Bildungsmäuschen

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In den Schuhen eines Anderen gehen

Gestern konnte ich endlich Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist lesen. Noch jetzt sind die Tränen ganz dicht, wenn ich an die Geschichte denke.

In den letzten Jahren habe ich von Reinhard vor allem Bücher gesehen, die mich von ihren Protagonisten her nicht allzu sehr angesprochen haben. Ich habe sie daher höchstens durchgeblättert. Männerthemen, dachte ich in der Regel. Der Traum von Olympia, beschrieben im Strapazin Nr.118, hatte mich allerdings neugierig gemacht.

Für mich ist es ein großartiges Buch und passt vom Thema zu den aktuellen Tagesmeldungen der Flüchtlingsproblematik. Es ist genau der richtige Zeitpunkt, um es zu lesen. Dieser so wunderbar entwickelte persönliche Stil des Erzählens in Bildern, schwarz und grau auf elfenbeinfarbigem Papier mit ein wenig Text, fängt mich ein und bringt mich dazu ein menschliches Schicksal eine Weile zu begleiten. Von Mogadischu in Somalia über Äthiopien, den Sudan und Libyen bis ins Mittelmeer. Dort bricht die Geschichte in einer lebensbedrohlichen Situation ab, während Samia einem Baby, um das sie sich kümmert, ihren Traum von Olympia erzählt. Die Graphic Novel endet mit der Darstellung eines Nachrufs in einem YouTube-Video.

Reinhard hat dieses einzelne Schicksal hervorgeholt und rekonstruiert. Es ist seine (Re)Konstruktion, nicht das was tatsächlich geschehen ist. Dennoch ist es authentisch, weil es den Menschen erkennbar werden lässt, die Motive, die ihn antreiben, die Schwierigkeiten, denen er begegnet. Das Buch ermöglicht es mir eine kurze Zeit in den Schuhen von Samia Yusuf Omar zu wandeln. Die Bilder im Buch verbinden sich mit Bildern aus Filmen und Bildern aus eigenen Reiseerfahrungen. Ich bin an den Orten, empfinde die Schwierigkeiten, fühle die Ängste, das Warten, den Hunger, die Erschöpfung, das Leid, den Trotz, das Aufbegehren, das Durchhalten. Ich begleite einen Menschen und begegne Menschen, freundlichen, harschen, bedrohlichen, unterstützenden und gnadenlosen. Es ist die Welt, es ist das Leben. Es ist die Anschaulichkeit.

Reinhard hat Großartiges hervorgebracht. Wieder und wieder nehme ich das Buch in die Hand und blättere flüchtig durch die Bilder, rekonstruiere noch einmal diese Reise mit ihrer menschlichen Hoffnung und ihrem menschlichen Elend. Ich hatte in meinem Leben Gelegenheit Reinhard ein wenig kennen zu lernen, auch dieses Wissen wirkt jetzt im Hintergrund mit. Auch er ist mit der Protagonistin gereist. Und er ist auf diese spezielle Art gereist, weil er derjenige ist, zu dem ihn seine Lebenserfahrung geformt hat. Ihm gelingt es ein vollständiges Werk zu schaffen. Licht und Dunkelheit, beide sind präsent, doch im Gegensatz zu dem Buch Amerika von 1998, verwendet er zusätzlich einen anderen Aspekt, das Grau, die Tönung zwischen hell und dunkel.

Das Buch ist voller Licht und Schatten und Zwischentönen, es ist bedrohlich, aber auch akzeptierend und lässt dabei eine andere Form der Normalität sichtbar werden als die vertraute. Und dennoch sind da Ähnlichkeiten. So ist es, das ist das Leid und die Freude und die Hoffnung auf ein Ende des Leids. Nimm es und weine, weine – weine all dein eigenes Leid heraus, dein Mit-Leiden, deine eigenen Erinnerungen, dein Wissen um die Härte und Gnadenlosigkeit der Welt um zu Hoffnung zu gelangen, zu Mut und zu Entschlossenheit.

Bildung ist auch ein In-den-Schuhen-des-anderen-gehen. Bildung ist auch ein Fühlen dessen was der andere gefühlt haben könnte, ist eine Erweiterung des Verstehens und der Entschlusskraft.

In einem meiner ersten MOOCs wurde ich mit Pädagogik der First Nations konfrontiert. Eine Pädagogik, die versucht ein anderes Verständnis der Welt zu berücksichtigen, um Menschen einer anderen Weltsicht erreichen zu können, um durch pädagogisches Bemühen einen Anschluss an dieses Verständnis der Welt herzustellen und damit neue Bildungsmöglichkeiten und Handlungsoptionen zu schaffen. Als ich kürzlich in der Klinik nachts nicht schlafen konnte, haben mich Texte aus diesem Weltverständnis gestärkt und beruhigt, in denen der Mensch Teil von allem ist und mit allem verbunden.

Jean Ziegler (2015) schreibt auf Seite 250 nachdem er Praktiken der kollektiven Trance zur Befriedigung einer emotional stark belasteten Gemeinschaft und deren befriedigenden Wirkungen beschrieben hat:

„Für mich steht vollkommen außer Zweifel, dass in der Hierarchie der Gesellschaften die traditionellen präkapitalistischen Gesellschaften der afrikanischen Diaspora in Brasilien weit über den westlichen Warengesellschaften rangieren.“

Emotionen. Sie bleiben mein Hauptausrichtung. Ebenso die Perspektive der Bildung. In-den-Schuhen-des-Anderes-gehen ist beides. Es geht nicht ohne Emotionen und es geht nicht ohne eine Erweiterung des Verstehens. In-den-Schuhen-des-Anderes-gehen lässt Gemeinsamkeiten und Unterschiede sichtbar werden, vor allem aber bringt es Menschen unterschiedlicher Herkunft einander näher, schafft Verbindungen zwischen Weltsichten und erhöht das Verstehen des Anderen.

Ich selbst habe zur Zeit beträchtliche Probleme mit meinem Hören, eine für mich ganz neue Erfahrung. Auf der einen Seite ist mein Ohr nach einer Operation noch verstopft und ich höre den ganzen Tag das Summen meiner eigenen Innengeräusche, mal lauter, mal leiser. Meine Konzentrationsfähigkeit ist dadurch sehr beschränkt, ich bin schnell erschöpft und manchmal reichlich genervt. Mit dem anderen Ohr höre ich nur Mono, kann viele Töne dadurch weder richtig lokalisieren, noch kann ich beim Auftreten von vielen verschiedenen Tönen gleichzeitig die einzelnen gut auseinander halten und versinke daher häufig in einer anstrengenden Geräuschkulisse.

Nie zuvor habe ich mich in die Situation eines hörbehinderten Menschen hineinversetzt. Nun werde ich hineingezwungen. Ich denke an die Anzüge, die Altersauswirkungen simulieren, ich denke an die hervorragenden Fortbildungen der Lebenshilfe, die versuchen Nicht-Betroffenen einen Einblick zu geben wie Menschen mit Epilepsie, Down-Syndrom oder psychischen Erkrankungen die Welt wahrnehmen. Verstehbar, nachfühlbar.

In-den-Schuhen-eines-anderen-gehen ist ein mächtiges Bildungsmittel. Ich denke in dem Zusammenhang ebenfalls an die Aufgabe eines MOOCs zu Kreativität zurück, bei der ich einen Tag in die für mich sehr anstrengende Rolle eines meiner Schwager schlüpfte. Diese Rolle einnehmend wurde er mir wesentlich verständlicher und ich habe inzwischen ein sehr wohlwollendes Verhältnis zu ihm.

Was ist Bildung, welche Methoden verwendet sie? Als ich den Blogbeitrag begonnen habe, wusste ich nicht wo er mich hinführt. Genau das ist einer der Gründe, warum ich in dieser Form schreibe. Manchmal ergeben sich dabei überraschende Erkenntnisse. In-den-Schuhen-eines-anderen-gehen ist eine Methode, die Emotionen involviert. Reinhard hat seine Sache gut gemacht. Mir hat er dadurch die Möglichkeit gegeben, dass ich meinen Horizont erweitern kann, mich selbst durch Mitempfinden und Weinen dabei emotional entlaste und dadurch Mut sammeln kann, um mich meinen eigenen Schrecken besser stellen zu können.

Und um zum Schluss noch in einer anderen Sprache zu sprechen, durch Bildungscomics und In-den-Schuhen-eines-anderen-gehen können Kompetenzen verbessert werden, die sich dafür eignen bessere Problemlösungsstrategien zu entwickeln.

Referenzen:

Kleist, R. (1999). Amerika. Berlin: Jochen Enterprises.

Kleist, R. (2015). Der Traum von Olympia. Die Geschichte von Samia Yusuf Omar. Hamburg: Carlsen.

Bäder, P. et al. (Hrsg.) (2015). Pas de Deux. Strapazin. Das Comic Magazin. Nr.118. Zürich/ München: Strapazin. Im Netz: http://www.strapazin.ch/?page_id=5710 (sorry, ich habe keine Ahnung wie ich das korrekt zitiere)

Ziegler, J. (2015). Ändere die Welt! Warum wir die kannibalische Weltordnung stürzen müssen. München: C.Bertelsmann.

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