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Emotionen: Komplexitätsreduktion, Persönlichkeitsentwicklung

In den letzten Tage ist mir der Begriff Komplexitätsreduktion mehrfach ins Auge gestochen. Zuletzt gestern Abend bei Scobel, nachdem ich mir am Nachmittag bereits ein Zitat aus Lohhausen von Dörner et al. (1983, S.25) notiert hatte.

„Eine Möglichkeit der (scheinbaren) Komplexitätsverminderung ist die <<Eliminierung>> anderer Auffassungen als der eigenen durch physischen und psychischen Terror. Eine andere Möglichkeit dazu ist die Reduktion aller Phänomene auf einen Punkt und eine dritte ist die dogmatische Rechthaberei, die ebenfalls davon <<befreit>>, mit unbekannter Komplexität agieren zu müssen.“

Nun bezieht sich das Zitat auf einen vorher beschriebenen Kontext, der noch dem abweicht an den ich beim Notieren dachte und bei Scobel lag ebenfalls ein anderer Zusammenhang vor. Das erste Mal bewusst wahrgenommen hatte ich den Begriff  wiederum im Zusammenhang mit LdL und Unterricht (von Jean-Pol Martin kam auch der Hinweis auf Lohhausen). Der Begriff Komplexitätsreduktion steht dabei im Zusammenhang mit einem Vorstellungsbereich, der sich auf unterschiedliche Kontexte anwenden lässt, und verkörpert ein Prinzip. Neben weiteren Möglichkeiten kann ich ihn momentan sowohl für die Themenfindung meiner Bachelorarbeit als auch für das Thema Emotionen generell sehr gut verwenden, und zwar im Sinne der Reduktion von Phänomenen auf handhabbare Zusammenfassungen.

An anderer Stelle hatte ich bereits erwähnt, dass ich gerne eine klare, übersichtliche Antwort zu dem hätte was Emotionen sind und wie sie funktionieren, und ich hätte diese Antwort auch gerne zum ganzen Themengebiet der Emotionen. Im Zusammenhang mit Komplexitätsreduktion scheine ich dabei letztlich nur einem Bedürfnis zu folgen, das durch die menschliche Wahrnehmungs- und Verarbeitungsmöglichkeit verursacht wird. Da Emotionen Menschen fortwährend begleiten, ergibt sich daraus auf der einen Seite ein gewaltiger Beobachtungsraum und auf der anderen Seite scheint es momentan nur begrenzte Vorstrukturierung der vorhandenen wissenschaftlichen und weiteren Kenntnisse zu Emotionen zu geben, was anscheinend auch in einem Zusammenhang damit steht, dass Emotionen lange Zeit nur eine geringe Beachtung in den Wissenschaften fanden.

Ich hätte nun gerne einen zufriedenstellenden Überblick, eine Reduktion der Komplexität auf anwendbare Strukturen für den Bildungsbereich, merke aber, dass mir das nicht gelingt. Zu Beginn meiner Recherche, im Buch zu Emotionspsychologie, wurde ich bereits auf diesen Zustand hingewiesen als es um eine allen gemeinsame Definition dafür ging was Emotionen sind. Es werden einzelne Teilbereiche untersucht, dafür lässt sich eine Überschaubarkeit erzielen, aber eine allgemeine Theorie für Emotionen, auf die sich eine Mehrheit geeinigt hätte, steht letztlich noch aus. Ich kann durch meine eigenen Erfahrungen nun besser nachvollziehen warum das so ist und dass ich mit diesem Zustand jetzt eben zurecht kommen muss. Es ist unbefriedigend, aber deshalb vor dem ganzen Thema wegzurennen stellt letztlich keine Möglichkeit mehr dar. Dazu habe ich mich bereits viel zu lange und zu intensiv damit beschäftigt und halte eine Auseinandersetzung mit Emotionen, vor allem wissenschaftlicher Art, sowie die Untersuchungen unterschiedlichster Erscheinungen im Bildungsbereich aus dieser Blickrichtung inzwischen für sinnvoll und weiterführend.

Da ich es mit komplexen Zusammenhängen bei für mich unzureichender Vorstrukturierung zu tun habe, hilft mir das Wissen weiter, dass Komplexitätsreduktion von anderen bereits thematisiert wurde. Wenn ich meine Probleme nicht nur als individuelle Probleme begreifen kann, entlastet es mich davon etwas leisten zu müssen, das meine Möglichkeiten zu überschreiten scheint. Es wird akzeptabler für einen Teilbereich unzureichendes Wissen zu produzieren, dass sich dabei dadurch legitimiert, dass es sich seiner Bedingtheit und Grenzen bewusst bleibt.

Damit komme ich zum zweiten Punkt, der Persönlichkeitsentwicklung. Mein letzter Stand war, dass die Bewertung, die Emotionen generell in der Gesellschaft, bzw. in Teilbereichen der Gesellschaft erhalten, eine Rolle dabei spielt wie dann im Bildungsbereich mit ihnen verfahren wird. Aufgefallen ist mir dabei der Unterschied in der Ausrichtung von Bildungszielen. Einerseits gibt es eine Ausrichtung, die auf die Entwicklung der Person als umfassendes Individuum abzielt, wobei die Entwicklung emotionaler als auch sozialer Kompetenzen als bedeutsam betrachtet werden sollte (Emotionen treten vor allem in sozialen Beziehungssystemen auf), andererseits existieren Bereiche, in denen der Erwerbs fachlicher Kenntnisse betont wird, für die ein Bild vom Individuum als letztlich voll entwickelt zugrunde gelegt wird. Liegt diese Entwicklung dann nicht angemessen vor, kann das als Verweis auf einen externen Nachbesserungsbedarf verstanden werden, bzw. bei der Unmöglichkeit davon auf eine mangelhafte Eignung zurückgeführt werden.

In letzter Konsequenz scheint das zu bedeuten, dass das zugrundeliegende Bild vom Menschen in der Gesellschaft wegweisend ist wie mit Menschen in Bildungskontexten verfahren wird. Eine Änderung der Wahrnehmung der Bedeutung von Emotionen kann daher eine andere Praxis nahelegen, wofür sich durchaus Belege finden lassen. Interessant ist dabei wie weit sich auf diesem Weg auch andere wichtige Ziele erreicht werden können.

Zur Zeit nehme ich an einem MOOC teil, in dem Richard Boyatzis unterrichtet. Er bezieht sich im zweiten Video der dritten Woche auf die Erfolge des SEL (social and emotional learning) Programms, das unter anderem durch die systematische Einbeziehung von Emotionen in alle Unterrichtsdisziplinen einen großen Einfluss auf das prosoziale Verhalten zu haben scheint, und das nebenbei zu einer Verbesserung der Gesamtergebnisse in allen Fächern führte. Von ihm wird dabei auch für standardisierte Tests eine Verbesserung um 39% erwähnt. Er formuliert, dass durch die Verbesserung des Umgangs mit den eigenen Emotionen und denen der anderen der „Krach im Kopf“ reduziert wurde. Ein von ihm beispielhafte angeführte Methode verwendet Stoplights während des Unterrichts nach folgender Zuordnung:

  • Rot: Was fühlst du gerade? Kannst du es benennen?
  • Gelb: Was bedeutet das was du fühlst? Was willst du tun, wenn du dich so fühlst?
  • Grün: Was solltest du als nächstes tun, damit du dadurch für dich selbst und andere hilfreich handelst?

Bei einer Umsetzung als Ampel bin ich unschlüssig was ich davon halten soll, Unterricht gezielt an geeigneten Stellen zu unterbrechen und die Achtsamkeit in verschiedenen Ausprägungen dabei auf Emotionen zu lenken, fasziniert mich allerdings sehr. Ich werde in der nächsten Zeit versuchen genaueres zu diesem Programm herauszufinden. Auch im International Handbook of Emotions in Education findet sich dazu ein Kapitel, das ich allerdings bisher noch nicht gelesen habe. Die hier benutzte Implementierung von Emotionen ist anscheinend möglich ohne die gesamte Ausrichtung des Unterrichts zu ändern und die Leistungsorientierung des schulischen Systems scheint dabei auch in der gewohnten Form erhalten zu bleiben.

Referenzen:

Dörner, D. , Kreuzig, H.W., Reither, F. & Stäudel, T. (Hrsg.) (1983). Lohhausen. Vom Umgang mit Unbestimmtheit und Komplexität. Bern: Huber.

Pekrun, R. & Linnenbrink-Garcia, L. (Hrsg.). International Handbook of Emotions in Education.  New York: Routledge.

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