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Soziale Konstitution und Funktion von Emotionen

Letztlich bin ich mit meinen Recherchen zu Emotionen noch immer nicht zufrieden. Gestern bekam ich zwar erneut den Hinweis, dass ich schließlich nur eine Bachelorarbeit schreiben will und es vollkommen ausreicht irgendein Zwischenergebnis zu liefern und anschließend weiter zu machen. Ich habe aber das Problem, dass mir bei dem was ich bisher herausgefunden habe Entscheidendes fehlt. Im letzten Blogeintrag habe ich mich auf das Schlusskapitel von Pekrun und Linnenbrink-Garcia (2014) bezogen, die Forschung zu Emotionen in Bildungsprozessen als letztlich noch in den Kinderschuhen steckend beschreiben, was mich zuerst überrascht hat, dann habe ich es zwar bereitwillig als mögliche Erklärung akzeptiert, dennoch habe ich weiter gesucht.

Inzwischen bin ich auf einen Text gestoßen, der passend zu meinem Modell der eingebetteten Verzwirbelung den Bereich der soziokulturellen Einflüsse genauer ins Auge nimmt und sich mit der sozialen Konstitution und Funktion von Emotionen beschäftigt. Dahinter steht wie nicht das erste Mal im Verlauf meiner Recherche eine ganze Dissertation und ein Mann, der mittlerweile Professor im Bereich Soziologie der Emotionen ist, Christian von Scheve.

Für meinen Kenntnisstand liefert diese Ausrichtung entscheidende Ergänzungen. Möglicherweise gibt es Emotionen, die nur Angelegenheit des einzelnen Menschen sind und deshalb allein in einen privaten Bereich gehören, das kann ich nicht ausschließen, generell ist das allerdings nicht so. Nicht nur Ratio und Emotio sind im Menschen selbst untrennbar verbunden sind, das Individuum steht mit seinen Emotionen nicht losgelöst im Raum, sondern diese sind mit der umgebenden Kultur und Sozialstruktur aufs engste verknüpft.

Was das genauer bedeutet und wie weitreichend das ist, lässt mich der Text von Scheve (2011) erahnen. In seiner Einleitung stellt er dar, dass Emotionen in der Wissenschaftshistorie häufig in Opposition zu rationalem Verhalten definiert wurden. Emotionen werden dabei durchaus als wünschenswert betrachtet solange sie zweckdienlich sind. Zweckdienlich sind sie um Handlungsimpulse zu liefern, danach sollen sie allerdings wieder zurücktreten, um der rationalen Vernunft die Vorherrschaft zu überlassen. Diese Sichtweise kann in meinen Augen bestimmte Widersprüche in der Einschätzung von Emotionen hervorragend erklären.

Entscheidender ist für mich momentan allerdings wie es überhaupt zu den Emotionen kommt. Mit einer Einbettung in Kultur und Sozialstruktur stehen sie nicht mehr in der alleinigen Verantwortung des einzelnen Individuums. Und auch ihr Ausdruck und die erwartete Regulierung stehen in einem Zusammenhang mit der umgebenden Gesellschaft, ihren Normen, Regeln und Gepflogenheiten. Auch dadurch ist die Auseinandersetzung mit Emotionen in sozialen und  pädagogischen Kontexten von Interesse.

„Die konsequente Interpretation der skizzierten Ergebnisse lautet daher, dass Bildung und Erziehung ohne profunde Kenntnis emotionaler Prozesse weder lückenlos verstanden, geschweige denn gesteuert werden können.“ (Scheve, 2011, S.213)

Genau dieses Zitat unterstützt meinen Eindruck, dass Emotionen ein explizites Thema der Bildungswissenschaft sein sollten und es nicht ausreichend ist, wenn eine Auseinandersetzung mit ihnen nur implizit und in unterschiedlichen Theorien verstreut geschieht und es den Einzelnen überlassen bleibt genauere Kenntnisse erst durch zusätzliche mühevolle Recherche zu erwerben (und dann möglicherweise eine Überraschung zu erleben).

Referenz:

Scheve, C. von (2011). Die soziale Konstitution und Funktion von Emotion: Akteur, Gruppe, normative Ordnung. In: Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 14(2), S. 207-222.

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