Bildungsmäuschen

Startseite » Emotionen » Überkommene Emotionsmuster

Überkommene Emotionsmuster

Vielleicht werde ich mich an diesen Monat als den erinnern, in dem ich mir neben anderen körperlichen Belastungen mein Ohr zerstochen habe und in dem ich mit meiner Bachelorarbeit einfach nicht vorangekommen bin. Vielleicht wird er mir aber auch anders in Erinnerung bleiben.

Ich fühle mich gehandikapt. Hitze, Erkältung, Ohrenrauschen, schlechtes Hören, körperliche Erschöpfung haben sich in diesem Monat auf meine Denkfähigkeit ausgewirkt. Das ist aber nicht der einzige Grund, dass ich scheinbar nicht vorankomme. Letztlich ist es das Thema Emotionen selbst. Ich bin zwar inzwischen durchaus zu Erkenntnissen in Bezug auf mein spezifisches Interesse daran angelangt, was mir zu fehlen scheint, ist eine wirklich brauchbare Idee für die Form, in die ich diese Erkenntnisse packen kann. Alle Anläufe haben sich bisher in einer ausufernden, unübersichtlichen Fülle aufgelöst.

Pekrun und Linnenbrink-Garcia (2014) fassen die Situation, die auch ich in Bezug auf Emotionen in Bildungsprozessen vorgefunden habe, im Schlussbeitrag des International Handbook of Emotions in Education im Wesentlichen zusammen. Das Handbuch gehört dabei zu den Werken, die Emotionen in einer selbstverständlich scheinenden Weise in alle Überlegungen einbeziehen und ihre Bedeutung in Bildungsprozessen hervorheben. Lese ich solche Beiträge, wird meine Einschätzung von Emotionen jeweils beträchtlich beeinflusst, um sich nach einer Weile jedoch wieder davon zu entfernen.

Für die Autoren gibt es in diesem Themenfeld mehr neue herausfordernde Fragen als Antworten. Forschung wird als erst in einem frühen Stadium befindlich eingestuft und Theorien, Untersuchungsstrategien und Messmethoden werden als noch nicht voll entwickelt beschrieben. Für die Erstellung von Metaanalysen gibt es in ihren Augen zu wenige Studien, um Praktikern Empfehlungen geben zu können. Nach ihrer Einschätzung ist ein interdisziplinäres Vorgehen sinnvoll, bei dem ein Konsens über die entwickelten Konstrukte in Form eines umfassenden Rahmenwerkes angestrebt wird, in dem multiple theoretische Ansätze integriert werden können. Dazu werden multi-methodische Ansätze als notwendig erachtet, um das Forschungsfeld voranbringen zu können. Die dabei zu untersuchenden Erscheinungen sind vielfältig, existieren auf verschiedenen Ebenen und Settings und umfassen die Dimension Zeit in historischen sowie Entwicklungsprozesse.

Ich bin immer wieder darüber erstaunt, wie wenig wissenschaftlich abgesichertes allgemein anerkanntes Wissen zu einem Themenbereich existiert, mit dem sich die Menschheit mindestens seit der Antike auseinandersetzt. Gleichzeitig ringe ich selbst weiterhin damit Emotionen als etwas von allgemeinem und nicht nur persönlichem und privatem Interesse empfinden zu können. Der ganze Input, den ich meinem Denken zum Thema Emotionen in den letzten Monaten zugeführt habe, hat meine Überzeugung von der Bedeutung von Emotionen zwar gestärkt, allerdings dieses grundlegende Empfinden nicht an der Wurzel beseitigen können, dass Emotionen letztlich nur von privatem Interesse sind. Es wuchert immer wieder erneut hervor.

Ich weiß jetzt, das sind Emotionsmuster, die im Verlauf meiner Sozialisation entstanden sind und auf den von mir wahrgenommenen gesellschaftlich verbreiteten Umgang mit Emotionen zurückgehen, also letztlich nicht privater Natur sind, sondern eingebettet in gesellschaftliche Vorstellungen und Praktiken, die sich aus Geschichte, Kultur, Sozialstruktur und möglicherweise weiterem ergeben.

In den Theorien zu Emotionen (wo?) findet sich auch die Begründung. Emotionsmuster sind wesentlich schwerer zu ändern als Denkmuster. Es ist nicht möglich ihnen zu sagen: so von heute an liefert ihr andere Informationen, da es neuere Erkenntnisse gibt. Das geht nur auf der Oberfläche des Denkens und zum Teil auch nur bei fortwährender Kontrolle. Nach meinen Beobachtungen neigt allerdings auch das Denken immer wieder dazu in alte Muster zu verfallen, wenn die neuen noch nicht weitgehend implementiert sind. Schwierigkeiten bei den Änderungsbemühungen nach Jahrzehnten einer anderen Praxis bei einem so umfassenden und gleichzeitig so unklarem Thema wie Emotionen zu haben, erscheint mir inzwischen allerdings logisch. Ich war jedoch davon ausgegangen, dass ich ähnliche Erfolge in einem ähnlichen Zeitraum erzielen könnte wie bei meiner Auseinandersetzung mit dem Rassismus. Von dieser Hoffnung muss ich mich inzwischen verabschieden. Das Thema Emotionen wird mir voraussichtlich noch lange erhalten bleiben und zu einer fortwährenden Auseinandersetzung herausfordern. Genau das wird in meiner Bachelorarbeit Berücksichtigung finden müssen. Es wird keine endgültigen Antworten geben können. Möglich ist nur die Beschreibung des aktuell bestehenden, letztlich unzureichenden Zustandes.

Das Kapitel von Pekrun und Linnenbrink-Garcia (2014) weist genau in diese Richtung. Es gibt viel, sehr viel zu erforschen und nach ihrer Einschätzung steckt die Emotionsforschung letztlich noch in den Kinderschuhen. Das betrachte ich als eine wichtige und wesentliche Information, da die Erwartungen durch die Selbstverständlichkeit von Emotionen im Alltag ganz anders aussehen können.

Das Studienbuch Emotionsforschung von Schiewer (2014) versucht eine Zusammenfassung von Theorien, Anwendungsfeldern und Perspektiven und zeigt eine erstaunliche Fülle von Feldern, in denen die Erforschung von Emotionen bedeutungsvoll und relevant ist. Unter anderem Kommunikation, Multilingualität, Literatur, bildende Kunst, Musik, alte und neue Medien, Computertechnik und Robotik, Ökonomie, Recht, Politik, Diplomatie, Psychologie, Beratung, Bildung, Unterricht oder medizinisch-therapeutische Gesprächsführung. Weiterhin enthält das Buch viele Verweise auf weiterführende Literatur und Studien, kann darüber hinaus aber leider nicht wirklich eine zusammenfassende Ordnung für das Gebiet der Emotionsforschung liefern.

Das Buch versteht sich vor allem als Beleg dafür, dass das Thema Emotionen nicht mehr als randständig betrachtet und Emotionsforschung nicht als komplementäre Ergänzung zum rationalen Paradigma verstanden werden kann. Damit argumentiert die Autorin in einer ähnlichen Weise zu der ich selbst durch meine Recherchem gelangt bin. Schiewer geht dabei, wie andere in den letzten Jahren auch (z.B. Wiltrud Gieseke, Rolf Arnold), von einer Hand-in-Hand Beziehung zwischen Rationaliät und Emotionalität aus (Schiewer, 2014, S. 191). Wird diese Annahme als zutreffend anerkannt, so erfordert es eine grundlegende, weitreichende Änderung der Betrachtung dessen was in einem Menschen, zwischen Menschen und in gesellschaftlichen Kontexten vor sich geht. Emotionen verlassen die Position von untergeordneten Nebenbeiprodukten und werden zu konstituierenden Anteilen menschlichen Lebens, untrennbar verbunden mit Wahrnehmung, Ratio, Wertesystemen, Entscheidungsprozessen und Handeln, woraus die Forderung abgeleitet werden kann, Emotionen im Zusammenhang mit Menschen fortwährend mit zu betrachten.

Von der Logik her ist das für mich gut nachvollziehbar und überzeugend, ändert jedoch meinen emotionalen Mustern in Bezug auf Emotionen selbst nur wenig. Während ich versuche mich mit Emotionen in einem wissenschaftlichen Rahmen zu beschäftigen, fühle ich mich unsicher. Zu lange wurde mir erklärt, dass Emotionen im öffentlichen Raum ohne Bedeutung sind. Mit denen hat jeder selber oder im engeren Freundeskreis fertig zu werden und sie dabei in einer akzeptablen Form zu regeln, um sich dann möglichst von ihnen unbelastet den eigentlich wichtigen Themen des Lebens zuzuwenden (welche wären das eigentlich?). Wer nicht in dieser Form verfährt, ist nicht wirklich ernst zu nehmen und kann nicht als vollwertige erwachsene Person betrachtet werden. Diese Prägung sitzt sehr tief.

Letztlich erscheint es mir, als befände ich mich momentan vor allem in einem Ringen mit meinen eigenen Emotionsmustern in Bezug auf Emotionen selbst, in einem Versuch meine emotionalen Muster von einer andere Sichtweise auf Emotionen sowie einem anderen Umgang mit ihnen zu überzeugen, um daraus hervorgehend weitergehende Überprüfungen der Tragweite einer Veränderung der Sichtweise überhaupt ins Auge fassen zu können. Manchmal blitzen allerdings durchaus Ahnungen herauf, zu welchen neuen Erkenntnissen das führen könnte, die mich ermutigen meine Bemühungen fortzusetzen.

Referenzen:

Pekrun, R. & Linnenbrink-Garcia, L. (2014). Conclusions and Further Directions. In: Pekrun, R. & Linnenbrink-Garcia, L. (Hrsg.). International Handbook of Emotions in Education.  New York: Routledge.

Schiewer, G. L. (2014). Studienbuch Emotionsforschung. Theorien – Anwendungsfelder – Perspektiven. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: