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Rassismus in der aktuellen Diskussion

In der Zeit vor über einem Jahr, als ich mich intensiv mit Rassismus beschäftigt habe, war der Begriff nicht in aller Munde. Besondere Aufmerksamkeit erfuhr damals gerade der Alltagsrassismus, der inzwischen aber weniger Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen scheint. Der Begriff Rassismus taucht momentan verstärkt im Zusammenhang mit den nach Europa strömenden Flüchtlingen auf. Sehr viel scheint plötzlich Rassismus zu sein.

Für mich ist es nicht der Zeitpunkt, um genauere Untersuchungen dazu anzustrengen, ich bezweifele jedoch sehr, dass es sich in allen so bezeichneten Fällen wirklich um Rassismus handelt. Viele Begriffe, so auch der Begriff Emotionen, werden im Alltag sehr unreflektiert verwendet. Ausländerfeindlichkeit oder Fremdenfeindlichkeit können mit Rassismus unterfüttert sein, müssen es aber nicht, um ähnliche Auswirkungen zu zeigen. Für die aktuelle öffentliche Diskussion scheint eine exakte Beschreibung jedoch nicht von besonderer Bedeutung. Wichtig ist einen Ausdruck dafür zu finden, dass etwas nicht in Ordnung ist, und Rassismus ist ein emotional stark wirksamer Begriff, der sich sehr schnell zur Verurteilung bestimmter Verhaltensoptionen einsetzen lässt. Auch als K.O.-Argument. Für genauere Untersuchungen der bestehenden und auftretenden Problematiken ist das allerdings nicht ausreichend.

Von Bedeutung finde ich es erneut, Rassismus als ein vielfältig nutzbares Tool zu verstehen, und inzwischen sehe ich es als hoch bedeutsam an, bei der Betrachtung von Rassismus genauer in den Blick zu nehmen, was auf der Ebene der Emotionen vor sich geht. In der Definition von Rassismus, die Albert Memmi (1992) geliefert hat, taucht der Begriff der Wertung auf. Rassismus ist bei ihm unter anderem die Wertung von tatsächlichen und fiktiven Unterschieden. Mit Bewertungen eng verknüpft sind wiederum Emotionen, die daher Auskünfte darüber geben können ob etwas in den persönlichen, allerdings gesellschaftlich geprägten Wertesystemen, als richtig oder falsch, angenehm oder unangenehm, erstrebenswert oder als zu bekämpfen eingeschätzt wird.

Zur Definition von Memmi gehört ebenfalls, dass diese Wertung verallgemeinert und verabsolutiert wird. Es ist also nicht die reine persönliche Befindlichkeit, das individuelle Unwohlgefühl, oder Verunsicherung, oder Gefühl des Bedrohtseins. Es ist das Hervorholen des Stereotyps, das den anderen unverrückbar zu einem ganz anderen Menschen macht, dem daher auch unveränderlich etwas ganz anderes zusteht als dem Menschen des eigenen Bildes. Eine Integration als Gleicher ist auf dieser Basis niemals möglich.

Zusätzlich ist der Zusammenhang zwischen den Auswirkungen von Rassismus und der gesellschaftlichen Position, die Menschen einnehmen, von Bedeutung. Memmi schreibt von Privilegien und Aggression. Der Nutznießer rechtfertigt durch Rassismus seine Privilegien, der von Konkurrenz Bedrohte seine Aggression.

Ich bleibe mit meinem Eindruck zurück, dass in der letzten Zeit so einiges als Rassismus deklariert wird, was zumindest den Kriterien von Memmi nicht entspricht. Die Ängste vor Konkurrenz auf Wohnungs- und Arbeitsmarkt, gerade bei den am meisten Benachteiligten, und die Ängste derjenigen, die sich von einem Abgleiten in Situationen bedroht fühlen, in denen mit Menschen nicht mehr pfleglich verfahren wird, sind nicht unberechtigt.

Sich von Flüchtlingen als sichtbarer Ausdruck gesellschaftlicher Problematiken bedroht zu fühlen und das zu äußern, ist allerdings noch lange kein Rassismus. Dafür angegriffen zu werden und Vorwürfe zu ernten, könnte für das Hervorkramen von Rassismus allerdings förderlich sein. Und da ist es dann durchaus von Interesse zu fragen wem das letztendlich wieder nutzt. Denen, die ein Ventil für Frustration und Aggression finden, oder denjenigen, die damit ihre Privilegien sichern?

Referenz:

Memmi, A. (1992). Rassismus. Hamburg: Europäische Verlagsanstalt.

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