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Selbstverständnis als Grundlage für Emotionen

In einer kleinen erholsamen Zwangsauszeit habe ich mir ein Buch [1] vorgenommen, das ich eigentlich gar nicht mehr lesen wollte, da ich von ihm vor allem Wiederholungen zu mir inzwischen bereits bekannten Emotionstheorien erwartet hatte. In wenig fittem Zustand schien strukturierte Wiederholung allerdings gut geeignet um am Thema wenigstens ein wenig dran zu bleiben.

Allerdings zeigte sich auch hier sehr schnell, dass unterschiedliche Autoren zwar auf immer wieder ähnliche Grundwerke zugreifen, trotzdem sehr unterschiedliche Dinge damit tun. Dieses Mal beschäftigte sich ein deutscher Philosoph mit Emotionen unter dem Begriff Gefühle. Der Herausgabezeitpunkt des Buches liegt dabei 10 Jahre zurück. Hartmann (2005) geht recht chronologisch vor und beschreibt wie sich Emotionstheorien einander beeinflussend entwickelt haben. Als Philosoph ist er dabei um ein möglichst umfassendes Gesamtbild bemüht.  Er zeigt Stärken, Schwächen und Ergänzungsmöglichkeiten unterschiedlicher Ansätze auf, konzentriert sich dabei allerdings stark auf kognitivistische Modelle, um zum Schluss alle Modelle als letztlich unzureichend einzuschätzen. Er sieht die Notwendigkeit  für eine umfassendere Perspektive bei der Betrachtung von Emotionen und bietet als Lösung eine Konzentration auf das Selbstverständnis des Menschen als Hintergrund beim Auftreten spezifischer Emotionen an.

Die „subjektive und erfahrungsabhängige Dimension des Selbstverständnisse“ (Hartmann, 2005, S.160) beschreibt er dabei als „Das, worum ich mich sorge, das, was mir wichtig ist, das was mir etwas bedeutet“ (Hartmann, 2005, S.160). Darin sieht er die Gründe, die zum Entstehen von Emotionen führen. (Mit dieser Interpretation können Vorstellungen davon verbunden werden, dass Wirklichkeit konstruiert wird und dass diese Konstruktionen auch die Ebene der Emotionen umfassen, also die emotionale Konstruktion der Wirklichkeit erfassen.)

„Diese Gründe sind Gründe für mich, aber sie sind zugleich in Situationen, Personen oder Dingen verankert, denen ich Wichtigkeit an sich zuspreche.“ (Hartmann, 2005, S.161)

Subjektivität bedeutet in diesem Fall weder einen Mangel an Nachvollziehbarkeit, an Kausalität oder einen Mangel an sozialer Einbettung. Emotionen können rational sein, das umfasst auch, dass sie einer Situation entsprechend angemessen oder unangemessen sein können. (Hartmann, 2005, S.161)

Für die Vorteile der Orientierung am Begriff Selbstverständnis bestimmte er:

  1. Selbstverständnis ist umfassend und besteht aus verschiedenen Elementen. Daher ist es geeignet in einer Situation zusammenzufassen unter welchen Bedingungen welche Wahrnehmung vermittelt über welche Wirklichkeitsinterpretation und Gewichtung zu welchen Gedanken und Emotionen mit welchen Konsequenzen führt.
  2. Die Erfassung erfolgt über die Narration, die Erfassung der Geschichte der erlebenden Person.
  3. Diese Narration kann allerdings niemals zu vollständiger Transparenz führen. Nicht alle relevanten Elemente des Selbstverständnisses können enthüllt werden. Es bleiben immer undurchsichtige Anteile. Das Selbstverständnis bildet allerdings den im Hintergrund befindlichen Rahmen.
  4. Selbstverständnisse sind mehr oder weniger gut artikulierbare Überzeugungssysteme, manifestieren sich im Verhalten und besitzen eine körperliche Dimension. (Selbstverständnisse sind dadurch auch mit dem Habitus verbunden.)
  5. Selbstverständnisse besitzen einen sozialen und einen historischen Index. Sie können dadurch Probleme neurowissenschaftlicher und psychologischer Ansätze vermeiden, da sie u.a. soziale Position oder sozialen Status berücksichtigen.
  6. Selbstverständnisse beziehen individuell als auch kulturell erzeugte Interpretationen mit ein, die über die Möglichkeiten wissenschaftlich korrekter Beschreibungen einzelner Emotionen hinaus gehen. (Hartmann, 2005, S.161ff)

Die einzelnen Punkte sind dabei am Besten auf der Basis der vorhergehenden Ausführungen zu den Problematiken einzelner Ansätze zu verstehen, denen es in Augen von Hartmann insgesamt vor allem an einer umfassender Einbettung mangelt. Einen Mangel an Erklärungsmöglichkeit sieht er bei seinem Vorschlag allerdings in der Erklärung der Emotionen von Kleinkindern.

Für mich persönlich ist dieser Ansatz interessant, da er auf den Bedarf nach einer umfassenden Wahrnehmung des Eingebettet-Seins beim Auftreten von Emotionen verweist. Bei den am Ende stehenden Ausführungen von Hartmann entsteht, auf der Basis der zuvor von ihm beschriebenen Problematiken verschiedener Ansätze, in meiner Vorstellung ein sehr komplexes Bild der zeitgleichen Wahrnehmung sehr unterschiedlicher Erscheinungen und Einflüsse.

Genau das scheint mir sehr dicht am tatsächlichen Geschehen, bei dem zeitgleich oder kurz hintereinander sehr viel geschieht, das dabei aber nicht ohne lang ausgeholten Kontext zu verstehen ist. Emotionen spielen genau diese Rolle. Sie fassen unglaublich schnell sehr verschiedenes zusammen und liefern dadurch eine schnelle, auf unmittelbare Handlung ausgerichtete Orientierung in Komplexität. Auch darin liegt ihre besondere Bedeutung für kognitive Verarbeitungsprozesse.

Referenz:

[1] Hartmann, M. (2005). Gefühle. Wie die Wissenschaften sie erklären. Frankfurt/Main: Campus.

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