Bildungsmäuschen

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Welcher Wert wird Emotionen zugeordnet?

Meine heuristische Spirale befindet sich erneut oberhalb ihres Ausgangspunktes. Ich habe gesichtet welche Bedeutung Emotionen aus der Sicht verschiedener Wissenschaften haben, welche Bedeutung ihnen im Bereich der Bildung zugeordnet wird, habe konkrete Strategien zur Implementation in Bildungsprozesse studiert (zuletzt den sehr interessanten RULER-Ansatz), habe mich davon überzeugt dass meine Annahmen der Bedeutsamkeit von Emotionen von vielen Seiten gestützt werden, doch erneut komme ich zu der Fragestellung zurück, was der Grund dafür ist, dass sie immer wieder gegenüber anderem zurückgestellt zu werden scheinen, beispielsweise fachlichem Können.

Für mich ist es ganz offensichtlich, dass „emotions matter“. Und dabei habe ich durchaus alle Arten von Emotionen im Auge, nicht nur diejenigen, die als positiv eingestuft werden. Kenntnisse über die Bedeutung und Funktion von Emotionen, über ihre Auswirkungen und die verschiedene Möglichkeiten des Umgangs mit ihnen, Kenntnisse über sinnvolle Arten von Techniken und konkrete Übungen, Kenntnisse über die Einbettung von Emotionen in den Raum der Kultur und etliches mehr, halte ich für essentiell. Emotionen explizit zu berücksichtigen, sie fortwährend im Augen zu behalten und das Wissen darüber kontinuierlich zu erweitern, macht einen Unterschied.

Ich bin erneut an einem Punkt angelangt, an dem ich erst einmal nicht weiß wo ich weiter suchen soll. Was steckt dahinter, dass Emotionen anscheinend immer wieder gegenüber scheinbar Wichtigerem zurückgestellt werden können?

Im Zusammenhang mit RULER finde ich im International Handbook of Emotions in Education (2014, S.383) angegeben, dass Programme zur Förderung von SEL (social and emotional learning) u.a. deshalb nicht überall implementiert werden können, da die fachlichen Anforderungen und der Druck Leistung zu erbringen gestiegen ist, dass in Schulen weniger Zeit zur Verfügung steht, dass Testergebnisse im Mittelpunkt stehen und dass viele Schulen erst dazu verpflichtet werden müssten sich für die soziale und emotionale Entwicklung ihrer Schüler als verantwortlich zu betrachten, um die Verwendung entsprechender Programm überhaupt in Erwägung zu ziehen. (Die spezielle Art der Formulierung entspringt dabei meiner eigenen Interpretation.)

Das sind jedoch keine tatsächlichen Erklärungen, sondern letztlich nur die Beschreibung der Folgen einer spezifischen Haltung zu Emotionen. Meine Frage wird mir dabei nicht beantwortet. Ist es das Produkt einer Kultur, die Emotionen zur Privatsache erklärt und aus dem Bewusstsein für den öffentlichen Raum verbannt hatte? Und wenn ja – warum? Was ist da geschehen? Was für ein Menschenbild steht dahinter und wem hat es genutzt?

Es ist ja nun nicht so, dass Emotionen einfach ignoriert wurden. Sie wahrzunehmen und auszudrücken wurde eher bestimmten Bereichen und darin bestimmten Menschen zugewiesen. Emotionen erhielten einen spezifischen Wert und eine bestimmte Position im sozialen Raum. Und dahinter verbirgt sich die dominierende Sicht auf die Welt, die in einer Gesellschaft oder innerhalb eines Kulturkreises oder auch innerhalb eines gesellschaftlichen Teilsystems existiert. Wie mit Emotionen verfahren wird, sagt daher vor allem etwas über die praktizierende Gesellschaft und ihr auf Ideologien beruhendes Wertesystem aus.

Hier zeigt sich erneut die Einbettung des Bildungssystems als ein Teilsystem in den Gesamtzustand der jeweiligen Gesellschaft. Die Emotionen von Menschen zu berücksichtigen, die man unter anderem als Feedbacksystem für die Wahrnehmung der Bewertung der eigenen Situation in sozialen Kontexten begreifen kann, scheint immer dann zurückgestellt werden zu können, wenn man meint sogenannte Sachzwänge durchsetzen zu müssen. Als sei die Berücksichtigung und Einbeziehung von Emotionen ein Luxus, den man sich nur in guten Zeiten oder an Orten leisten kann, die für das gesellschaftliche Überleben als verzichtbar eingestuft werden.

Ich muss feststellen, die dahinter stehende Logik erschließt sich mir nicht. Vielleicht habe ich mich aber auch nur zu lange mit Meditationstechniken beschäftigt, deren unverzichtbarer Bestandteil es ist, Metta bzw. Maitri auf alle Wesen zu richten. Es prägt das eigene Wertesystem nachhaltig allen Wesen zu wünschen, dass sie glücklich sein mögen.

An dieser Stelle muss ich mit der Feststellung zurückbleiben, dass der Wert, der Emotionen in einer Gesellschaft zugestanden wird, vom dominierenden Menschenbild abhängig ist. Die daraus folgende Einschätzung legt dann nahe wie mit Emotionen verfahren wird, was wiederum bestimmt wie im Bildungsbereich Emotionen betrachtet und wie damit umgegangen wird. Bei der Bedeutung, die dem Bildungsbereich als legitimierender Teil des gesellschaftlichen Systems zukommt, ist es wesentlich was Menschen hier an Wissen zu Emotionen und dem Umgang mit ihnen lernen.

Denn das tun wir. In jedem Fall.

Referenz: 

Pekrun, R. & Linnenbrink-Garcia, L. (2014). International Handbook of Emotions in Education.  New York: Routledge.

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