Bildungsmäuschen

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Emotionen in der Entwicklungspsychologie

Das hoffentlich jetzt letzte fehlende Puzzlestück für meine Recherchen zu Emotionen in Bildungsprozessen lieferte mir gestern überraschend die Entwicklungspsychologie. Da im BiWi-Studium an der Fernuni die Wahl zwischen Sozial- und Entwicklungspsychologie erfolgen muss und ich mich für Sozialpsychologie entschieden hatte, kann ich nicht sagen welche Kenntnisse in dem entsprechenden Modul zu Emotionen vermittelt werden. Ich hatte zum Nachschlagen bisher ein Buch von 1998 verwendet, das nur in Bezug auf Alter im Besonderen auf Emotionen eingeht. Aus jetzt nicht mehr nachzuvollziehenden Gründen habe ich noch einmal die Entwicklungspsychologie genauer ins Auge genommen und in zwei neueren Büchern die entsprechenden Abschnitte gelesen. In beiden wird auf die Entwicklung von Emotionen im Besonderen eingegangen.

Die Art der Darstellung erklärt dabei sehr gut, warum die explizite Wahrnehmung von Emotionen vor allem in Bezug auf Prävention und Kompensation ein Thema zu sein scheint. Die Entwicklung von Emotionen beginnt sehr früh und es wird davon ausgegangen, dass sich im Verlauf der Grundschulzeit Emotionskompetenz, also das Verständnis von Emotionen bei sich selbst und anderen als auch Emotionsregulierung, weitgehend entwickelt haben. Dazu kommen dann später noch Erweiterungen während der Pubertät hinzu. Dabei auftretende Abweichungen sind Abweichungen von einer normalen Entwicklung und erfordern daher kompensatorische oder in besonderen Problemlagen präventive Maßnahmen.

Diese Sichtweise erklärt eine Haltung, bei der nach dem Grundschulalter Emotionskompetenz als eine Selbstverständlichkeit erwartet wird und Emotionen keine besondere Beachtung mehr erfahren. Die Entwicklung in diesem Bereich wird als weitgehend abgeschlossen betrachtet, Emotionskompetenz steht dem Individuum als einsetzbare Ausrüstung zur Verfügung.

Lehrbücher sind für das Lernen häufig eindeutiger gestaltet, als die wissenschaftlichen Erkenntnisse in diesem Bereich tatsächlich sind. Diese Vereinfachung ist für das Lernen durchaus hilfreich, hat allerdings den Nebeneffekt, dass dabei der Eindruck vermittelt werden kann, dass in einem Bereich alle Fragen weitgehend geklärt sind und es zuverlässiges, dauerhaftes Wissen ist, das gelernt wird. Die Art der Darstellung selbst enthält dabei häufig eine in sich stimmige, überzeugende Logik, die zusätzliches Wissen aus anderen Quellen erfordert, um als unvollständig wahrgenommen werden zu können. Der Text allein erschließt es nicht.

Im Rahmen der Entwicklungspsychologie betrachtet sind die Texte also durchaus schlüssig, sie lassen dabei allerdings weniger sichtbar werden welche Bedeutung die Emotionen für das Individuum generell in Lernprozessen haben. Darauf sind sie allerdings auch nicht ausgerichtet. Entwicklungspsychologie beschäftigt sich damit wie sich Emotionen entwickeln.

Der Text von Holodynski (2014) ist dabei umfassender als der Text von Lohaus und Vierhaus (2015) und geht dabei auch auf die Entwicklung der Emotionsforschung ein, der letzte Text enthält allerdings eine für mich sehr interessante Herangehensweise, da er zu der Frage nach dem was Emotionen sind eine Unterscheidung nach drei theoretischen Ansätzen in der Emotionsforschung vornimmt, dem strukturalistischen, dem funktionalistischen und dem soziokulturellen Ansatz.

Mein eigenes Denk-Modell der eingebetteten Verzwirbelung entspricht dabei sehr dem funktionalistischen Ansatz unter Berücksichtigung soziokultureller Einflüsse. Die strukturalistischen Ansätze, die sich vor allem auf die Erfassung und Beschreibung von diskreten Emotionen beziehen, schienen für meine Fragestellung dagegen nie von besonderem Interesse, da ich in ihnen immer wenig Potential für einen sinnvollen Überblick zur generellen Bedeutung von Emotionen in Bildungsprozessen gesehen habe.

Das Lesen beider Texte hat in mir zuerst den Eindruck erzeugt, dass damit alles geklärt sei. Emotionskompetenz entwickelt sich im Verlauf der Kindheit, geschieht das nicht, ist die Entwicklung nicht optimal verlaufen und es muss kompensiert oder vorgebeugt werden. Jugendliche durchlaufen in der Phase der Pubertät noch einmal Anpassungsprozesse, ebenso müssen ältere Menschen durch Veränderungen im Körper Neuanpassungen vornehmen. Aber ansonsten nimmt alles seinen geregelten Gang.

Das ist aber eben nur die Perspektive der Entwicklungspsychologie und nur eine Dimension von Emotionen. Sie beschreibt wie etwas allmählich zur vollen Entfaltung kommt.

Doch danach und währenddessen wird es angewendet. Und diese Anwendung hat Strukturen und Implikationen bis hin zum virtuosen Einsatz. Das ist es was mich interessiert. Wie werden Emotionen über primär kindliche Entwicklungsprozesse hinaus in Bildungsprozessen betrachtet und einbezogen. Und welche Bedeutung wird dabei auch explizit gemacht und was bleibt implizit und der Beachtung weitgehend verborgen.

Letztlich führt mich vieles was im Bereich Emotionen thematisiert wird auf eine falsche Fährte. Kompensation und Prävention bei Kindern kann ich eindeutig beiseite lassen. Mir geht es um die Position die Emotionen an sich in Bildungsprozessen einnehmen. Welche Bedeutung kommt ihnen zu, wie weit werden sie explizit und implizit berücksichtigt und wie weit werden Menschen als Denk-Fühl-Handlungseinheit wahrgenommen und betrachten sich selbst als solche.

Referenzen:

Holodynski, M. (2014). Die Erforschung menschlicher Emotionen. In: Ahnert, L. (Hrsg.). Theorien in der Entwicklungspsychologie. Berlin, Heidelberg: Springer.

Lohaus, A. & Vierhaus, M. (2015). Entwicklungspsychologie des Kindes- und Jugendalters für Bachelor. Berlin, Heidelberg: Springer.

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