Bildungsmäuschen

Startseite » Emotionen » Emotionen und Problemlösefähigkeit

Emotionen und Problemlösefähigkeit

Für mich sehr schwer zu erfassen ist etwas das man als die Reduzierung von Chancen durch Emotionen bezeichnen kann. Etwas nicht zu tun, weil man Angst hat; etwas zu tun, weil man das als zu sich selbst passend empfindet oder das Gegenteil, etwas nicht zu tun, da man es als nicht für sich selbst passend empfindet, sind Beispiele dafür. Es gibt die Habitustheorie von Bourdieu, die für mich beim ersten Kontakt sehr erhellend war. Sie erklärt mir sehr viel, dennoch fand ich sie schon nach kurzer Zeit unzureichend. Sie hat mir nicht die Frage beantwortet wie und wo es funktioniert und was man zu einer Veränderung tun kann.

Einen Schlüssel für meine Probleme habe ich u.a. durch den Ansatz gefunden Kindern kanadischer Ureinwohner, die in einer anderen Sicht der Welt aufgewachsen sind, nur dann einen Zugang zu den Möglichkeiten des westlichen Bildungssystems geben zu können, wenn Unterricht unter Berücksichtigung dieses Weltbildes erfolgt und wenn man von da ausgehend einen anschlussfähigen Zugang herstellt. Dazu ist es erst einmal notwendig diese Sicht der Welt zu verstehen, diese als eine legitime Möglichkeit der Weltkonstruktion zu begreifen und diese Legitimität auch zu vermitteln.

Erkenntnisprozesse haben meiner Erfahrung nach eine sehr eigene Dynamik. Es ist manchmal wunderlich aus welchen Mischungen von Informationen sich Erklärungsmuster ergeben, die beim Verständnis der Art der eigenen Problematiken weiterhelfen. Ich habe mich von Bourdieu über Rassismus- zu Emotionstheorien bewegt. Bei letzteren ist der Bereich erreicht, in dem es für mich erfahrbar wird wie es funktioniert. Wie und auf welcher Basis Verhaltensentscheidungen getroffen werden durch die Chancen genutzt werden können oder die sie verstreichen lassen oder sogar blockieren.

Bisher habe ich zu diesem speziellen Bereich nichts lesen können, ich wüsste auch nicht wo ich suchen sollte. Ich habe momentan auch Schwierigkeiten damit Emotionstheorien auf die Praxis zu übertragen, weil ich fortwährend in Selbstverständlichkeiten stecken bleibe. Es sind auch nicht nur meine eigenen, sondern ebenfalls die Selbstverständlichkeiten meiner Umgebung. Gewohnheiten überlagern die Wahrnehmung fortwährend. Einfacher könnte es im Zusammenspiel mit anderen sein, etwas das ich mir leider nicht aussuchen kann.

Der Habitus wird sehr schnell über Emotionen bewertet und diese Bewertung durch Emotionen ist ein wichtiger Bestandteil der Grundlagen von Verhaltenskonsequenzen, die im Normalfall nicht oder jedenfalls nicht sofort reflektiert werden. (Ein wichtiger Grund dafür, dass ich momentan das dringende Bedürfnis habe allen zu verzeihen.) Das sind von ihrer Natur her sehr schnelle automatische Prozesse, die allerdings dem Bewusstsein grundsätzlich zugänglich sind. Wird die Achtsamkeit mit bestimmten Hintergrundannahmen darauf gelenkt, können Veränderungen erreicht werden. Kollektiv veränderte Vorstellungen von Menschen, Situationen oder Gegenständen (beispielsweise durch die Verbreitung anderer Interpretationen in der Bevölkerung oder in einer Gruppe im Verlauf gesellschaftlicher Wandlungsprozesse oder im Rahmen von Transformationsprozessen) können auf diesem Weg über geändertes Verhalten sehr schnell wirksam werden, da dieses Verhalten wiederum Grundlage für Wahrnehmung und Entscheidung anderer wird.

Ich weiß nicht warum ich so ticke wie ich es eben tue, ich weiß nur, dass ich Dinge am besten verstehe, wenn ich sie in der Art nachvollziehen kann, in der ich die Welt wahrnehme. Nachvollziehen bedeutet in diesem Fall den Prozessverlauf bewusst wahrnehmen zu können. Wie entwickelt sich in alltäglichen Erfahrungen das eine aus dem anderen. Was sind die tatsächlichen Auslöser. Inzwischen weiß ich, dass ich mit dieser Form der Anschlussfähigkeit, um etwas nachhaltig, tiefgehend und mit Potential zur Veränderung verstehen zu können, nicht allein bin. Anschlussfähigkeit bezieht sich hierbei auf das jeweils bereits vorhandene Vor-Verständnis.

Verständnis ist dabei damit verbunden wie wahrgenommen wird und Wahrnehmung steht wiederum in einem engen Verhältnis zur Weltsicht bzw. Welterklärung oder Interpretation oder Konstruktion. Letztlich treffe ich an diesem Punkt wieder auf die Theorien zur emotionalen Konstruktion der Wirklichkeit. Ich wähle und entscheide auch nach dem womit ich mich wohlfühle oder eben nicht, was für mich wertvoll ist oder nicht, was ich fürchte oder hoffe, wem oder was ich mich gewachsen fühle oder nicht. Also auch nach den Emotionen, die fortwährend in mir aufblitzen und wieder verschwinden.

Auch das ist gewissermaßen eine Schlange, die sich in den Schwanz beißt. Ich erzeuge und erhalte meine eigene Wirklichkeit, die wiederum zur Grundlage neuer Wirklichkeit wird, bei der es sich um das Produkt meiner eigenen Konstruktionen im Zusammenspiel mit den Konstruktionen der anderen handelt.

Als junge Frau haben mich diese Vorgänge reichlich verwirrt. Ich war keine fest fixierte Person, sondern je nachdem in welcher Umgebung ich mich bewegt habe und wer mich wahrgenommen hat, wurde ich sehr verschieden interpretiert. Auch heute noch bin ich damit, wenn auch in geringerem Ausmaß, konfrontiert. Gleichzeitig verhalte ich selbst mich aber nicht anders. (Schon allein daher muss ich allen anderen verzeihen.)

Ein unglaublich hilfreicher Nebeneffekt ist dabei, dass ich meine Meinung besser vertreten kann. Ich habe ja nicht recht und muss auch nicht recht haben. Das Einzige, was ich tun kann, ist meine eigene Sicht der Dinge beizutragen. Und das sollte ich so klar und nachvollziehbar wie möglich tun, denn ich kann nicht erwarten, dass nur eine einzige Person meine genaue Sicht der Dinge teilt. Und ich muss das auch gegen niemanden als richtig verteidigen, nur nachvollziehbar erläutern können. Damit habe ich dann eine wesentlich bessere Basis, um zu Kompromissen kommen zu können. Und die sind im sozialen Raum für gute Problemlösungen von wesentlicher Bedeutung. Gerade in gesellschaftlichen Kontexten, die von Vielfalt bestimmt sind.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: