Bildungsmäuschen

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Emotionsregulierung

Glasenapp zitiert für mich sehr sympatisch Ben-Ze’ev (2009, S.21), der laut Glasenapp (2013, S.14) die bestehenden Konzepte von Emotionen als einen emotionalen Urwald von Annahmen und Vorstellungen beschreibt, in denen man sich leicht verirren kann. Verirrt fühle ich mich nicht, doch ich kann mit dem Bild eines Dschungels sehr viel anfangen. Es passt gut zum Thema Emotionen in Bildungsprozessen.

Mal wieder ist es passiert. Gerade dachte ich jetzt habe ich alles zusammen, jetzt kann ich mein Exposé schreiben, da wirbeln zwei Artikel zu Lehreremotionen alles wieder durcheinander. Pekrun und Linnenbrink-.Garcia (2014) fallen mir erneut mit ihrer Einschätzung ein, dass die Erforschung von Emotionen in Bildungsprozessen erst in den Anfängen steckt. Langsam beginne ich daran zu glauben.

Krapp und Hascher (2011) fassen in ihrem Kapitel zur Forschung zu Lehreremotionen bestehende relevante Theorien zu Emotionen auf kleinem Raum so erstaunlich umfangreich zusammen, dass ich denke, das könnte ich nicht verbessern und darüber brauche ich dann eigentlich auch nicht mehr zu schreiben. Die dargestellten Untersuchungen zum Thema selbst wirken am Umfang der Theorien gemessen allerdings stark eingeschränkt. Eine Einzeluntersuchung von Frenzel, Götz und Pekrun (2008) zu Lehreremotionen verstärkt den Eindruck, dass es relevanten Kontext gibt, der keine Beachtung findet. Momentan fehlt mir der Bezug dazu, woher Lehrer eigentlich ihre Bewertungssysteme nehmen, deren Erfüllung oder Nichterfüllung Emotionen auslöst, und woran sie sich aus welchem Grund orientieren.

„…dass die Motivation der Schülerinnen und Schüler und die Disziplin in der Klasse einen größeren Einfluss auf das emotionale Erleben der Lehrpersonen haben als die Leistungen.“ (Krapp & Hascher 2011, S.519)

Es ist der Dschungel. Er ist unglaublich vielfältig und alles ist miteinander verflochten. Emotionen befindet sich an einer Schnittstelle. Sie können im Hintergrund wirkende Wertesysteme aufdecken und stehen im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Strukturen. Dabei geht es auch nicht nur um Emotionen an sich, sondern sehr stark auch um die Art der gewünschten und praktizierten Emotionsregulierung.

„Lehrpersonen versuchen dabei diese unerwünschten Emotionen zu unterdrücken oder zu verbergen.“ (Krapp & Hascher 2011, S.518)

Vor einer Weile habe ich Emotionsregulierung als bedeutende Bildungsaufgabe bestimmen können. Inzwischen beschäftigen mich dazu vor allem Fragen danach, wer eigentlich in welchem Kontext die gewünschte Form bestimmt und welche Absicht und welches Menschenbild jeweils dahinter stehen.

Im Rahmen von Schule bestehen Rollenerwartungen an Lehrer, Schüler und weitere Beteiligte. Diese Rollenerwartungen sind dabei mit Erwartungen auch an die jeweils gewünschte Art von Emotionsregulierung verknüpft. Der disziplinierte und motivierte Schüler ist ein Mensch mit einer spezifischen Art der Emotionsregulierung. Ebenso werden von Lehrern und Eltern im Kontext von Schule je spezifische Formen des Emotionsausdrucks als erwünscht oder weniger begrüßenswert betrachtet. Sanktionen in Form von Belohnungen und Bestrafungen werden eingesetzt, um erwünschtes Verhalten zu fördern oder auch nur um zu differenzieren. Es muss Emotionsarbeit geleistet werden und für diese Emotionsarbeit kann davon ausgegangen werden, dass wiederum eine Entlastungszeit notwendig ist. Daraus kann ein etwas anderer Blick auf Freizeit hervorgehen, die dann vielleicht gar nicht umfänglich freie Zeit zur Verfügung des Individuums ist, sondern zum Teil dazu dient einen Ausgleich zu vorher erbrachten emotionalen Anstrengungen zu gewährleisten, damit weitere Anstrengungen ohne größeren Schaden für das Individuum überhaupt erbracht werden können.

Im Dschungel ergeben sich immer wieder neue Bilder für die Erfassung von Wirklichkeit. Von Frenzel et al.(2008) lässt sich ableiten, dass positive Lehreremotionen kaum in einem Zusammenhang mit der erzielten Schülerleistung stehen, allerdings stark mit Motivation und Gesundheit. Davon ausgehend lassen sich Bezüge dazu herstellen, dass Wohlergehen und Gesundheit durchaus als etwas betrachtet werden können, auf das man notfalls verzichten kann. Leistung lässt sich scheinbar auch ohne Wohlergehen und Gesundheit erzielen. Dafür muss gelernt werden Opfer zu erbringen…eine gar nicht so unübliche Haltung gegenüber Arbeitsleistung.

Im Dschungel lässt sich gut herumspinnen und über Zusammenhänge spekulieren. Das Themengebiet Emotionen in Bildungsprozessen verfügt über ein erstaunliches Potential, das noch lange nicht ausgelotet ist. Wo und wie erholen und entlasten sich Lernenden und Lehrende von ihrer Emotionsregulierung? Wie erklärbar werden auf einmal unterschiedliche Kommunikationsräume im Netz, in denen unterschiedliche Emotionsregeln gelten? Unter welchen Prämissen sind Pausenhöfe, gemeinsame Feiern, persönliche Beziehungen oder Lerngruppen in Bezug auf Entlastung von Emotionsregulierung zu betrachten?

Eine kleine Perspektivenänderung führt zu einer ganz neuen Form der Betrachtung von Vertrautem.

Referenzen: 

Ben-Ze’ev, A. (2009). Die Logik der Gefühle. Kritik der emotionalen Intelligenz. Frankfurt. Suhrkamp.

Frenzel, A.C., Götz, T. & Pekrun, R. (2008). Ursachen und Wirkungen von Lehreremotionen: Ein Modell zur reziproken Beeinflussung von Lehrkräften und Klassenmerkmalen. In: Gläser-Zikuda, M.(Hrsg.). Lehrerexpertise : Analyse und Bedeutung unterrichtlichen Handelns. Münster: Waxmann, S. 187-209.

Glasenapp, J.G. (2013). Emotionen als Ressourcen. Manual für Psychotherapie, Coaching und Beratung. Basel: Beltz.

Krapp, A. & Hascher, T. (2011). Forschung zu Lehreremotionen. In: Terhart, E., Bennewitz, H. & Rothland, M. (Hrsg.). Handbuch der Forschung zum Lehrberuf. MünsterWaxmann, S. 511-526. Im Netz:  http://www.researchgate.net/publication/278023866

Pekrun, R. & Linnenbrink-Garcia, L. (2014). Conclusions and Further Directions. In: Pekrun, R. & Linnenbrink-Garcia, L. (Hrsg.). International Handbook of Emotions in Education.  New York: Routledge.

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