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Automatische und bewusste Informationsverarbeitung

Wer sich auf das Thema Emotionen und seine Bearbeitung in den Wissenschaften einlässt sei gewarnt. Es kann zu einem Sumpf und einem Fass ohne Boden werden. Ständig können sich neue Aspekte und Querverbindungen ergeben und alles kann wieder in einem neuen Licht erscheinen. Und solange das passiert, kann es letztlich nicht sein, dass das Thema ausreichend gesichtet wurde. Das bedeutet weiter zu recherchieren und weiter nachzudenken.

Meine neueste Entdeckung ergibt sich aus dem Buch Intuition und fachliches Lernen von Kerstin Oschatz ein wenig kombiniert mit A New Kind of Science von Stephan Wolfram. Bei Wolfram ist für mich vor allem die Komplexitätsreduktion von Bedeutung, die sich daraus ergibt, dass er beschreibt und bildlich darstellt wie aus ganz einfachen Strukturen komplexe Gebilde entstehen.

Auch ich bin auf der Suche nach der hilfreichen nützlichen Struktur, die einen hohen Erklärungswert besitzt und gut anschlussfähig zu weiteren Ansätzen und Wissensbeständen ist. Hilfreich ist dafür beispielsweise die Annahme von Protoemotionen, wie von Jordi Vallverdú in seinem MOOC zu Emotionen beschrieben. Anziehung vs. Abstoßung als grundlegendes Prinzip ergibt eine sinnvolle Aussage zu der Bewertungsfunktion, die Emotionen inne liegt. In aller Komplexität und Auffächerung, die darauf aufbauend geschieht und zu Unübersichtlichkeit führt, hilft die grundlegende Überprüfung auf Hingehen, Weggehen oder als neutrale Position Verbleiben, um eine Struktur und ihre Bedeutung zu erkennen. Daraus lässt sich dann beispielsweise der Zusammenhang mit moralischem Verhalten ableiten sowie die menschliche Tendenz zu einer fortwährende Bewertungsdichotomie von gut vs. schlecht, schwarz vs. weiß, usw.

Der Input von Oschatz ist in diesem Zusammenhang sehr bemerkenswert. Einerseits ist das Buch eine fundierte, gut strukturierte wissenschaftliche Arbeit und schon die Beschäftigung mit seiner reinen Form führt bei mir zu sehr angenehmen Empfindungen von Begeisterung, andererseits beschreibt sie Strukturen innerer Vorgänge, die sehr stark an Prozesse erinnern, auf die ich im Rahmen des Themas Emotionen gestoßen bin, was mich wiederum in Erstaunen setzen. Sie untersucht zwei Aspekte in Bezug auf die Bedeutung für das Empfinden von Bedeutsamkeit von Lernprozessen im Rahmen naturwissenschaftlichen Unterrichts: epistemische Überzeugungen sowie Alltagsphantasien.

Emotionen greifen bei ihrem Entstehen auf solche Informationen zurück, das ist allerdings nicht das Thema von Oschatz. Emotionen sind an den von ihr beschriebenen Vorgängen beteiligt, werden von ihr aber nicht weitergehend beachtet, da sich keine Notwendigkeit dafür ergibt. Für mich von besonderem Interesse ist die Art des Wirkens ihrer Untersuchungsgegenstände. Sie beschreibt für die Alltagsphantasien aufbauend auf der cognitive-experiential self-theory von Epstein (1994) zwei sich ergänzende kognitive Systeme für die menschliche Verarbeitung von Informationen (Oschatz, 2011, S.89).

Das experientiale System beruht auf Erfahrung, ist älter, holistisch, assoziativ, basiert auf Affekten und ist resistenter gegen Veränderungen. Das rationale System ist jünger, verwendet logische Verknüpfungen, ist analytisch bewusst, langsamer und kontrolliert. Dadurch ergibt sich eine automatische Informationsverarbeitung mit automatischen Handlungsroutinen für Alltagsphantasien, die permanent aktiv ist und fortwährend in die bewusst kontrollierte Bearbeitung eingestreut vorhanden ist. Als Beispiel führt sie Diskussionen mit Jugendlichen an, in denen sie einen schnellen Wechsel von fachlichen Aspekten zu subjektiven Vorstellungen und Emotionen beobachten konnte.

Der Schwerpunkt ihres Interesses liegt bei der Einbindung der expliziten Reflexion von Alltagsphantasien in fachlichen Unterricht, um einerseits Lernprozesse anzuregen, die als subjektiv bedeutsam empfunden werden (Oschatz, 2011, S.21), andererseits dabei epistemische Überzeugungen fördern zu können, die auf adäquateren Vorstellungen zur Nature of Science beruhen. Diese Änderungen können dann zu einer realistischeren Beurteilung von naturwissenschaftlicher Forschung führen und diese für Lernende greifbarer und besser verbindbar mit ihren eigenen Konstruktionen und dadurch interessanter und attraktiver zu machen.

Die entscheidende Information für mich ist dabei der Automatismus, den sie für die kognitive Verarbeitung beschreibt, und der auf der einen Seite in einer komplexen Welt eine schnelle Reaktion ermöglicht, auf der anderen Seite aber Veränderungsnotwendigkeiten im Wege stehen kann. Die Möglichkeiten, die rationale Prozesse dabei zur Förderung von Veränderungsprozessen haben, sind die der Achtsamkeit und Bewusstheit für diese Vorgänge.

Dieses Prinzip findet sich ebenfalls bei LeDoux (2003) im Zusammenhang mit Emotionen. Für die Verarbeitung von Reizen werden zwei Wege angenommen. Einerseits der direkte, schnellere, den er als emotionalen Verarbeitung bezeichnet, der unmittelbar zu einer Handlung führt, auf der anderen Seite der Umweg über das was er kognitive Verarbeitung nennt. Ohne diese Theorie genauer zu überprüfen, ergeben sich aus beiden Theorien Hinweise auf die Problematik der Nicht-Bewusstheit. Automatisierte, unmittelbare Prozesse dienen dem Umgang mit Komplexität und ermöglichen schnelle Reaktionen, sind von daher für das Überleben von großer Bedeutung. Problematisch werden diese Automatismen dann, wenn sie zu Maladaptionen führen. Von diesen ist allerdings gerade dann auszugehen, wenn sich gesellschaftliche Bedingungen sehr schnell ändern.

Als eine logische Konsequenz kann sich auch daraus der Bedarf einer größeren Achtsamkeit für und eine größere Kenntnis von inneren Vorgängen als Bildungsziel ergeben. Dabei werden sowohl die Kenntnis kognitiver als auch emotionaler Vorgänge umfasst sowie die Art wie sie ineinander eingebettet sind. Das kann wiederum als unterstützendes Argument dafür gesehen werden, warum fachliches Wissen allein nicht ausreichend sein kann, sondern dass für jedes Individuum Kenntnisse über innere Vorgänge bei sich selbst und anderen als grundlegende Kompetenz notwendig sind.

Referenzen:

Epstein, S. (1994). Integration of the Cognitive and the Psychodynamic Unconscious. American Psychologist, 49(8), 709-724.

LeDoux, J. (2003). Das Netz der Gefühle. Wie Emotionen entstehen. 2.Aufl. München: dtv.

Oschatz, K. (2011). Intuition und fachliches Lernen. Zum Verhältnis von ephistemischen Überzeugungen und Alltagsphantasien. Wiesbaden: Springer.

Wolfram, Stephan (2002). A New Kind of Science. o.A.: Wolfram Media.

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