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Aspekte von Ulich und Mayring; weiteres zu Emotionen

Mit der BA bin ich nicht vorangekommen (Stand: immer noch bei der genauen Themensuche), nach der Vorstellung von Emotionen als unter einer Betonplatte und dem zulässigen Ausdruck von Emotionen über der Betonplatte hab ich jedoch einen Besuch in der UniBib gemacht und einen neuen Stapel Bücher nach Hause getragen und weitere Bücher bestellt. Eins davon wird von einer ganzen Reihe Autoren zitiert, da es aber nur ein kleines schmales Bändchen ist, habe ich es bisher nicht weiter beachtet. Mitgenommen habe ich es, weil es ein Kapitel zur Geschichte der Emotionsforschung enthält, in dem auf ganz frühe Konzepte von Emotionen eingegangen wird, auf Konzepte aus China und Indien, auf Konzepte des Mittelalters, der Renaissance, des Barock, der Aufklärung sowie des 19.Jahrhunderts. Jedes Mal nur kurz, aber für meine Zwecke durchaus ausreichend.

Bereits im MOOC zu Emotionen von Jordi Vallverdú hat es mir sehr gut gefallen, dass er auch auf asiatische Konzepte eingegangen ist. In meiner eigenen Sozialisation bin ich durch verschiedene Vorstellungen asiatischer Herkunft zur Bedeutung von Emotionen stark beeinflusst worden, ohne dass ich bisher einen Anlass hatte darüber zu reflektieren, welche Auswirkungen das eigentlich auf meine eigenen Vorstellungen von Emotionen und den Umgang mit ihnen hatte.

In dem kleinen Buch von Ulich und Mayring (2003) lese ich allerdings noch über das Kapitel zur Geschichte der Emotionsforschung hinaus und finde erneut eine wieder ganz andere Art und Weise sich Emotionen anzunähern. Nicht das erste Mal wirkt es auf mich, als würde jeder Autor (bzw. jedes Autorenteam) sich Emotionen in der Weise erklären, die subjektiv für ihn oder sie am besten nachvollziehbar ist. In dem Buch finden sich durchaus jede Menge Bezüge zu anderen Autoren und Belege, dennoch entsteht dabei ein sehr spezielles und eigenes Bild. Zum Teil habe ich den Eindruck Übersetzungsarbeit leisten zu müssen, wenn ich das mit den Werken anderer zusammenbringen will.

Ich selbst arbeite aber letztlich nicht anders. Ich versuche Elemente zu finden, die für mich einen Erklärungswert haben und die ich in meine Vorstellungsgebäude und Wahrnehmungsausrichtung einbauen kann. Allerdings bin ich dabei auch immer noch auf der Suche nach dem, was für mich in dem Themenbereich tatsächlich die herausragende Bedeutung hat. Ulich und Mayring liefern mir dafür unerwartet ganz neue Informationen.

  1. Die von J.N.Tetens (1736-1807) wiederbelebte Vermögenspsychologie mit einer Dreiteilung in drei verschiedene Bereiche des seelischen Vermögens des Menschen. Denken bedeutet reine Vernunft, Wollen und Handeln praktische Vernunft und Fühlen Urteilskraft. Ohne jetzt weiter auf die Sinnhaftigkeit dieser Unterteilung einzugehen, ist neben der direkten Ausformulierung der Urteilskraft das Bedeutende daran, dass es sich hier zwar um eigenständige, vor allem aber um gleichberechtigte seelische Vermögen handelt. Nach Mayring (2003, S. 19) ist es vor allem Kant, der Emotionen eine untergeordnete, abgewertete Position zuweist. Die neuere Erkenntnisse der Hirnforschung gehen allerdings noch weiter als die hier beschriebene Vermögenstheorie und betonen, dass die Bereiche nicht getrennt werden können, sondern eng miteinander vernetzt sind.
  2. In dem Buch wird ausdrücklich auf die Abhängigkeit erlebter Emotionen von der Position verwiesen, die ein Mensch in seinem sozialen Umfeld bzw. in seiner Gesellschaft einnimmt (Ulich & Mayring, 2003, S.46). Der Verweis auf diesen Zusammenhang ist in der Literatur zu Emotionen nicht selbstverständlich. Untergeordnete Positionen in der Gesellschaft können als Beispiel stärker zur emotionale Erfahrungen von Demütigung führen. Die Kategorisierung, nach der ein Ereignis zugeordnet wird, hängt von den allgemein geteilten Auffassungen einer Kultur oder Gruppe ab, sowie von der Perspektive aus der heraus ein Individuum das Ereignis betrachtet. Was in einer übergeordneten Position als Unterstützung eines Untergebenen wahrgenommen wird, kann vom Untergebenen als Angriff oder Demütigung verstanden werden. Wertesysteme von Menschen, auf denen Emotionen beruhen, können außerdem sehr unterschiedlich sein, so dass das gleiche Ereignis sehr unterschiedlich bewertet werden kann.
  3. Emotionen werden „…weniger bezüglich dessen [erforscht], was sie inhaltlich anzeigen oder widerspiegeln“ (Ulich & Mayring, 2003, S.76). Dieser Passus bezieht sich auf die funktionalistische Orientierung der Forschung zu Emotionen und wird an der zitierten Stelle nicht weiter ausgeführt. Ich nehme ihn allerdings als Anlass, um zu meinem eigentlichen Interesse zurückzukehren. Die Nutzung von Emotionen und worauf sie sich beziehen zur Erkenntnis der eigenen Weltsicht, eigener Präferenzen, Problematiken und Konfliktpotentiale anhand der Bewertungen, die in Emotionen zum Ausdruck kommen. Kurz Emotionen als Mittel der Selbsterkenntnis und Selbsterforschung. Wenn es um die Bildung des Individuums geht eine durchaus legitime Ausrichtung.

Ich weiß noch nicht was Ulich und Mayring im Buch weiter empfehlen 😉 , ich hatte in den letzten Tagen Gelegenheit verschiedene Vorträge vor Ort zu hören und mich danach damit zu beschäftigen, welche Emotionen durch die Art der Informationsauswahl bei den Teilnehmern in Bezug auf das Thema gefördert werden. In zwei Fällen habe ich dabei einen für mich nicht zu akzeptierenden Bias festgestellt. Etwas zu betonen genauso wie etwas wegzulassen ist nicht beliebig. Gerade nicht in Bildungskontexten. Beides hat einen Einfluss auf die Wahrnehmung von Wertigkeit und darüber auf die emotionalen Muster, die mit dem Thema verknüpft sind, wobei der Zusammenhang wahrscheinlich auch in umgekehrter Reihenfolge gegeben ist. Die vorhandenen emotionalen Muster wirken auf die Auswahl der Inhalte. In beiden beobachteten Fällen wurden letztlich alte Inhalte nur upgedatet, aber keine neue Herangehensweise an das Thema praktiziert. Auch wenn es in dem einen Fall explizit um eine neue Haltung ging, wurden keine neuen emotionalen Muster dabei erzeugt, sondern letztlich nur die alten aufgefrischt.

Weiterhin beschäftigen mich Überlegungen zur Freiheit der Emotionen analog zur Gedankenfreiheit. Im Umgang mit Emotionen existieren verschiedene Traditionen. Es gibt Traditionen dafür, dass man bestimmte Emotionen gar nicht erst haben darf. Ich nehme dafür mal das Beispiel der Homosexualität (auch wenn das nicht so richtig passt, je nachdem wie man Emotionen definiert). Bei einer Nicht-Akzeptanz von Homosexualität ist eine Möglichkeit zu verlangen, dass die damit verbundenen Emotionen gar nicht erst auftreten, eine andere nur zu erwarten, dass sie möglichst nicht gefördert werden und möglichst kein Ausdruck der Emotionen erfolgt.

In Bezug auf das Problem Freiheit der Emotionen befinde ich mich an dem Punkt, dass ich versuche zu differenzieren. Es kann erwartet werden bestimmte Emotionen nicht oder nur sehr kontrolliert zu zeigen, es kann in sozialen Kontexten (Bezug zu Punkt 2 oben) auch sinnvoll sein das bewusst und mit Absicht zu tun, es ist aber unangemessen von Menschen zu verlangen und diese Haltung in ihnen zu erzeugen, dass bestimmte Emotionen gar nicht erst entstehen dürfen und das Vorhandensein mit Vorstellungen verknüpft werden kann, minderwertig oder ein schlechter Mensch zu sein. So wie das Recht auf die eigenen Gedanken besteht (die nicht losgelöst, sondern kulturell geformt sind), sollte das Recht auf die eigenen Emotionen bestehen (die zwar subjektiv, aber ebenfalls kulturell geformt sind). Es scheint, dass ich dieses Recht nicht generell gegeben sehe. Auch hier sind für mich weitere Überlegungen notwendig.

Insgesamt stellt sich der Bereich Emotionen als unglaublich facettenreich dar. Inzwischen habe ich auch begonnen Bildungssituationen mal daraufhin zu betrachten in welchen Zusammenhängen Emotionen auftreten.

  • In Bezug auf die Inhalte und die Art ihrer Darstellung (emotionale Muster im Zusammenhang mit Wissen und Weltvorstellung)
  • In Bezug auf Emotionen selbst (emotionale Muster im Zusammenhang mit Werten, Moral und der Legitimität von Verhalten)
  • In Bezug auf die Wahrnehmung der eigenen Position in einer Peer-Gruppe (emotionale Muster im Zusammenhang mit sozialer Wahrnehmung)
  • In Bezug auf die Wahrnehmung der eigenen Leistungsfähigkeit (emotionale Muster im Zusammenhang mit Selbstwahrnehmung)
  • In Bezug auf das Verhältnis zu übergeordneten Personen (emotionale Muster im Zusammenhang mit sozialen Hierarchien)

Ich nehme an, das ist noch reichlich stümperhaft, ist aber schon mal ein Anfang. Es reicht nicht zu sagen, dass Emotionen fortwährend anwesend sind. Entscheidend ist es auch zu benennen an welchen Punkten sie eine Wirkung entfalten. Darauf aufbauend können dann Überlegungen sinnvoller Maßnahmen erfolgen oder bestehende Maßnahmen auf ihre Auswirkungen hin überprüft werden.

Referenz:

Ulich, Dieter & Mayring, Philipp (2003). Psychologie der Emotionen. (2., überarb. u. erw. Aufl.). Grundriss der Psychologie: Bd. 5. Stuttgart: Kohlhammer.

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