Bildungsmäuschen

Startseite » Emotionen » Die gesellschaftliche Positionierung von Emotionen

Die gesellschaftliche Positionierung von Emotionen

Es gibt viele Gründe Blogbeiträge zu schreiben oder nicht zu schreiben. Momentan stecke ich in Bezug auf meine Bachelorarbeit scheinbar hoffnungslos fest, während mein Leben selbst sich präsentiert als hätte ich einen Lichtschalter umgelegt, wodurch alles mit einer anderen Tönung überzogen scheint.

Auf den ersten Blick ist dadurch das Feststecken verursacht und das Blogschreiben ist der Versuch Schlussfolgerungen zu ziehen und eine weitere Richtung zu bestimmen, vielleicht sogar eine gänzliche Neuorientierung, denn es gibt langjährige Problematiken, die sich inzwischen in Luft aufgelöst zu haben scheinen. Ich kann an mir Denkarten entdecken, die ich zuvor nicht hatte. Ich puzzele meine eigene Biografie mit anderen Schwerpunkten neu zusammen. Ich versetze mich unmittelbarer in das Erleben der Menschen mit denen ich konfrontiert bin. Ich habe entdeckt, dass mich  MOOCs deshalb so sehr fasziniert haben, weil es MOOCs gibt, die Emotionen und andere Affekte in einer ganz besonderen Weise ansprechen, was zu einer hohen Motivation für die Teilnahme und in Folge zu Lernen führt. Interessant ist dabei, dass das bei mir gerade in englischer Sprache sehr gut funktioniert, was ich auf bestimmte Lernsettings in meiner Vergangenheit und die spezielle emotionale Besetzung englischsprachiger Lehre zurückführe.

Es sind häufig nur Kleinigkeiten, insgesamt tut sich jedoch einiges.

Eine andere Wahrnehmung bedeutet einen anderen Blick auf Problematiken sowie andere Prioritäten. Emotionen waren immer da, es ist immer mit ihnen umgegangen worden, es sind immer Regulationsmethoden gelehrt und gelernt worden, es gibt inzwischen spezielle Programme zur Förderung von Emotionskompetenz. Die Bedeutung von Emotionen für positive Führung sind bekannt sowie der Nutzen spezifischer religiöser, spiritueller und psychowirksamer Techniken, wovon einige eine sehr lange Tradition haben. Wenn man sucht, kann man jede Menge sinnvolles Wissen finden, das bereits zu Emotionen und zu einem positiven, förderlichen Umgang mit ihnen existiert. Die Fülle ist bei genauerem Hinschauen überwältigend und nicht ganz einfach zu ordnen, das hat jedoch auch keine Dringlichkeit.

Es ist ein anderes Problem, das für mich weiterhin ohne Veränderung bestehen bleibt. Es handelt sich um die Wertigkeit, die Emotionen zugestanden wird. Und es ist dieser Wert, durch den Kenntnisse über Emotionen und sinnvolle Techniken für den Umgang mit ihnen mehr oder weniger genutzt werden können. Sind Emotionen Nebenbeikram oder wichtige Unterstützer für den Verkaufserfolg oder gehypte Alleskönner oder suspekte Wechselbälger, von wem wird welche Darstellung von Emotionen im Rahmen von Machtbeziehungen zum Vorteil oder Nachteil von wem benutzt.

Es erscheint mir zum momentanen Zeitpunkt müßig weiter nach Techniken und Praktiken für Emotionskompetenz, Emotionsmanagement oder ähnlichem zu suchen und diese in einem Überblick zusammenzustellen. Inzwischen habe ich gelernt, dass es jede Menge gibt und ich mit sehr vielen davon im Lauf meines Lebens schon erstaunlich viel zu tun hatte. Ich konnte sie allerdings nicht als solche erkennen, weil ich nicht über ein entsprechendes Menschenbild verfügt habe.

Interessant ist dabei, dass sie anscheinend alle zu den Dingen gehören, die in unserer Kultur immer noch weitgehend als von geringer Wertigkeit für die menschliche Gesellschaft eingestuft werden. Und genau damit komme ich zu meiner Anfangsfragestellung zurück. Ich habe mich davon überzeugt, dass Emotionen zu bedeutungsvoll sind, um sie als etwas zu behandeln, das man für die „wichtigeren Dinge“ beiseite schieben kann. Emotionen, die im und durch das soziale Miteinander entstehen, sind außerdem kein alleiniges Problem des Individuums, in dessen Körper sie auftreten. Emotionen sind für das Individuum bedeutsame Informationen der subjektive Wertungen des Zustands, in dem er oder sie sich in der Gemeinschaft befindet. Lemmings und Brooks (2014, S.3) zitieren Thomas Dixon, der sie als „felt judgements“ beschreibt, die Hinweise körperlicher Natur liefern, wenn die momentane persönliche Situation nicht in Übereinstimmung mit Hoffnungen, Werten und Wohlergehen ist. Davon könnte man ableiten, dass wenn das Individuum ernst genommen wird, auch seine Emotionen ernst zu nehmen sind, werden die Emotionen des Individuums ernst genommen, wird es damit auch ein bedeutsamer Teil des Individuums.

Dieser Umgang mit Emotionen und ihrem Ausdruck vermittelt dem Individuum dabei u.a. Aussagen über seine Position und seinen Wert in einer Gruppe, Gemeinschaft, Organisation oder Gesellschaft. Die dabei entwickelten Vorstellungen sind ein wichtiger Bestandteil bei weiteren Emotionen und den Komponenten, aus denen sie sich zusammensetzten, wie Erleben, Ausdruck, Verhalten, somatische Reaktion und Bewertung. Die Auswirkungen sind dabei sehr vielfältig und haben auch Implikationen für das Erleben von Formen von Diskriminierung wie Rassismus, oder für das Erleben von Bullying oder Mobbing.

Emotionskompetenz gilt als wesentlich für soziale Verträglichkeit. Das Verständnis was Emotionskompetenz ausmacht und wie sie aussieht, steht jedoch in einem Zusammenhang damit welcher Stellenwert Emotionen im menschlichen Erleben zugeordnet wird. Von Shuman und Scherer (2014, S.13) wird angegeben, dass eine generelle Übereinstimmung darin besteht, dass Emotionen von Evolution UND sozialem Kontext geformt werden. Verstanden als Episoden mit multiplen Elementen, stehen Auftreten und Ausdruck von Emotionen, sowie die Art und Weise wie in die Komponenten von Emotionen eingegriffen und wie sie manipuliert werden, in direktem Zusammenhang mit den Bedingungen einer spezifischen Gesellschaft und ihren Strukturen. Und damit auch in einem Zusammenhang mit gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen sowie den jeweils vorhandenen Machtverhältnissen.

Und wenn beobachtet wird, dass das Programm Faustlos in einer Grundschule Verwendung findet, für seine Durchführung jedoch keine Lehrerin sondern eine Praktikantin sowie eine Schulbegleiterin bestimmt werden, dann kann das spezielle Fragen aufwerfen. Ohne die genaueren Umstände zu kennen, kann dieses Vorgehen den Eindruck erwecken, dass ein Nachhaken nach dem Wert, der Emotionen oder Emotionskompetenz oder dem Programm selbst zugeordnet wird, aufschlussreiche Informationen liefern könnte.

Ausgehend von der Anfangsfragestellung scheint es mir letztlich von hohem Interesse jeweils den zugeordneten Wert von Methoden und Mitteln für die Förderung emotionaler Kompetenz zu betrachten. Denn es geht letztlich um die Position, die Emotionen eingeräumt wird. Nicht darum ob etwas überhaupt existiert (Kompetenztraining) oder wahrgenommen (Emotionen) wird.

Denn eins scheint sicher. Emotionen haben sehr viel mit wahrgenommenen Bewertungen zu tun. Und Emotionen haben nachfolgende Auswirkungen auf die emotionale Konstruktion der Sicht auf die Welt sowie die eigene Person.

Referenz:

Lemmings, D. & Brooks, A. (Hrsg.) (2014). Emotions and Social Change. Historical and Sociological Perspectives. New York: Routledge.

Shuman, V. & Scherer, K. (2014). Concepts and Structures of Emotions. In: Pekrun, R. & Linnenbrink-Garcia, L. (Hrsg.). International Handbook of Emotions in Education.  New York: Routledge.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: