Bildungsmäuschen

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Die Bedeutung von Emotionen in Bildungsprozessen

Seit dem letzten Eintrag ist gefühlt mehr Zeit verstrichen als vier Tage. Während um mich herum Menschen verreisen und/oder die vielfältigen Feste und Festivals des Sommers besuchen, verbringe ich meine Zeit vor allem damit durch Texte zu reisen und mir dazu Gedanken zu machen. Ich bin überrascht und begeistert, fasziniert und deprimiert, verzweifelt und angeregt, schockiert und beruhigt.

Es ist nicht das erste Mal, dass ich verblüfft bin, wohin mich die Reise durch die Texte geführt hat. Ich schaue jetzt mit anderer Augen auf die Welt. Emotionen sind keine authentischen, natürlichen Erscheinungen. Emotionen werden durch die soziale Umwelt, durch die Sozialstruktur geformt. Sie werden zwar subjektiv und individuell empfunden, sind dabei aber eingebettet in das was den Menschen geformt hat und auf ihn einwirkt und ein Ausdruck dieser Strukturen. Wie sieht unter dieser Prämisse die alleinige Verantwortlichkeit des Menschen für seine Emotionen aus?

Es geht auch nicht primär um Emotionen an sich, vor allem nicht im Bereich der Bildung. Es geht um den Umgang mit ihnen, um ihre Regulierung und wovon sich die Maßstäbe dafür ableiten. In Hinblick darauf ist dann das verbreitete Wissen um das was Emotionen eigentlich sind, welche Funktion sie haben und wie sie in ihrer Bedeutung für den Menschen und die Gesellschaft eingeschätzt werden von Bedeutung.

Emotionsregulierung zu vermitteln und zu erlernen ist Aufgabe von Erziehung und Sozialisation und beide sind grundlegende Bereiche für eine Beschäftigung mit Bildung. Die große Frage dabei ist die nach der Bewusstheit. Wie weit sind sich die Handelnden darüber im Klaren was sie tun. Ich war es bisher nicht. Ich war mir nicht bewusst, dass ich die Emotionen anderer manipuliere oder wie ich auf meine eigenen einwirke. Oder dass es Systematiken für die verwendeten Strategien der Emotionsregulierung gibt. Ich war mir nicht bewusst, dass ich internalisierten Emotionsnormen folge, dass es in unterschiedlichen Teilbereichen der Gesellschahft unterschiedliche Emotionsnormen geben kann und dass dadurch Konflikte auftreten können, deren eigentliche Ursachen nur schwer zu bestimmen sind, wenn man sich nicht darüber bewusst ist, dass es so etwas wie Emotionsnormen überhaupt gibt.

Ich wusste nichts von Informalisierungs- und Formalisierungsprozessen bei der Entwicklung von Emotionsregulierung im Prozess der Kulturentwicklung. Es war mir nicht klar, dass ich zu einer Generation gehöre, die alte Regeln zum Umgang mit Emotionen in Frage gestellt haben, war mir nicht im Klaren darüber wie sich der Umgang mit Emotionen seitdem entwickelt hat und wie sich Emotionsnormen seitdem geändert haben. Ich kann das jetzt anhand der Erfahrungen meiner eigenen Lebenszeit nachvollziehen. Da ich mir bisher darüber aber nicht bewusst war, konnte ich es das nicht gezielt in meine Überlegungen einbeziehen.

Das ist das spannende an dieser Reise durch die Texte, gegen die Reisemöglichkeiten und Feste in der Außenwelt weit weniger interessant wirken. Diese sind nur flüchtig und vorübergehend, das Lesen und die ausgelösten Überlegungen sind tiefgehender.

Scheve (2009, S.344) erwähnt im letzten Kapitel seine „langjährige Auseinandersetzung mit den (Emotions)Theorien anderer Disziplinen“. Ich lese erst seit einem halben Jahre intensiver wissenschaftliche Texte und Theorien zu Emotionen und meine Einschätzung wird jetzt zurecht gerückt. Ich bin nicht langsam und umständlich. Wenn man den Bereich der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Emotionen einigermaßen umfassend erkunden möchte, so braucht das einfach Zeit, denn es gibt immer wieder überraschende neue Aspekte zu berücksichtigen, die immer wieder alles in einem neuen Licht erscheinen lassen. Es hat seinen Grund warum so viele Wissenschaftler vom Bedarf an interdisziplinärer Arbeit schreiben. Überall ist wichtiges Wissen verstreut. Es ist dabei wie mit dem Blogschreiben. Immer nur einen kleinen Bereich nach und nach zu beleuchten ist einfach. Ganz große Zusammenhänge zusammenzufügen ist schwer und dauert.

Es gibt inzwischen Emotionspsychologie, es gibt die Soziologie der Emotionen, es gibt Emotionsphilosophie – es gibt aber keine Bildungswissenschaft der Emotionen. Zumindest ist mir nichts davon bekannt.

„…spielen Gefühle dabei eine zentrale Rolle. Deshalb ist es merkwürdig, wie wenig die Bildung der Gefühle in den letzten Jahrzehnten in der Erziehungswissenschaft zum Thema geworden ist.“ (Frevert, U. & Wulf, C., 2012, S.5)

Nun, inzwischen würde ich Frevert und Wulf nicht mehr so ganz zustimmen. Wenn man genauer hinschaut, findet man recht viel Material, in dem sich im Bereich der Bildung die Beschäftigung mit Emotionen zeigt. (Ich nehme mir dabei heraus, dass in dem Artikel, aus dem das Zitat stammt, kein Unterschied zwischen Emotionen und Gefühl gemacht wird und die Verwendung des Wortes Gefühl im Zusammenhang mit der deutschen pädagogischen Tradition steht, auf die sich der Artikel unmittelbar bezieht.) Der Bereich Bildung kommt an der Auseinandersetzung mit Emotionen nicht vorbei.

Was jedoch fehlt, ist auch hier eine übergeordnete theoretische Zusammenfassung und ihre Anwendung auf alle Bereiche der Bildung. Der theoretisch abgesicherte, systematische Blick auf die Bedeutung von Emotionen, vor allem aber auf Emotionsregulierung, in allen Bildungsprozessen und bei allen für Bildung relevanten Problematiken. Die bewusste Wahrnehmung und Einbeziehung dessen, was auf der Ebene der Emotionen eigentlich geschieht, kann sehr viele Informationen liefern, die ein umfassenderes Verständnis fördern und ein besseres Eingreifen bei, bzw. einen besseren Umgang mit unterschiedlichen Problematiken im Bildungsbereich ermöglichen. In der gezielten, in bereits vorhandene Theorien eingebetteten Einbeziehung von Emotionen steckt ein hohes Erklärungspotential.

Referenzen:

Frevert, U. &· Wulf, C. (2012). Die Bildung der Gefühle. In: Zeitschrift für Erziehungswissenschaft 15, S. 1-10. Wiesbaden: Springer.

Scheve, C.von (2009). Emotionen und soziale Strukturen. Die affektiven Grundlagen sozialer Ordnung. Frankfurt/New York: Campus.

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