Bildungsmäuschen

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Rückblick

Es ist an der Zeit Abschied zu nehmen. Seit zwei Tagen formuliere ich morgens beim Aufstehen das Inhaltsverzeichnis meiner Bachelorarbeit im Kopf und es scheint immer systematischer zu werden. Ich bin ganz dicht dran am Ende.

Ein paar Sachen gibt es noch abzuarbeiten, dann kann ich mich an ein neues Exposé machen, Kontakt mit dem Lehrgebiet aufnehmen, die Arbeit absprechen und loslegen. Und dann ist dieses Studium zu Ende. An der FernUni ist kein Master in Bildungswissenschaft möglich.

Ich habe länger gebraucht als am Anfang geplant und bei voller Wochenstundenzahl länger als die Regelstudienzeit, weil ich in der Profilphase des Studiums selbst bestimmen konnte, worauf ich mich konzentriere. Das wurden dann, für mich überraschend, zuerst Rassismus und danach, darauf aufbauend und für mich wesentlich nachvollziehbarer, Emotionen.

Das Studium des Rassismus hat in meinem Kopf zu grundlegenden Veränderungen geführt, für das Studium der Emotionen kann ich die Auswirkungen noch nicht abschließend bestimmen. Allerdings fühlt es sich so an, als hätte sich ein Kreis geschlossen. Genau die Fragen, die mich im Hintergrund zum Studieren bewegt haben, sind letztlich in der Profilphase an die Oberfläche gekommen, um bearbeitet werden zu können.

Mein Blog hat immer noch den Begriff MOOC im Titel und rückblickend bleiben sie wichtige Elemente des Studiums. Momentan denke ich vor allem an drei. Der erste war auch derjenige, der mich für MOOCs eingenommen hat, Aboriginal Worldviews and Education. Noch vor kurzem habe ich einen Text aus diesem MOOC erneut gelesen. Das Besondere daran war, dass er konzipiert war Studierende persönlich zu involvieren und Emotionen hervorzurufen. Noch über zwei Jahre später habe ich lebhafte Erinnerungen an die Inhalte und viele Bilder dazu im Kopf.

An den zweiten erinnere ich mich im besonderen wegen eines der Themen, das Umlernen. Es war der MOOC History and Future of (Mostly) Higher Education. Ich habe nicht nachgeschaut was ich damals in einem Pflichtessay dazu geschrieben habe, ich weiß aber, dass ich zu diesem Zeitpunkt mit dem Begriff wenig anfangen konnte und ihn zuvor nie gehört hatte. Durch den MOOC wurde ich also mit einem Konzept und einer Problematik konfrontiert, die ich erst verstehen konnte, als ich später damit in Berührung gekommen bin. Es waren sozusagen Informationen auf Vorrat für eine zukünftige Verwendung. Damals wurde mir auch nicht bewusst, dass Emotionen für das Umlernen von großer Bedeutung sind. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass dies Kursinhalt gewesen wäre. Die Veränderung von dem was ich für mich inzwischen als emotionales Tagging bezeichne (weil damit ein für mich hilfreiches Bild verknüpft ist), also die Veränderung von Emotionen, die mit Menschen, Dingen, Situationen, Disziplinen oder Wissensbereichen verbunden sind, ist wesentlich bei der Änderung von Haltungen, Einstellungen oder dem eigenen Selbstverständnis. Das Ja-aber-Problem des Rassismus gehört zu diesen Erscheinungen. Ändert sich das emotionale Tagging nicht, das mit bestimmten Personengruppen verbunden ist, so werden immer wieder neue Argumente aus beliebigen Differenzen konstruiert, um die ausgelösten Emotionen zu begründen.

Der dritte MOOC ist der #ExIF13. Er war einer der wenigen Augenblicke während meines Fernstudiums in dem ich mich als Studierende für die Lehrenden als wichtig und als Beteiligte an einem gemeinsamen Lernprozess gefühlt habe, statt nur irgend eine achtstellige Nummer zu sein, die ihre Pflichten erfüllt, um dafür Noten zu erhalten. Das hat mich für eine längere Zeit sehr inspiriert und motiviert und wurde dann von den beiden LdL-MOOCs gestärkt.

Erinnerungen. Es ist an der Zeit Abschied zu nehmen. In meinem Koffer habe ich das Wissen um den Rassismus und ein besseres Wissen darum wie Emotionen funktionieren und wie mit ihnen umgegangen wird. Während in der Öffentlichkeit der Begriff Rassismus gerade im letzten Jahr mehr und mehr Verwendung findet, Emotionen in Bezug auf Flüchtlingsströme hochkochen, inzwischen schon der Begriff einer neuen Völkerwanderung aufgetaucht ist und extremistische Organisationen auf der Grundlage des Islams als Bedrohung im Hintergrund stehen, werde ich in das Thema christliche Sekten und ihren Einfluss auf Bildungsinstitutionen vermittelt über die Sozialisation ihrer dort arbeitenden Mitglieder hineingezogen.

Das ist kein aktuelles Thema und was ich im Netz dazu finde, lässt mich in meinen Äußerungen vorsichtig werden. Ich kann jetzt allerdings sehr gut Vergleiche zum Rassismus ziehen. Wer davon geprägt ist Mitglied einer Gruppe zu sein, die für sich alleinige Seligkeit reklamiert, wer sich dafür Normen und Regeln unterwirft, die zur Erlangung dieser Seligkeit erfüllt werden müssen, wer daraufhin von anderen kontrolliert wird und wiederum andere kontrolliert, hängt diese Haltung nicht beim Verlassen des privaten oder von der religiösen Gruppe bestimmten Raums an einen Haken.

Es gibt sehr viele Möglichkeiten bessere und schlechtere Menschen zu konstruieren. Und manchmal kann man nur zu dem Schluss kommen, dass mit bestimmten Menschen keinerlei Zusammenarbeit möglich ist, da ihre Weltsicht keine Kompromisse zulässt. Rassismus konstruiert den anderen als grundlegend verschieden, Ideologien konstruieren den idealen Menschen, der zwar grundsätzlich von jedem erreicht werden kann, gehen also nicht von unterschiedlichen Arten von Menschen aus, aber nur die Erfüllung eines festen, vorgegebenen Bildes ermöglicht den Eintritt in die Gemeinschaft der „wahren“ Menschen, denen dann auch mehr zusteht als allen anderen. Und je dichter dran am Bild, um so mehr Rechte.

Nicht alle Formen der Diskriminierung in vielfältigen Gesellschaften sind Rassismus. Rassismus zeichnet sich dadurch aus, dass der andere durch nichts eine gleichwertige Position erreichen kann. Er ist durch bestimmte, als unveränderlich konstruierte Kennzeichen für immer und ewig zur Minderwertigkeit verdammt. Für den -ismus reicht reine Andersartigkeit dabei nicht aus. Die Minderwertigkeit muss in irgendeiner Weise dazu kommen. Das ist wichtig. Es gibt einige Science Fiction und Fantasie-Settings in unterschiedlichen Medien, in denen mehrere intelligente Lebensformen auftauchen. In diesem Kontext ist es durchaus möglich den Rassenbegriff wertneutral zu verwenden, wenn diese unterschiedlichen Gruppen tatsächlich als gleichwertige allerdings andere konstruiert sind.

Es gibt jedoch Diskriminierungsformen die Wertesysteme benutzen, deren Erfüllung scheinbar allen möglich ist, ganz gleich welche Voraussetzungen sie mitbringen. Unveränderliche Kennzeichen sind kein Bestandteil davon. Sie ermöglichen aber letztlich keine gleichwertige Vielfalt für alle, denn es gibt nur einen einzigen richtigen Weg. Wer diesen Weg beschreitet und darauf bleibt, wird dabei zu etwas besserem als andere es sind, dem mehr zusteht, der einen höheren Wert hat und der letztlich das Recht hat anderen Vorschriften zu machen. Das hat Auswirkungen auf das Selbstverständnis dieser Menschen, ihre Betrachtung der Welt und darauf wie sie handeln. Auch in Bezug auf andere Menschen.

Und auch hier werden Möglichkeiten beschränkt, die Chancen, die in Vielfalt liegen, nicht entdeckt und vergeudet, und Machtpositionen gestärkt. Und alles mit einem emotionalen Tagging, dass die Rechtmäßigkeit und Sinnhaftigkeit bestätigt.

Es stellt sich die Frage wie weit reine Erkenntnis zu Veränderungen führen kann.

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