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Emotionen im Kontext von Volition

Neuer Versuch: Ich schreibe im Moodleforum der Bachelorarbeit zu meinen Konflikten um die Themenorientierung meiner Bachelorarbeit und es hilft. Ich bekomme Antworten, mit denen ich weiter denken kann, aber vor allem bekomme ich erneut ein Feedback dafür, dass auch andere das Thema interessant finden. Das Gefühl der mangelnden Relevanz für andere schwindet erneut. Ebenfalls bekomme ich so einen Hinweis auf einen Text im Kontext der FU zu Volitionaler Transferunterstützung und finde dazu ein pdf. Dieses erscheint mir als Beispiel für den sinnvollen Aufbau einer Arbeit sehr interessant und entgegen sonstiger Gepflogenheiten drucke ich es mir aus, um es ausführlich bearbeiten (also intensiv bekritzeln) zu können. Als Ergebnis werden meine Gedanken in Richtung eines ganz anderen Aufbaus meiner Arbeit gelenkt, zu dem ich einen ersten Versuch starte.

Allerdings bleibe ich schon nach kurzer Zeit an den Inhalten meines Themas selbst hängen. Ich habe den Text nicht nur auf seinen Aufbau hin untersucht und gelesen, sondern auch auf die Haltung zu Emotionen geachtet. Das scheint inzwischen eine Gewohnheit geworden zu sein.

In dem Text werden Emotionen als Teilfunktion kooperierender psychischer Funktionen verstanden. Mit ihnen soll in der Form verfahren werden, dass sie im Sinne eines zielgerichteten Lernverlaufs kontrolliert (S.5) und koordiniert werden (S.9). Als Bespiele werden dabei die Herbeiführung eines entspannten, zufriedenen Zustands und die Meidung trauriger Gefühlslagen angeführt (S.12).

Allerdings können noch weitere gelistete Strategien der Handlungskontrolle (S.12) in einem Zusammenhang mit Emotionskontrolle verstanden werden, eindeutig Aufmerksamkeitskontrolle und Umweltkontrolle. Beide stehen in einem Zusammenhang mit Strategien der Emotionsregulierung in Form der Situationsauswahl und -modulation als auch der Veränderung der Ausrichtung der Achtsamkeit, dem Cognitive Change oder der Response Modulation. Das verweist darauf, dass Teilfunktionen im Modell zwar getrennt werden können, in der Wirklichkeit sind sie es allerdings nicht, bzw. eine andere Perspektive kann zur Konstruktion anderer Zusammenhänge führen.

Im Hintergrund werden dabei eine stärkere Orientierung an Selbstverwirklichung als an Selbstdisziplin und Selbstkontrolle im Verlauf gesellschaftlicher Trends angeführt (S.11), als auch Befunde von Pekrun, dass sich willentlich kontrollierte positive Gefühlslagen im Bezug auf das Lernen förderlich auf Performanz und Leistung auswirken (S.12). Der Einsatz der Volition wird dabei als eine Strategie betrachtet, die vor allem in extrinsisch orientierte Lernsituationen benutzt wird, von denen angenommen wird, dass sie den eigenen Wünschen und Bedürfnissen nicht entsprechen. Es wird dabei vom Auftreten begleitender negativer Emotionen, abschweifender Gedanken und Stress ausgegangen. Diese sollen willentlich kontrolliert werden, wenn kurzfristige Schwankungen der Motivation auftreten (S.15). Diese Befähigung wird als Erwartungshaltung einer modernen Gesellschaft an schulische Ausbildung bezeichnet (S.15f).

Als Geltungsbereich des Einsatzes von Volition werden

  • zu erledigende Aufgaben ohne Entscheidungsspielräume
  • Auftreten von Störreizen
  • Repetitive Aufgaben, die mit der Vorstellung von langweilig und enervierend verknüpft sind.

genannt. Emotionsregulierung ist dabei ein Teil der volitionalen Verhaltenssteuerung (S.16). Als Bestandteile der volitionalen Kompetenz für das Fernstudium werden dabei als emotionale Komponenten Frustrationskontrolle und Umgang mit Isolation angeführt (S.18). Im Beschreibungsteil des VDM (Volitionales Designmodell) werden exemplarisch noch Strategien zum Umgang mit Entmutigung und Angst genannt (S.22).

Bei der Operationalisierung der Emotionskontrolle traten wohl Schwierigkeiten auf, die im Text aber nicht weiter ausgeführt werden (S.23). In Bezug auf bestehende grundsätzliche Probleme mit der Operationalisierung von Emotionen ist das allerdings von Interesse.

Im Kontext mit übermäßiger Disziplin um ihrer selbst willen taucht der Begriff Ganzheitlichkeit auf (Triade aus Kopf, Bauch, Herz) (S.24). Diese Bereiche werden als auszubalancierende bestimmt. Der Text dazu bleibt jedoch für Vorstellungen einer konkreten Umsetzung in der Praxis recht vage (S.25f). Als Anwendung wird der VPT (volitionaler Personen Test) vorgestellt (S.26). Genauer Informationen zu Vorstellungen in Bezug auf Emotionen wären dann dem Test selbst zu entnehmen. Diesen in die Untersuchung einzubeziehen geht ebenso wie die Einbeziehung des erwähnten Strategiebuchs zur VTU über meine Absicht jedoch hinaus.

Erwähnenswert ist noch der Hinweis darauf, dass es Befunde dafür gibt, dass eine ausufernde volitionale Handlungssteuerung zu schweren physischen und psychischen Erkrankungen führen kann (S.31). Im Kontext von Emotionsforschung handelt es sich dabei um einen maladativen Umgang mit Emotionen.

Auf Seite 35 werden weiterhin noch einmal ausdrücklich emotionale Probleme als Ausrichtung der Aufmerksamkeit aufgeführt.

Kommentar

In Bezug auf Emotionen ist dieser Text für mich frustrierend. Emotionen erscheinen in der Gesamtheit wenig als Potentiale und Ressourcen, sondern vor allem als zu bewältigende Probleme. Das steht zwar mit dem speziellen Einsatzbereich der Volition in Verbindung, ändert aber nichts daran, dass von Emotionen primär ein Bild von Schwierigkeiten entsteht. Genau das entspricht einer Haltung, bei der Emotionen in Bezug auf das Lernen vor allem als störende Erscheinungen betrachtet werden. Der Inhalt des Textes selbst macht Emotionen zwar nicht dazu, es ist die Häufung der entsprechenden Thematik, die diesen Eindruck entstehen lässt.

Parallel wird eine Haltung im Bereich von Unternehmen sichtbar und thematisiert, in der Disziplin überbewertet wird und dadurch Probleme verursacht (S.25f). Disziplin kann dabei durchaus auch mit einer übermäßigen und ungeeigneten Emotionskontrolle und -regulierung in Verbindung gebracht werden. Deutlich schimmern hier Werte hervor, nach denen Disziplin für Zielerreichung so gut ist, dass sie ruhig übertrieben werden kann, Emotionen stellen dagegen vor allem eine Gefahr dar.

Ein wenig fruchtlos wirkt auf mich hier der Rückbezug auf eine Tradition der Ganzheitlichkeit. Da war doch noch was. Damals. Als man Ideen dazu hatte, dass der ganze Mensch zu bilden sei und aus einer Gesamtheit besteht, in der Emotionen einen bedeutenden Platz einnehmen.

„…da die Gefühle so wohltätig und mächtig auf die Tätigkeit des Menschen wirken, ihn für Wahrheit und Recht erwärmen, ihm Mut und Kraft bei Hindernissen geben, da die Gefühle eine reiche Quelle edler Freuden des Lebens werden können, da sie, wenn sie zweckmäßig geleitet werden, nicht nur ein Hindernis, sondern ein Beförderungsmittel sind, daß der Mensch seine Bestimmung erreiche“ (Milde, 1811/1965, S.419)

In der Welt der Wirtschaft scheint eine solche Ausrichtung nach wie vor weniger eine Rolle zu spielen. Allerdings lässt sich an diesem Punkt wiederum eine Verbindung zu den Nutzungsbemühungen der Emotionalen Intelligenz und emotionalen Kompetenz im Interesse besserer Wirtschaftlichkeit vor allem in Bezug auf Management sowie die damit verknüpfte Problematiken einer Nutzung und Einbeziehung von Emotionen im Sinne erhöhter Produktivität herstellen.

Emotionen mögen es so gar nicht, wenn sie gering oder falsch geschätzt werden, denn Emotionen sind mit Bewertungssystemen auch in Bezug auf ihre eigene Stellung verknüpft und verursachen Reaktionen. Eine davon kann sein, dass sie die Mitarbeit und damit die Nutzung ihrer förderlichen Potentiale verweigern. Emotionen haben außerdem die Funktion zu markieren, was für einen Menschen bedeutsam ist und damit Komplexität zu reduzieren, und liefern wichtige Hinweise darauf, wie mit Situationen, Menschen oder Objekten verfahren werden soll und was dabei Priorität hat. Eine Verbindung kann an dieser Stelle durchaus mit der nachlassenden Lernfreude von Kindern im Verlauf ihrer schulischen Sozialisation hergestellt werden.

Aus dem Text lässt sich ablesen, dass Emotionen als eine psychische Funktion in Kooperation mit anderen psychischen Funktionen verstanden werden. Wie die Emotionsregulierung, also das Einwirken auf diese spezifische psychische Funktion, genau aussehen soll, lässt sich weniger gut bestimmen. Entspannung, Zufriedenheit und Meidung von Trauer lassen sich ausmachen, was ist aber mit einer Lenkung hin zu Begeisterung, Freude oder Bedeutsamkeit? Oder mit einer Wandlung extrinsischer Motivierung zu intrinsischer Motivierung durch Nutzung von Emotionen? Oder der Verknüpfung von Pflicht mit Freude? Auch das sind Formen der Emotionsregulierung, die hier aber weniger Beachtung zu erfahren scheinen, auch wenn sie letztlich nicht ausgeklammert sind.

Beruhigung, Meidung und Ruhe sind nicht die einzigen möglichen Strategien. Was sie auszeichnet ist, dass diese die Potentiale von Emotionen kaum nutzen. Eine Betonung von negativen Aspekten und Vermeidung wird aber kaum Interesse daran wecken, sich mit den Potentialen von Emotionen genauer zu beschäftigen oder ihren Wert an sich zu erhöhen. Letztlich bleiben sie die Begleiterscheinungen, die manchmal etwas lästig sind und sich möglichst wenig bemerkbar machen sollen, sie werden aber keine „reiche Quelle edler Freuden des Lebens“ (Milde, 1811/1965, S.419), oder Ressourcen in Transformationsprozessen und Begleiter des Umlernens Erwachsener.

Mit diesen Überlegungen sollen die Bedeutung von Volition und ihre Einsatzmöglichkeiten nun keinesfalls geschmälert werden. Es geht nur darum auf mittransportierte Informationen in Bezug auf die Einschätzung von Emotionen aufmerksam zu machen. In Emotionen steckt nun aber viel mehr Potential. Das bleibt in diesem Text leider verborgen.

Referenzen:

Deimann, M., Weber, B. & Bastiaens, T. (2008). Volitionale Transferunterstützung (VTU) – Ein innovatives Konzept (nicht nur) für das Fernstudium. Abgerufen unter: http://deposit.fernuni-hagen.de/344/1/2008-01-Volitionale-Transferunterstuetzung.pdf (letzter Aufruf 16.8.2015)

Milde, V.E. (1811/1965). Lehrbuch der allgemeinen Erziehungskunde. Paderborn: Ferdinand Schöningh.

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