Bildungsmäuschen

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Ungenutzte Chance?

Emotionen und Bildung. Ich hatte mir von Roth (2011) nach seinen Ausführungen zu Emotionen im Verlauf des Buches eine andere Schlussfolgerung erwartet. Doch in seiner Zusammenfassung spielen sie keine Rolle mehr. In Bezug auf Emotionen scheint alles beim Alten zu bleiben und Roth integriert sie nicht explizit in seine Beschreibung schulischer Bildung. Nebenbei habe ich durch ihn aber mehr über die Position der pädagogischen Neurobiologie in Bezug auf den Pisaschock und die Rolle von Manfred Spitzer und Gerald Hüther erfahren, ein Bereich den ich bisher bewusst vernachlässigt hatte. Insgesamt hat sich die Lektüre des Buches auch gelohnt.

Im Gespräch mit einer Schulbegleiterin an einer Grundschule, die das Programm Faustlos verwendet, bekomme ich Beschreibungen dazu, wie Emotionen dort z.B. durch Fragen danach integriert werden, was für Körperempfindungen ein Kind in einer bestimmten Situation hat. Die Schulbegleiterin bedauert, dass im Unterricht letztlich meist zu wenig Zeit dafür bleibt. Im Verlauf des Gesprächs wird auch der Unterschied zwischen fachorientiertem Unterricht und Situationen thematisiert, die eher dem erzieherischen oder sozialpädagogischen Bereich zuzuordnen sind. Der fachorientierte Unterricht scheint stark ein Funktionieren der Schüler im Sinne eines reibungslos ablaufenden Unterrichts zu wünschen.

Roth sieht Bildung als eine Kombination aus der Vermittlung von Wissen und Fertigkeiten mit Persönlichkeitsentwicklung. Persönlichkeitsentwicklung ist für ihn dabei ein lebenslanger Prozess, der viel mit dem Umgang mit Emotionen zu tun hat (Roth, 2011, S.308). In seinen Schlussausführungen geht er auch auf Organisationsformen für Ganztagsschulen ein, allerdings nicht auf Möglichkeiten den erweiterten Zeitrahmen verstärkt für den Bereich der Persönlichkeitsbildung zu benutzen. Seine Vorstellungen sehen eine Fortführung und Vertiefung des Vormittagsunterrichts vor (Roth, 2011, S.306).

Unterm Strich sehe ich mich mit einem verwirrenden Bild konfrontiert. Emotionen werden als für Bildungsprozesse wichtig eingestuft, trotzdem bleiben sie Begleiterscheinung, erhalten daher keine besondere Beachtung und werden nach kurzem Aufblitzen erneut unsichtbar. Was ist das?

Inzwischen habe ich gelernt, dass es einen großen Unterschied zwischen Theorien zu Pädagogik und pädagogischer Praxis gibt. Auch Roth geht darauf ein. Die Praxis muss mit Emotionen umgehen und vermittelt auch den Umgang damit. Bewusst oder unbewusst. Die Praxis sucht dabei allerdings durchaus nach Orientierung und Grundlage. Und was liefert die Theorie?

Inzwischen wünsche ich mir Theoretiker, die in der Lage sind Emotionen grundlegend in Theorien zu Bildungsprozessen zu integrieren. Ich habe ein starkes Bedürfnis nach Gedankenstrukturen, die Emotionen einschließen. Ich bin auch dieses ganze Störende, zu Kontrollierende, zu Manipulierende leid (was nicht bedeutet dass ich das als unwichtig betrachte). Aber zu häufig wird da nur eine alte Haltung neu aufgekocht. Eine fortwährend mitlaufende Nebensache kann durchaus eine andere Bedeutung haben und eine andere Beachtung erfordern. Andere machen das in meinen Augen schon anders, beispielsweise Werbung.

Es ist das sehr Seltsame an dem Buch von Roth, dass er eine Menge Wissen zu Emotionen einbezieht, so beispielsweise, dass bei einer Kontrolle von Emotionen Mikroemotionen nicht zu vermeiden sind und unbewusst wahrgenommen werden, was Auswirkungen auf die Wahrnehmung von Vertrauenswürdigkeit hat, die darin enthaltenen Informationen der Bedeutsamkeit von Emotionen an sich aber versickern. Übrig bleibt der Umgang mit Emotionen. Auf mich wirkt es als sei hier ein Schritt ausgelassen worden oder nicht tief genug vorgedrungen oder zu sehr wieder in alten Bahnen gedacht worden. Und genau aus dem Grund kann dann die Bedeutung von Emotionen an sich nicht neu erfasst, beschrieben und eingebaut werden und die Chance auf eine andere Sichtweise ist vertan.

Das ist mir zu wenig. Ich will nicht nur mit etwas irgendwie umgehen, sondern um das tun zu können möchte ich verstehen was es eigentlich ist und welche Bedeutung es hat. Emotionen gehören zu Menschen dazu. Pädagogen wie Vincenz Eduard Milde (1811), der in seinem Lehrbuch der allgemeinen Erziehungskunde Hauptteile den Gefühlen und dem Begehrungsvermögen gewidmet hat, berücksichtigt das. Sein Bildungsziel war dabei ein sehr modernes: die Herausbildung eines Menschen, der in der Lage ist seine eigene Selbstbildung lebenslang weiter zu betreiben. Auch Roth geht letztlich davon aus, dass der Mensch fortwährend mit Emotionen konfrontiert ist und damit umgehen muss. Aber womit gehen wir da um und wie gehen wir am Besten damit um? Setzen wir nur Konditionierungen der Vergangenheit fort oder liegt in einem anderen Verständnis von Emotionen nicht auch das Potential ganz neue Verhaltensstrategien für immer wieder neue Lebenssituationen zu entwickeln? Was können Emotionen an Informationen liefern? Und worüber liefern sie eigentlich Informationen?

Ich bin mal wieder keinen Schritt weiter gekommen, außer dass sich für mich bestätigt hat, dass Emotionen im Bereich von Bildungstheorien eine Position einnehmen, die für mich viele Fragen aufwirft. Da war ich aber bereits schon und Antworten stehen leider weiterhin aus.

Referenzen:

Milde, V.E.(1811). Lehrbuch der allgemeinen Erziehungskunde. Nachdruck, 1965. Paderborn: Ferdinand Schöningh.

Roth, Gerhard (2011). Bildung braucht Persönlichkeit. Wie Lernen gelingt. 2. Aufl. Stuttgart: Klett-Cotta

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