Bildungsmäuschen

Startseite » Emotionen » Emotionen unter der Betonplatte

Emotionen unter der Betonplatte

Nachdem ich es gestern geschafft habe mein Thema für das Exposé der BA zu begründen, musste ich bei der Bestimmung der Untersuchungsmethode abbrechen, vor allem weil mir das weitere Vorgehen unklar war und ich erst einmal darüber nachdenke musste. Dabei kam jedoch nicht das Gewünschte heraus, sondern ich hatte mich mit einer starken Beunruhigung herumzuschlagen. Fortwährend kam mir das Bild einer Betonplatte in den Kopf, unter der die Emotionen tanzen während sich die Bildung auf der Platte befindet.

Es ist möglich sich mit Bildung zu befassen und die Emotionen dabei nicht explizit zum Thema zu machen. Es ist möglich Lernarrangements zu schaffen, in denen die Emotionen der Anwesenden ohne besondere Bedeutung sind. Es existiert eine Haltung, die darauf hinausläuft, dass Menschen im Verlauf ihrer schulischen Sozialisation Rollenmuster für den Lernenden (und den Lehrenden) erlernen, zu denen eine bestimmte Form der Kontrolle von Emotionen hin zu einem legitimen Ausdruck von Emotionen gehört. Und dass darin die entscheidende Lernleistung in Bezug auf Emotionen gesehen wird.

Mich beunruhigt der Gedanke, dass es sich dabei um die wesentliche Rolle von Emotionen in Bildungskontexten handelt sehr stark, und ich weiß nicht wie ich damit umgehen soll. Es ist jetzt nicht so, dass ich etwas dagegen hätte, wenn Emotionen in Bildungskontexten vor allem bezogen auf Rollenbilder relevant wären, das würde die Sache möglicherweise sehr viel übersichtlicher machen, es bringt nur mein ganzes bisheriges Konzept durcheinander. Ein kurzer Überblick über die Kapitelthemen im International Handbook of Emotions in Education, das zu Emotionen eine gute Zusammenfassung der für die Bildung relevanten Bereiche enthält, unterstützt meine Annahme allerdings auf den ersten Blick. Insgesamt spricht sehr viel dafür, dass Emotionen vor allem als etwas betrachtet werden, das in der rechten Weise auftreten bzw. gezeigt werden soll. Zugespitzt ausgedrückt: das System ist richtig, die Emotion ist problematisch. Die Emotion soll am besten in einer Weise sichtbar werden, die sie gut in das bestehende System hineinpassen lässt.

Jetzt ist es allerdings so, dass Emotionen Auskunft darüber geben, wie etwas subjektiv bewertet wird. Und das geschieht in einer spezifischen Weise. Emotionen sind dabei mit Körperempfindungen verbunden, die unterschiedliche Grade von Erregung repräsentieren, die als angenehm, unangenehm und neutral erlebt werden. Diese können in vielfältiger Weise ausgedrückt werden und dieser Ausdruck ist zu großen Teilen kulturell geformt.

Unter der Betonplatte werden also die unterschiedlichsten Emotionen erlebt und über der Betonplatte die gewünschten Rollen mit dem gewünschten Emotionsausdruck eingenommen. Diese Leistung hat jedes Individuum zu erbringen, um einen Platz im gesellschaftlichen System einnehmen zu können. Dabei sind unterschiedliche Gepflogenheiten möglich. Schon das Auftreten bestimmter Emotionen kann als falsch betrachtet und sogar vom Individuum selbst dann als Sünde oder Versagen eingestuft werden, es ist aber auch möglich, dass nur der Ausdruck der entsprechenden Emotion sanktioniert ist, also das Nichtsichtbarwerden bestimmter Emotionen gewünscht wird, während die Emotion selbst aber vorhanden sein darf. Das kann so weit gehen, dass der Ausdruck von Emotionslosigkeit zum gesellschaftlichen Ideal erhoben wird (es gibt dazu ethnologische Beobachtungen, beispielsweise aus der Sahararegion). Daraus ergibt sich für mich die Logik des Verschweigens und des Wunsches Emotionen nicht zu thematisieren und im Privaten zu belassen.

Für mich bleibt die Frage offen, wie im Bildungsbereich die tatsächlichen Gepflogenheiten sind. Diese werden ja nicht unbedingt in Bezug auf Rollenmuster ausformuliert und sind den Anwendenden in dieser Bedeutung möglicherweise selbst nicht bewusst.

Verbinden kann ich das Thema dann auch mit meiner bereits vorhandenen Frage wie Praktiken einzustufen sind, bei denen versucht wird Emotionen im Unterricht verbal sichtbar zu machen. Möchte das wirklich jede/r?

Advertisements

1 Kommentar

  1. rarospirit sagt:

    Das Bild der Betonplatte, diese Undurchdringlichkeit des Betons hat mich sehr berührt und beschreibt mein Empfinden auf den Punkt genau.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: