Bildungsmäuschen

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Modell zu den Aufgaben von Pädagogik und Bildungswissenschaft in Bezug auf Emotionen

In der Regel verarbeite ich Informationen des Vortags während der Nacht, so dass mir in der Phase nach dem Aufstehen häufig neue Zusammenhänge klar werden. Daher schreibe ich meine Blogbeiträge auch bevorzugt am frühen Morgen, mache mir meine Überlegungen darin noch einmal klar, fasse sie in den wichtigsten Teilen zusammen, führe sie zum Teil auch fort oder präzisiere sie. Gelegentlich muss ich sie auch verwerfen.

Gestern war ich allerdings mit einem anderen Ablauf konfrontiert. Am Morgen hatte ich, während ich noch im Bett lag, immer wieder aufsteigende Überlegungen auf einem Block notiert, eine neue Vorgehensweise, mit diesen Aufzeichnungen konnte ich später aber nicht mehr viel anfangen. Anscheinend war nur das Aufschreiben selbst von Bedeutung, um danach entlasteter weiterdenken zu können. Im Lauf des Tages folgten dann u.a. die Beschäftigung sowohl mit einem psychologischen Text, als auch mit einem soziologischen zu Emotionen. Beiden Texten habe ich dabei für mein Interesse wesentliche Aussagen entnommen.

Glasenapp (2013) betrachtet aus psychotherapeutischer Richtung Emotionen als Ressourcen und versucht eine Unterscheidung zwischen positiven und negativen Emotionen zu vermeiden. Er versucht alle Arten von Emotionen als Informationsquelle und Potential zu verstehen.

Dieses Potential erschließt sich aus der Schnittstellenfunktion von Emotionen als vermittelnde und koordinierende Instanz von Kultur, Körper, Bedürfnissen und Handlungen. (Glasenapp, 2013, S.33)

Bedeutender als diese wichtige Aussage ist für mich allerdings, dass er eine Lenkung auf etwas zu Vermeidendes in der Verwendung des Begriffs „negativ“ sieht. Dadurch wird ein offener Umgang mit allen Erscheinungen zur Informationsgewinnung behindert. Genau diese Haltung spiegelt mein eigenes Verständnis von Emotionen wider.

Ein weiterer Beitrag von Scheve (2012), der für mein eigenes Interesse im Verlauf zu stark auf Fragen der Soziologie konzentriert ist, für die mir letztlich der soziologische Hintergrund fehlt, werde ich noch einmal mit den appraisal theories konfrontiert, die ich bisher sehr stark als Bewertungstheorien verstanden hatte. Im Verlauf seines Kapitels wird klar, dass es sich mehr um Einschätzungstheorien handelt, was er auch so übersetzt. Diese Einschätzungen können sehr komplex verstanden werden und enthalten wesentlich mehr als nur reine Bewertungen, beispielsweise die Interpretation von Ereignissen in sozialen Kontexten auf der Basis impliziten Wissens über gesellschaftliche Strukturen. Nach seinen Angaben sind die apparisal theories in der Lage die sozialen Einflüsse auf die Emotionsentstehung abzubilden (Scheve, 2012, S.115f).

Die Einflüsse beider Texte führen am Abend u.a. zu Überlegungen zur emotionalen Konstruktion der sozialen Wirklichkeit, den Auswirkungen von Macht- und Sozialstrukturen auf Emotionen und liefern mir wieder mehr Verständnis für Problematiken, mit denen ich in der Vergangenheit konfrontiert war und zu denen immer noch viele Fragen offen sind. An diesem Abend schreibe ich jedoch nichts von meinen Überlegungen auf.

Das Überraschende am Morgen danach ist es, dass die Schlussfolgerungen vom Abend keinen unmittelbaren Niederschlag in den Morgengedanken haben. Dagegen habe ich plötzlich ein komplettes Zusammenhangsmodell zu Bedeutung und Aufgabe von Pädagogik und ergänzend Bildungswissenschaft  im Kopf, das auf meinem Arbeitsmodell der eingebetteten Verzwirbelung unmittelbar aufbaut, dabei die Anregung der am Tag zuvor gelesenen Texte ganz neu nutzt, und das ich innerhalb einer viertel Stunde als Mindmap abbilden kann.

Die Verzwirbelung steht dabei im Zusammenhang mit den inneren Prozesse des Individuums und ist mit wissenschaftlichen Disziplinen verknüpft, die vor allem diesen Bereich untersuchen. Die soziokulturelle Einbettung bezieht sich auf Interaktionen und soziale und kulturelle Prozesse und ist ebenfalls mit denjenigen Wissenschaften verbunden, die vorrangig diesen Aspekt im Auge haben. Aufgabe der Pädagogik ist es das dabei zur Verfügung gestellte Wissen für ihre eigene Ausrichtung zu verwenden, die ich momentan in Bezug auf Emotionen grob in Vermittlung von Wissen zu Emotionen, Vermittlung des Umgangs mit Emotionen und dem dazugehörigem Wissen sowie kritische Reflexion, auch auf der Basis bestehender Rechts- und Wertesysteme, unterteilen kann. Darauf aufbauend lässt sich dann die Bedeutung der Bildungswissenschaft für die Pädagogik genauer bestimmen.

Mit dieser Modellerstellung überrasche ich mich selbst. Während ich noch am Abend vor allem eigene Erfahrungen als Beispiele verwendet und mein Wissen zur Überprüfung darauf angewendet hatte, ist das jetzt etwas völlig anderes. Es ist der Versuch eine zuerst einmal für mich sinnvolle Ordnung zu erstellen, die aber ganz klar auf mein Studiengebiet ausgerichtet ist. Es ist auch das erste Mal dass ich versuche zusammenzufassen, was ich selbst als Aufgabe von zuerst Pädagogik, dann im Besonderen BiWi, in Bezug auf Emotionen sehe. Alle anderen wissenschaftlichen Disziplinen sind darauf ausgerichtet angeordnet, stellen für die ureigenen Anforderungen des Bildungsbereichs Wissen zur Verfügung und treten dabei aber letztlich in den Hintergrund.

Es erstaunt mich, wie sehr ich mich selbst mit dieser Ausrichtung identifiziere. Es ist nicht meine Angelegenheit Aufgaben z.B. der Psychologie oder Soziologie zu bestimmen, auch wenn ich aus diesen Bereichen in den letzten Monaten viele Texte zu Rate gezogen habe. Für mich ist es letztlich entscheidend wie die Pädagogik sie nutzen kann. Erstaunlicherweise betrachte ich in meinem Modell BiWi als vermittelnde Schnittstelle zwischen anderen Wissenschaften und der Pädagogik, die ich dabei als wesentlich anwendungsorientierter und in einem stärkeren Praxisbezug wahrnehme.

Parallel erstaunt es mich aber auch wie weit ich mich in meinem Modell von meinem eigenen Erfahrungshintergrund entfernt habe. Die Überlegungen, die mich am Abend noch beschäftigt haben und bei denen es sich um sehr spezifische Aspekte der Bedeutung von Emotionsmodellen vor einem persönlichen Hintergrund handelt, sind in ihrer Bedeutung zurückgetreten. Im Vordergrund steht ein mich erstaunendes fachliches Interesse, das von dem abweicht was ich in mir selbst sehe, meiner eigenen Identität jetzt aber einen neuen Aspekte zufügt. Das ist ebenfalls reichlich unerwartet und verblüffend.

Referenzen:

Glasenapp, J.G. (2013). Emotionen als Ressourcen. Manual für Psychotherapie, Coaching und Beratung. Basel: Beltz.

Scheve, C.von (2012). Die sozialen Grundlagen der Emotionsentstehung: Kognitive Strukturen und Prozesse. In: Schnabel, A. & Schützeichel, R. (Hrsg.). Emotionen, Sozialstruktur und Moderne. Wiesbaden: Springer VS.

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