Bildungsmäuschen

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Emotionsarbeit, Emotionsregulierung, Informalisierung, Bildungswiderstand

Das Buch „Zum Lächeln verpflichtet“ von Daniela Rastetter überrascht mich damit, dass Emotionen von Beginn an ein ganz selbstverständliches Thema sind und ihre Bedeutung nicht erst legitimiert wird. Der Grund dafür liegt darin, dass sie mit der inzwischen klassischen Studie von A. R. Hochschild zur Emotionsarbeit beginnt und diese mit neueren Erkenntnissen vergleicht, korrigiert und ergänzt. Dabei entsteht ein sehr differenziertes Bild davon dass und wie mit Emotionen umgegangen wird. Auch wenn sich ihre weiteren Untersuchungen auf den Dienstleistungsbereich und zwar die Versicherungsbranche konzentrieren, sind ihre Ausführungen zu Emotionsarbeit und sozialer Emotionsregulation auch für den Bereich der Bildung relevant. Es entsteht das Bild einer inneren Arbeit, die aus äußeren Notwendigkeiten heraus gefordert ist und erlernt werden muss, um das soziale Miteinander sinnvoll regeln zu können.

Im Gegensatz zu Hochschild sieht Rastetter Emotionsarbeit dabei weniger als Problem für den Einzelnen und weist auf Chancen und die Möglichkeit zu Widerständigkeit hin. Ebenfalls deutlich wird in ihrer Arbeit die dynamische Entwicklung, die beim Umgang mit Emotionen beobachtet werden kann.

„Der sozial kompetente Mensch unserer Gesellschaft wird als jemand konstruiert, der über seine Gefühle spricht und sie situativ angemessen zeigt, während zu anderen Zeiten Gefühlsäußerungen in dieser Form verpönt waren.“ (Rastetter, 2008, S.286)

Daran schließt für mich das Buch von Ulrike Zimmermann zum Bildungswiderstand an. Widerstand Erwachsener gegen die Forderung nach Lebenslangem Lernen werden von ihr ernst genommen und als berechtigte Verarbeitungsprozesse betrachtet. Da sie davon ausgeht, dass jeder kognitive Prozess, jede Entscheidung, jedes Handeln emotional fundiert sind, ist auch jede Emotion kognitiv rückgebunden. Alle Entscheidungen sind daher das Ergebnis emotional-kognitiver Prozesse. Ratio und Emotio sind für sie untrennbar verbunden und Widerstand gegen Bildung wird daher als das Ergebnis eines ganzheitlichen Entscheidungsprozesses gesehen und kann nicht als irrational und unlogisch eingestuft werden (Zimmermann, 2013, S.16).

Einen weiteren Aspekt fügt die Vorstellung von Cas Wouters (1999) über eine zunehmende Informalisierung im Verlauf des Zivilisationsprozesses hinzu. Mehr und mehr finden Regulierungsprozesse bereits innerhalb des Individuums statt. Diese müssen im Verlauf von Sozialisierungsprozessen erlernt werden. Dabei stehen den Individuen zunehmend vielfältigere Ausdrucksformen zur Verfügung, die situativ richtig gewählt werden müssen. Mir erscheint es fast wie eine Kunst zu lernen wann, wie, wo, welche Emotionen bzw. Gefühle in einer angemessenen Form gezeigt werden können und wie mit den Emotionen der anderen verfahren werden sollte.

Ursprünglich hatte ich die Bücher ausgeliehen, um mehr über den Einfluss von Machtdifferenzen auf Form und Ausdruck von Emotionen zu erfahren. Sehr überrascht bin ich darüber, dass ich nach der Lektüre der für mich relevanten Teile der Bücher weniger den Eindruck habe, dass Machtkonstellationen die Emotionen von Individuen manipulieren. Entscheidend ist der Unterschied zwischen dem Erleben der Emotion und ihrem Ausdruck. Die im Inneren vorhandene Emotion muss letztlich niemandem präsentiert werde. Als subjektives Erleben ist sie auf nachvollziehbare Darstellung angewiesen. Entscheidend ist, dass es Menschen möglich ist Emotionen zu verbergen oder ganz andere als die empfundenen Emotionen darzustellen. Das wird bereits im Kindesalter geübt.

Das vierte von mir ausgeliehene Buch „Wenn Kinder sich ärgern“ von Maria von Salisch kann hier phänomenologisch beispielhaft für eine spezifischen Emotion herangezogen werden. Erziehung erscheint nebenher in einem anderen Licht wenn deutlich wird, dass Emotionen, ihr Ausdruck und der Umgang damit sich im Lauf des Kindesalters entwickeln und durch Erziehung geformt werden. Emotionsregulierung in vielfältigster Form ist eine grundlegende Lernaufgabe für Menschen und für soziales Zusammenleben notwendig.

Damit haben meine Recherchen eine für mich wieder neue Richtung eingeschlagen. In einem neuen Licht erscheinen mir dadurch Spiele der Kinder, die darauf ausgerichtet sind etwas vorzugeben das nicht existiert während sie dabei die Glaubwürdigkeit ihrer Darstellung testen. Hier werden durchaus wichtige Kompetenzen trainiert. Ebenso kann ich jetzt Entlastungen von Jugendlichen dadurch, dass unerwünschte Emotionen durch raffinierte Tricks in einer schlecht anzugreifenden Form geäußert werden, anders zuordnen. Erfolgreiche Emotionsregulierung kann einen Riesenspaß machen!

„Bildung als emotional-kognitive Einlassung auf die Welt und sich selbst verlangt nach offenen und in ihren Entscheidungen freien Individuen. Diese Entscheidungsfreiheit wird durch äußere und innere Einflüsse beschnitten. Die äußeren Einflüsse, als soziodemographische und strukturelle Barrieren dargestellt wurden ausführlich besprochen. Die inneren Einflüsse betreffen die biografisch entstandenen und stark subjektiven Einflüsse aus der emotionalen Entwicklung des Individuums im Zusammenhang mit seinen Erfahrungen in Lern- und Bildungssituationen und -institutionen.“ (Zimmermann, 2013, S.135)

Und auch wenn diese inneren Vorgänge subjektiv sind, können sie in Strukturen abgebildet werden. Zu Emotionen liegen viele Forschungsergebnisse vor. Das Individuum kann lernen Vorgänge in sich selbst zu beobachten und in Zusammenhängen zu verstehen. Das betrifft nicht nur die Emotionen selbst, sondern auch die geforderten und angewendeten Formen ihrer Regulierung.

In diesem Kontext ist es sinnvoll erneut ein Zitat aus Einführung in die Theorie der Bildung hervorzukramen:

„Mit der Verwendung und Betonung des Bildungsbegriffs dagegen hält man daran fest, dass Sozialisation und gesellschaftliche Einflüsse generell, (…), in eigenständiger gedanklicher Anstrengung als solche durchschaut werden können und müssen, um ihnen und ihrer Dominanz nicht dauerhaft und widerstandslos ausgesetzt zu sein.“ (Dörpinghaus, Poenitsch u.a., 2012, S. 139)

Wenn Emotion und Kognition untrennbar miteinander verknüpft zu Entscheidungsprozessen führen, aus denen Handlungen (auch als Unterlassungen) hervorgehen, so muss es eine Aufgabe von Bildung sein sich auch mit Emotionen explizit zu befassen. Es ist dabei nicht ausreichend Emotionsregulierung als individuell zu erbringende Leistung einzufordern, damit Bildungsprozesse unbehindert von emotionalen Störungen gestaltet werden können. Eine solche Sichtweise setzt nebenher den abendländischen Dualismus einer Aufspaltung fort, die sich immer auch für Hierarchisierung in der einen oder anderen Richtung anbietet. Es besteht eine Notwendigkeit Emotionen die Bedeutung zukommen zu lassen, die sie haben.

Wenn ich selbst nach meiner Arbeit mit Kindern nach Hause gehe und dort die bei mir, den Kindern und beteiligten Erwachsenen aufgetretenen Emotionen reflektiere, so handelt es sich dabei auch nicht um eine Privatangelegenheit, sondern ist eine unmittelbare Konsequenz der Anforderungen meiner Arbeit und wirkt sich auf diese aus, ganz gleich ob mir die dafür aufgewendete Zeit vergütet wird oder nicht. Es ist letztlich auch keine Auseinandersetzung mit aus dem privaten Bereich stammenden Emotionen, sondern primär die Aufarbeitung von Aspekten einer Arbeitssituation, die mit emotionalen Bewertungssystemen in einem Zusammenhang stehen. In der Ferienzeit bin ich durchaus mit anderen Emotionen konfrontiert.

Rastetter unterscheidet bei der Emotionsarbeit zwischen emotional labor (am Arbeitsplatz) und emotional work (im Privaten). Weiterhin führt sie aus, dass hauptsächliche kognitive Strategien zur Anpassung von Emotionen an geforderte display rules (Emotionsregeln) eingesetzt werden (Konzentration und Stanislawski-Methode). Die einzige weitere Strategie besteht dabei aus körperlich orientierten Entspannungstechniken (Rastetter, 2008, S.18f). In Lern-Lehr-Settings gehört es zu den jeweiligen Rollenbildern von Lernenden und Lehrenden Emotionsregeln zu befolgen. Diese müssen zuvor angeeignet werden und wirken bei Schülern bis ins Erwachsenenalter fort.

Emotionen und ihre Handhabung spielen in Bildungsprozessen also insgesamt eine erstaunlich vielfältige und wichtige Rolle. Und ganz gleich ob man den wirtschaftlichen oder den persönlichen Nutzen von Bildung ins Auge nimmt, es gilt: emotions matter. Genau aus diesem Grund sollten sie auch ein andauerndes Betrachtungs- und Untersuchungsfeld von Bildungswissenschaft sein.

Referenzen:

Dörpinghaus, A., Poenitsch, A., & Wigger, L. (2012). Einführung in die Theorie der Bildung (4., durchges. Aufl.). Grundwissen Erziehungswissenschaft. Darmstadt: Wiss. Buchges., [Abt. Verl.].

Hochschild, A. R. (2006). Das gekaufte Herz: Die Kommerzialisierung der Gefühle (Erw. Neuausg). Campus Bibliothek. Frankfurt/Main [u.a.]: Campus.

Rastetter, D. (2008). Zum Lächeln verpflichtet: Emotionsarbeit im Dienstleistungsbereich. Frankfurt am Main: Campus.

Salisch, M. v. (2000). Wenn Kinder sich ärgern: Emotionsregulierung in der Entwicklung. Göttingen [u.a.]: Hogrefe, Verlag für Psychologie.

Wouters, C. (1999). Informalisierung: Norbert Elias‘ Zivilisationsprozesse im 20. Jahrhundert. Hagener Studientexte zur Soziologie: Bd. 3. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.

Zimmermann, U. (2013). Bildungswiderstand: Lernende Erwachsene im Spannungsverhältnis von Individualität und Funktionalität. Uelvesbüll: Der Andere Verlag.

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