.

Eine Veränderung der Betrachtungsweise beispielsweise des Menschen oder der Gesellschaft durch neue Erkenntnisse oder gesellschaftliche Veränderungsprozesse führt zu einer Änderung bewusst angewandter Kenntnisse.  Es bleibt aber ein weiter Raum in dem Situationen Handlungsanforderungen stellen, in denen für die Praxis Lösungen gefunden werden, die auf implizites Wissen zugreifen. Und genau das scheint für mich Pädagogik ihre manchmal verwirrende Unschärfe zu geben.

Anmerkungen:

[1] Die japanische Sprache benutzt ganz selbstverständlich viele Lautmalereien bzw. Dopplungen, um Inhalte zu transportieren. Die Lautmalereien in Mangas kann man daher auch durchaus als etwas betrachten, dass der japanischen Sprache aus sich heraus nahe liegt. Belegen kann ich das nicht, mir gefällt diese sprachliche Möglichkeit aber sehr gut. Für mich stellt sie ein zusätzliches Element für Ausdrucksmöglichkeiten dar, das manchmal Geräusche einfügt, manchmal besondere Betonungen, und manchmal eine angemessene Leichtigkeit oder Auflösung. Nimmt man diese Art von Worten ernst, so können sie durchaus eine Bereicherung darstellen.

Referenz:

Damasio, A.R. (2003). Der Spinoza-Effekt. Wie Gefühle unser Leben bestimmen. München: List.

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