Bildungsmäuschen

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Emotionen und Bildungswissenschaft

Inzwischen bin ich im Thema Emotionsregulierung gelandet und dachte, jetzt wird es übersichtlicher. Genauso wie für Emotionen selbst gilt jedoch, dass es mehr als eine Definitionen gibt und dass sich das Thema im wissenschaftlichen Bereich noch in der Entwicklung befindet.

In Bezug auf Emotionen und den Bildungsbereich gehe ich momentan davon aus, dass es sich bei der Regulierung von Emotionen um eine grundlegende Lernleistung handelt und diese auch nicht im Verlauf von Kindheit und Jugend beendet ist. Neben dem International Handbook of Emotions in Education habe ich jetzt das Handbook of Emotion Regulation in vergleichbarer Stärke vorliegen und langsam fühle ich mich doch etwas überfordert. Es ist einfach kein Ende meiner Auseinandersetzungen abzusehen.

Nach wie vor halte ich die Auseinandersetzung mit dem was Emotionen sind, wie mit ihnen umgegangen wird und welcher Umgang mit ihnen gelehrt wird für grundlegende Fragestellungen für den Bildungsbereich. Wie Emotionen eingeschätzt werden, hat dabei einen unmittelbaren Einfluss auf die Vorstellungen davon wie sie reguliert werden können und sollen.

„Definitionen von Emotionen erfolgen zumeist intuitiv, implizit und beruhen auf einem Alltagsverständnis.“ (Scheve, 2009, S.69)

Die grundlegende Haltung zu Emotionen und das Alltagsverständnis was sie sind, muss für die Anwendung von Emotionsregulierung auch nicht reflektiert werden. Emotionen sind allen aus der subjektiven Erfahrung bekannt, was eine ausreichende Kenntnis suggerieren kann.

Scheve (2009, S.183) beschreibt beispielhaft für die Soziologie drei verschiedene Ansätze in der Haltung zu Emotionen.

  1. Konventionell: Emotionen und Rationalität werden als entgegenstehend verstanden.
  2. Kritisch: Emotionen und Rationalität stehen in einem gegenseitigen Ergänzungsverhältnis.
  3. Kontinuum: Emotionen und Rationalität sind zwei Kategorien des Denkens in einem fortlaufenden stetigem Prozess und keine „natürlichen“ Kategorien

Jede dieser Haltungen führt dabei zu einer anderen Sicht auf Emotionen, die sich auch in der damit verbundenen Vorstellung angemessener Regulierung niederschlägt. Werden Alltagsvorstellungen nicht reflektiert, wirken sie sich ohne Bewusstheit ihrer Grundlagen aus. Im Zusammentreffen von Menschen mit unterschiedlichen Vorstellungen kann es dann zu Missverständnissen kommen, für deren Klärung keine Grundlage zur Verfügung steht.

Interessant ist in diesem Zusammenhang die Ausrichtung, die bei unterschiedlichen Disziplinen zu beobachten ist. Während in der Soziologie der Emotionen die (schonungslose) Aufdeckung von Strukturen, Zusammenhängen und Beeinflussungen zwischen Emotionen und gesellschaftlichen Strukturen im Vordergrund steht, findet sich bei einer verhaltenstherapeutischen Ausrichtung im Sinne von Glasenapp (2013) der Versuch nicht zwischen negativen und positiven Emotionen zu unterscheiden und alle Arten von Emotionen für die Entwicklung des Individuums als Ressource nutzbar zu machen. Wie positioniert sich die Bildungswissenschaft in diesem Zusammenhang?

Es gelingt mir nicht einen verlässlichen Überblick zu gewinnen. Tendenziell habe ich aber den Eindruck, dass mit Emotionen vor allem umgegangen wird, weil es sich nicht vermeiden lässt. Emotionen stehen nicht im Mittelpunkt des Bildungsinteresses. Sie sind die ewigen Begleiterscheinungen, die Lernen und Lehren behindern oder fördern. Dabei scheinen, zumindest bei Praktikern, recht klare Vorstellungen davon zu existieren, wie sich Emotionen optimal ausdrücken sollen. Momentan scheint es, dass positive Emotionen zu fördern sind, negative zu vermeiden. Allerdings sind diese Vorstellungen Wandlungsprozessen unterworfen und stehen im Zusammenhang mit allgemein verbreiteten Haltungen zur Bedeutung von Emotionen in der Gesellschaft. Das betrifft nicht nur Emotionen an sich,  sondern auch das was unter positiven und  negativen Emotionen verstanden wird.

In meiner Grundschulzeit sollten beispielsweise Schüler in der Unterrichtszeit vor allem ruhig sitzen, konzentriert zuhören und Anweisungen folgen. Emotionen zu zeigen wurde nicht gefördert, diese durften allerdings in der Pause auf dem Schulhof und beim Spiel mit anderen Kindern gezeigt werden. Bis weit in die 60er Jahre hinein habe ich eine Kultur von Schulhofkämpfen in Erinnerung, in denen Emotionen sehr stark sichtbar wurden, die von Lehrern nicht unterbunden und auch nicht als problematisch betrachtet wurden, und die ich heute als Entlastung begreifen kann. Zu diesem Zeitpunkt existierten in der Gesellschaft noch sehr starke Vorstellungen davon, dass Emotionen vor allem in den privaten Bereich gehören.

Lehrer waren mit anderen Problemen konfrontiert als in einer Gesellschaft, die das Hervortreten von Emotionen in allen Bereichen anerkennt. Dadurch wird es auch für Unterrichtssituationen bedeutsam, welche Emotionsnormen Anwendung finden. Es ist dabei einfacher Emotionen bzw. den Emotionsausdruck weitgehend auszuklammern, als Emotionen und Emotionsausdruck nur in bestimmten Formen zu akzeptieren, bzw. sogar zu erwarten. Ich kann nur empfehlen sich einmal alte Schulfotos auf den Emotionsausdruck hin anzuschauen und damit zu vergleichen, was im Lauf der Zeit üblich geworden ist. Heute möchte man eher glücklich und begeistert wirkende Schüler auf Fotos sehen. Das Gleiche gilt übrigens für Mitarbeiterfotos.

Es haben sich also im Lauf der Zeit immer wieder andere Emotionsregeln und -normen entwickelt und werden das auch weiterhin tun. Gesellschaften sind nicht statisch. Interessant sind in diesem Zusammenhang auch die von Wouters (1999) beschriebenen Informalisierungsprozesse. Bei einem verringerten Außenzwang ist eine stetige Zunahme an Selbstregulierung im lockerer werdenden Umgang miteinander während der Entwicklung der Zivilisation zu beobachten. Ursache ist dabei auch eine zumindest rechtliche Angleichung der Individuen.

„Die Aufgabe, Neid zurückzudrängen, gestaltet sich schwierig, da unserer Gesellschaften nicht die völlige Angleichung aller materiellen Verhältnisse anstreben. Sie bestehen darauf, daß alle Menschen die gleichen politischen und bürgerlichen Rechte haben – niemand hat mehr Stimmen oder mehr Religionsfreiheit als jemand anderer-, aber was Einkommen und Vermögen und die damit verbundenen Lebenschancen betrifft, dulden sie manche Ungleichheit, um Anreize für Leistung und Innovation zu setzen, die das Wohlstandsniveau der gesamten Gesellschaft heben.“  Martha C. Nussbaum: Politische Emotionen (2014). Berlin: Suhrkamp, S. 191.

Auf der Basis dieses Zitats lassen sich Problematiken in Bezug auf Emotionen recht gut erahnen. Gleichheit und Ungleichheit wirken zusammen und müssen bei der Betrachtung von Emotionen und Emotionsregulierung beachtet werden. Allerdings immer unter der Voraussetzung, dass Emotionen, ihre Entstehung und ihr Ausdruck als in gesellschaftliche Strukturen eingebettet verstanden werden.

Mag die Verhaltenstherapie Individuen einen Ausweg zeigen können, das Bildungssystem kann es nur begrenzt. Es bleibt ein Funktionssystem der Gesellschaft mit der Aufgabe ihrer Erhaltung und Reproduktion. Das Individuum und seine Entwicklung selbst können nur begrenzt im Mittelpunkt stehen. Immer auch hat das Individuum im gesellschaftlichen System zu funktionieren, sonst muss das Bildungssystem letztlich sein Scheitern verkünden.

Die Aufgabe des Bildungssystems in Bezug auf Emotionen kann dahin identifiziert werden, dass Individuen lernen in einer Weise mit ihnen umzugehen, die eine Balance zwischen individuellen Interessen, Bedürfnissen, Zielen und Motiven und gesellschaftlichen Anforderungen in einer komplexen, sich schnell wandelnden Gesellschaft zu ermöglichen. Damit verbunden ist auch das Eingeständnis des immer Unzureichenden. Das Spannungsverhältnis in dem sich Bildung bewegt, ist nicht aufzuheben, nur immer wieder neu zu erkennen und zu benennen. Auch im Verständnis und im Umgang mit den Emotionen.

Referenzen:

Glasenapp, J.G. (2013). Emotionen als Ressourcen. Manual für Psychotherapie, Coaching und Beratung. Basel: Beltz.

Gross, J.J. (Ed.) (2007). Handbook of Emotion Regulation. New York: The Guilford press.

Nussbaum, M.C. (2014). Politische Emotionen. Berlin: Suhrkamp.

Pekrun, R. & Linnenbrink-Garcia, L. (Ed.) (2014). International Handbook of Emotions in Education.  New York: Routledge.

Scheve, C. von (2009). Emotionen und soziale Strukturen. Die affektiven Grundlagen sozialer Ordnung. Frankfurt/New York: Campus.

Wouters, C. (1999). Informalisierung: Norbert Elias‘ Zivilisationstheorie und Zivilisationsprozesse im 20. Jahrhundert. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.

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