Bildungsmäuschen

Startseite » Emotionen » Emotionales Tagging – und die Bedeutung von Emotionen für BiWi

Emotionales Tagging – und die Bedeutung von Emotionen für BiWi

Bereits zu Beginn meines Fernstudiums habe ich begonnen einen Kalender zu führen, in den ich meine täglichen Arbeitsstunden eintrage, kombiniert mit angestrebter Wochenarbeitszeit verteilt auf die Anzahl der Wochentage. Das System hat bis heute durchgehalten, da es mir immer einen verlässlichen Rahmen für das Gefühl (als Bewertungssystem) geliefert hat, dass ich in der Grenzenlosigkeit den Überblick darüber behalte, ob ich auch genug getan haben.

Irgendwann im Verlauf des Studiums tauchte jedoch die Frage auf, was eigentlich mit den Zeiten ist, in denen ich nur nachdenke. Ab und an schreibe ich daher jetzt auch Zeiten des Nachdenkens auf – aber meistens nicht. Nachdenken ist immer noch nicht die richtige Arbeit. Die richtige Arbeit ist Lesen und Schreiben (eine persönliche epistemische Überzeugung).

Mit Lesen und Schreiben allein komme ich nicht auf meine anvisierten vier Stunden Vorbereitung auf die BA. Ich versuche mich zu retten und meiner eigenen inneren Blamage zu entgehen, denn da sind ja eben noch das Nachdenken, die Selbstgespräche und die gelegentlichen Chats und direkten Gespräche mit anderen. Hat ja alles mit der Themenbearbeitung zu tun. Kann ich dem Versagen also doch noch entkommen?

Nicht so wirklich. So vermittelt es mir zumindest mein emotionales Tagging, das Lesen und Schreiben als relevanter angibt. Da ich allerdings lesend und schreibend durchaus eifrig mit dem Thema Emotionen weiterarbeite, auch wenn es nicht unmittelbar auf die BA ausgerichtet ist, wird das wiederum emotional als fast ausreichender Ausgleich akzeptiert. Dass ich zusätzlich verstärkt ein Auge auf den mitlaufenden emotionalen Bewertungsteil meiner täglichen Informationsverarbeitung habe und dieser Teil dabei eine wirklich spannende Form annimmt, wird von meinem emotionalen Bewertungssystem zusätzlich wohlwollend registriert. Es gibt mir Pluspunkte, denn den Bereich zu beobachten, in dem Informationen von den Emotionen bearbeitet werden, lässt Vorgänge und Entscheidungsprozesse in einem neuem Licht erscheinen – und neu ist spannend und gut. Über emotionales Tagging sind eingehende Informationen mit einem bereits bestehenden Wertesystem verbunden (momentan begeistert mich dieser Begriff durch seine Anschaulichkeit).

Nachdem sich auf Facebook ein kleiner Austausch mit anderen dazu ergeben hat, auf was ich mein Thema eingrenzen kann, verfüge ich auch besser über eine Stoßrichtung. Dafür benötige ich allerdings erneut weitere Literatur. Da ich inzwischen eifrige Nutzerin der nächstgelegenen UniBib bin, kann ich mir dort schnell einen passenden Artikel kopieren, der übers Netz nicht einsehbar ist.

Inzwischen bin ich im Bereich der allgemeinen Bildungstheorie angekommen. In einem Buch zum 18. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft zu Innovationen durch Bildung von 2003 finde ich einen Artikel von Rolf Göppel. Es ist der einzige im Buch, der sich direkt auf Emotionen, bzw. Gefühle bezieht, und basiert letztlich auf der Auseinandersetzung mit dem Konzept der emotionalen Intelligenz, die vor allem durch das 1995 erschienene gleichnamige Buch von Goleman angestoßen wurde. Genau dadurch scheint ab Mitte bis Ende der 90ern das Thema Emotionen in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt zu sein.

Ich bin immer wieder erstaunt wenn ich irgendwo in irgendwelchen Artikel in irgendwelchen Büchern oder an anderen Orten auf Wissensbestände treffe, in denen Schlußfolgerungen auftauchen, zu denen ich ebenfalls gekommen bin. Als Fernstudierende ist das wichtig. Es bedeutet, dass ich nicht so losgelöst von allen denke, wie es mir manchmal erscheint (allerdings auch, dass meine Gedanken nicht neu sind). Neben neuen, mir noch nicht bekannten Informationen, sind in dem Artikel etliche Gedankengänge formuliert, die für mich eine gute Anschlussfähigkeit habe.

Der Artikel stützt den Eindruck, dass Emotionen bzw. Gefühle noch zu Beginn des 19.Jhdt in der deutschsprachigen Pädagogik als bedeutend und ausdrücklicher Bildungsgegenstand betrachtet wurden. Göppel führt dazu beispielhaft das Lehrbuch der allgemeinen Erziehungskunde von Vincenz Eduard Milde aus dem Jahr 1811 an. Es hat sich im Verlauf der Zeit aber anscheinend keine zusammenhängende Theorie der Emotionen entwickelt. Die psychoanalytische Pädagogik beschäftigte sich zwar mit Affekten, allerdings als Singularitäten und nicht in einem umfassenden Konzept. Neben den Angaben von Göppel weiß ich, dass sich auch weitere für die Bildungswissenschaft relevante Disziplinen wie Soziologie und Philosophie mit den Emotionen beschäftigt haben, eine allgemeine Theorie oder eine Zusammenfassung aller Erkenntnisse zu einem Gebilde wurde dabei aber anscheinend nirgends entwickelt.

In einem nächster Schritt wird von Göppel (2003, S.259) Alexander Mitscherlich benannt mit einem Zitat aus Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft von 1983. „Die Kultur der Affekte ist das eigentlich schwerste Bildungsziel“ (S.40). Ich kann mich noch recht gut an den damaligen Geisteszustand der Gesellschaft erinnern und die angeführten Aussagen von Mitscherlich auch vor diesem Hintergrund sehen. Persönlich würde ich den angegebenen Pessimismus in diesen Kontext ordnen. Die deutsche Geschichte der Nazizeit und ihrer Folgen hat über eine lange Zeit quälende Spuren in der Psyche der Menschen hinterlassen. Ich denke, das sollte nicht vergessen und immer berücksichtigt werden. Die Menschen der 70er und 80er Jahre, die noch mit den Schatten der Vergangenheit gerungen haben, hatten eine ganz andere psychische Disposition als die des Jahres 2015.

Göppel vergleicht die Anforderungen von Mitscherlich an eine Kultur der Affekte, die hier mit Emotionen gleich gesetzt werden können, mit dem Konzept der emotionalen Intelligenz. Ein Konzept, das zum Zeitpunkt 2003 anscheinend an allen Ecken und Enden diskutiert wurde. Dieser sehr kurze Vergleich mit dem Umfang von etwa einer Seite hat es dabei auf die Bildungswissenschaft bezogen in sich. Lassen wir das schmerzhafte Ringen von Mitscherlich weg, da unklar ist, ob es sich dabei um eine persönliche Disposition, Auswirkung des Zeitgeistes oder einen notwendigen Bestandteil seines Konzeptes handelt, so steht hier ein nicht abschließbarer Prozess des lebenslangen Lernens einem abschließbaren Kompetenztraining gegenüber, Wissensdurst dem Wissensbesitz, bedingungslose Selbsterforschung der Verwertbarkeit für persönlichen und beruflichen Erfolg. Zur gleichen Zeit wird bei Mitscherlich allerdings auch die Annahme biologisch fundierter Triebe sichtbar, die kaum direkt beeinflusst werden können, während das Konzept der emotionalen Intelligenz das Lernen, Üben und Trainieren von Fertigkeiten beinhaltet, die zwar eine biologische Grundlage haben, aber als form- und veränderbar begriffen werden. Etwas das  neueren Erkenntnissen mehr entspricht als die Annahme von Mitscherlich.

Alles in allem scheint mir hier noch nichts fertig und ausgetragen. Auch Jordi Vallerdú äußert sich in seinem MOOC zu Emotionen auf einer philosophischen Basis dahingehend, dass er eine Notwendigkeit dafür sieht, die vorhandenen Forschungen zu Emotionen zusammenzufassen. Wissen findet sich an vielen Ecken verstreut, ein Gesamtkonzept dagegen nicht. Ein Eindruck, den auch ich während meiner bisherigen Studien gewonnen habe.

Für den Bereich der Bildungswissenschaft kann ich zum momentanen Zeitpunkt feststellen, dass Emotionen zum Beschäftigungsbereich der Disziplin gehören, dass es dafür auch eine Tradition gibt, dass sich hier jedoch kein Gesamtkonzept für Emotionen entwickelt hat. In anderen Disziplinen scheint es ähnlich auszusehen. Ebenso existiert kein allen Disziplinen übergeordnetes Gesamtkonzept, das Anwendung finden könnte. So entsteht ein Raum von Einzeluntersuchungen und impliziten Berücksichtigungen von Emotionen, der für mich inzwischen unbefriedigend ist. Statt vielen verstreuten Einzelteilen wünsche ich mir eine übersichtliche allgemeine Theorie für Emotionen, die sich gut in relevanten Bereichen anwenden lässt.

Referenzen:

Göppel, R. (2003). Bildung der Gefühle? – Aktuelle, historische und systematische Aspekte. In: Gogolin, I. & Tippelt, R. (Hrsg.) Innovationen durch Bildung. Beiträge zum 18. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft. Opladen: Leske + Budrich.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: