Bildungsmäuschen

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Sumpf

„Wenn ich das vorher gewusst hätte…“ Habe ich nicht, ich muss mit dem zurecht kommen was mir begegnet. Momentan kommt es mir so vor als wate ich in einem Sumpf. Im Verlauf meiner Literaturrecherchen bin ich zweimal auf die direkte Aussage gestoßen, dass die Bedeutung von Emotionen im Bildungsbereich nur sehr wenig untersucht ist. Ich kann mich erinnern, dass mich das gewundert hat, wie mich ja bereits zuvor gewundert hatte, dass es keine allgemein verbindliche Definition für Emotionen gibt. In meinem Sumpf kann ich inzwischen diese unerforschten, kaum thematisierten Bereiche erahnen. Dieses Mal ist es auch nicht die Literatur, sondern es ist der Alltag und dieses die Emotionen fortwährend in ihren Erscheinungen im Auge behalten. Meine, deine, eure und unsre Emotionen. Was da alles so vor sich geht ist unglaublich vielfältig – und womit das alles zusammenhängt, welche Bezüge zu Methoden und Techniken, Philosophien und geschichtlichen Entwicklungen sich da finden lassen.

Es ist schwierig mit dem Thema Emotionen. Fortwährend schwingen da diese Abwertungen mit. Emotionen sind nicht so etwas wie Denken – in seinem Wert anerkannt und respektiert. Frauen, Privatheit, Kontrolle, Irrationalität. Emotionen sind selbst emotional getaggt. Der berechtigte Zorn einer rangniederen Person wird zum Beleg ihres Makels, ihrer mangelnden Kontrolle und Disziplin. In meiner Vorstellung tauchen die Bilder der Oberschicht des viktorianischen Zeitalters auf. Abgrenzung nach unten und außen durch massives emotionales Management. Emotionaler Ausdruck als Differenzmittel. Fachliche Kompetenz mit einer höhere Wertigkeit gegenüber emotionaler oder sozialer Kompetenz. Dann die Religionen und ihre Empfehlungen wie mit Emotionen verfahren werden soll, welche Emotionen gefördert werden, welche verbannt werden, aber auch wie man Emotionen beobachtet und so auf sie reagiert, dass die eigenen Werte besser gelebt werden können.

Martha Nussbaum [1] und ihr für mich seltsamer Zugang zu politischen Emotionen. Emotionen als Zusammenhalt für Gemeinschaften, als gefühlte Werte von Menschlichkeit und Solidarität.

Es ist ein Sumpf – ein sehr fruchtbarer Sumpf, aber auch undurchsichtig und schwer überschaubar. Mich macht die Beschäftigung damit fröhlich. Wir sind denkende UND fühlende Wesen. Und an den Emotionen, die uns tagtäglich begleiten, ist nichts Falsches. Sie sind es wert beachtet und genauer untersucht zu werden.

In meinem Sumpf findet sich auch die Angst vor Emotionen, die Angst vor bestimmten Emotionen, die Abwehr, die Unterdrückung, Verhaltensweisen, die alles nur immer schlimmer machen und verstärken, so dass die Kette heftiger unangenehmer Emotionen nicht abreißt. Und dazwischen Lachen, Fröhlichkeit, Glück. Filme und Geschichten voller Darstellung von Emotionen. Mit unterschiedlichen Medien transportiert. Tücher schwingende Schülerinnen in einer spontanen Tanzvorführung mit Gesang in einem Flur – laut und lachend – Ausdruck von Emotionen. Auftauchend, kurz verbleibend, sich wieder ändernd.

Emotionen sind ein untrennbarer Teil von Menschen. Der Zorn bei der Wahrnehmung von Verstößen gegen die eigenen Werte, das Mitleid beim Anblick eines leidenden Menschen, die Tränen bei einem Film über Rassismus. Geschichtliche Zeiten, die Emotionen eine hohe Bedeutung geben, die erlauben vielfältige Emotionen auszudrücken. Zeiten, die Emotionen verbannen. Kulturen, in denen der Ausdruck von Emotionen unerwünscht ist. Kulturen, die in gemeinsamen Ritualen kollektive Emotionen zur Stabilisierung ihres Zusammenlebens hervorrufen. Leidenschaftliche Freiheitskämpfer, gottversunkene Mystiker, gnadenlose Verbrecher gegen die Menschlichkeit. Verrationalisierer von Schrecken.

Der Sumpf ist riesig. Was für eine Haltung hat die Menschheit zu Emotionen? Welche Teile der Menschheit? Welchen Einfluss haben dominierende Kulturen, Staaten, das Wirtschaftssystem? Was für eine Haltung haben Wissenschaften zu Emotionen? Subjektiv und unzuverlässig? Geteilt und bedeutsam?

In meinem Wertesystem ist es falsch Emotionen nicht zu berücksichtigen, gleichzeitig habe ich gelernt – und das sitzt sehr tief – dass Emotionen erst ganz hinten kommen. Wo und wenn es passt kann man sie berücksichtigen, aber zuerst kommen tausend andere Dinge. Pflichten erfüllen, Ansprüchen genügen, sich mit der Kraft des Willens überwinden. Die Emotionen müssen passend kontrolliert und angepasst werden. Sonst kann keine Leistung erzielt werden, können keine Hindernisse überwunden werden. Emotionen werden domestiziert. Das Kind muss lernen Dinge wegzustecken, um erfolgreich sein zu können. Es muss lernen sich zu seinem Glück zu zwingen.

Es ist ein Sumpf und ich würde mich über Stege und Wege freuen. Ich würde auch sehr gerne über die Geschichte der Emotionen im Verlauf der Menschheitsgeschichte lesen und das natürlich nicht nur für die westliche Welt. Ich würde mich so freuen wenn ich mehr Menschen begegnen könnte, die etwas über Emotionen wissen, die etwas über Emotionen lehren können, die Untersuchungen gemacht haben, die Zusammenhänge erläutern können, die Perspektiven aufzeigen, die Emotionen berücksichtigen.

Wir sind denkende UND fühlende Wesen. Und weil sie vielleicht älter sind und bereits bei Tieren auftreten, sind Emotionen nicht von geringerem Wert als das Denken. Denken und Emotionen sind laut der Neurowissenschaften sowieso nicht getrennt. Und sie schließen sich nicht aus. Doch noch immer hockt da irgendwo der Ungeist, der flüstert, dass Menschen, für die Emotionen hoch bedeutsam sind, irgendwie doch noch nicht so weit entwickelt sind und Denken, ja, das können sie wahrscheinlich nur beschränkt, denn wer seine Emotionen nicht passend kontrolliert wird davon dominiert und zu einem willenlosen Spielball seiner Gefühle und hat seine Chance auf Weiterentwicklung vertan.

Aber eigentlich sind das nur Machtmittel, Differenzmittel, Unterdrückungsrequisiten. Ersonnen um die einen klein zu halten, damit die anderen groß seien. Mich macht die Konzentration auf das Thema Emotionen fröhlich. Es ist verbunden mit Respekt und Würde. In einem neoliberalen Wirtschaftssystem, das alles zur Ware macht, ist der heilige Zorn eine Waffe. Er ist heilig dieser Zorn, wenn er sich gegen Unmenschlichkeit richtet, gegen die Degradierung des Menschen zu einem Kostenfaktor, reduziert auf den Nutzen für ein von den Bedürfnissen der Menschen losgelöstes Wirtschaftssystem, das schreit, mehr, mehr und noch mehr. Unendliches Wachstum, Betrug, Zerstörung, Rücksichtslosigkeit. Denn was nicht unendlich wächst ist falsch und muss mit allen Mitteln überwunden werden. Ganz hinten kommen dann die Emotionen der Menschen. Ganz hinten. Und immer wieder diese Argumente der Irrationalität, der Unvernunft, der Rückständigkeit. Und dann wieder: kauf das, tu das und dann wirst du glücklich sein. Emotionen erzeugt und genutzt für den Verkauf fragwürdiger Waren.

Es ist eine Sumpf und ich kenne ihn noch viel zu wenig. Ich bin mit Zerrissenheit konfrontiert und Widersprüchlichkeit und so langsam finde ich so einiges vollkommen unangemessen. Wenn der Mensch in der Achtsamkeit des Menschen steht, dann sollten es auch die Emotionen sein. Sogar Vulkanier haben Emotionen und Klingonen sowieso. Aber die Fragen zu Emotionen müssen noch anders gestellt werden als bei Star Trek. Nicht nur ob sie überhaupt bedeutsam sind und wie man sie im Verhältnis zum Denken positionieren und bewerten sollte. Es sollte noch viel mehr danach gefragt werden was sie eigentlich sind und welche Funktion sie im Gesamtsystem des Menschen und menschlicher Gemeinschaften haben.

Dabei kommt allerdings die Frage nach dem vorhandenen Weltbild ins Spiel. Als was wird der Mensch an sich begriffen? Welche Aufgabe kommt menschlichen Gemeinschaften zu? Die Betrachtung von Emotionen basiert auf Weltbildern. Es stellt sich die Frage welchen Blickwinkel spezifische Weltbilder ermöglichen.

Hier beißt sich die Katze mal wieder in der sprichwörtlichen Schwanz. Die Art des Weltbildes lenkt die Betrachtung und die Ergebnisse der Betrachtung verweisen auf das angewendete Weltbild.

Gut – an dieser Stelle scheine ich erneut im Sumpf steckengeblieben. Zu diesem Problem fällt mir momentan nicht viel ein, außer dass ich kürzlich, wo auch immer, gelesen habe, dass die Aufgabe der Philosophie nie beendet sei, da sie immer wieder neu in veränderten Bedingungen Antworten auf vielleicht immer wieder die gleichen Fragen finden muss. Was wir für eine Haltung zu Emotionen haben steht in einem unmittelbaren Zusammenhang mit unserem sonstigen Wissen und unseren sonstigen Haltungen zur Welt.

Dinge wandeln sich fortwährend und sie tun es schnell. Im Verlauf meiner eigenen Lebensgeschichte hat sich die Haltung zu Emotionen mehr als einmal gewandelt. Im Sumpf befinden sich außerdem Menschen unterschiedlichster Sozialisation. Von der Generation beeinflusst, von der kulturellen Herkunft, vom Milieu, von der Schicht.

Eines kann ich allerdings mit Sicherheit sagen, erst die Hinwendung zum Thema Emotionen macht ihr Wirken sichtbar und legt sich wie eine transparente Folie mit zusätzlichen Informationen über die Welt des Wissens. Nichts muss dabei verändert werden. Die Folie macht nur etwas sichtbar, das sonst im Verborgenen wirkt, und das auf diesem Weg Eingang in verschiedenste Überlegungen finden kann, durch die die Welt erklärt wird.

Referenz:

[1] Nussbaum, M. (2014). Politische Emotionen. Warum Liebe für Gerechtigkeit wichtig ist. Berlin: Suhrkamp.

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