Bildungsmäuschen

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Ein neues Semester

Das neue Semester hat begonnen und ich bin im letzten nicht wie gehofft mit meiner Bachelorarbeit fertig geworden. Ich habe sie noch nicht einmal angefangen. Inzwischen fühle ich mich auch ziemlich außerhalb von allem stehend und den Bezug zum Studium verlierend. Zu lange Zeit arbeite ich inzwischen allein vor mich hin und nicht mit anderen gemeinsam. Beobachte ich die Spuren anderer Studierender, die diese im Netz hinterlassen, fühle ich mich schon reichlich als Versagerin. Während andere jetzt in den Master einsteigen können oder in anderen Modulen mit anderen eine gemeinsame Bearbeitung teilen, bleibt mir nichts anders übrig als weiter allein vor mich hin zu werkeln. Das bedeutet momentan vor allem allein vor mich hin zu denken.

Mein verletztes Ohr ist inzwischen so weit abgeheilt, dass es mich nicht mehr beeinträchtigt und ich fühle mich auch wieder in der Lage mich voll und ganz auf mein Thema einzulassen. Zeit die Arbeit wieder aufzunehmen. Drei Monate waren es jetzt fast, die ich beeinträchtigt war, und ich bin heilfroh, dass ich nur mit Blessuren zurückgeblieben bin. Ich höre zwar schlechter als früher, aber meine Weltwahrnehmung selbst ist dadurch nicht mehr beeinträchtigt, etwas das sich als extrem bremsend herausgestellt hatte.

Das Lehrgebiet, bei dem ich bereits nachgefragt hatte, ob ein Thema möglich ist, das sich auf Emotionen im Kontext von Bildung bezieht, wurde in der Zwischenzeit neu besetzt. In dieser Beziehung ist also alles wieder offen. Mit einer Kommilitonin, die eine Literaturarbeit geschrieben hat, konnte ich mich inzwischen sehr gewinnbringend über die Kriterien für Wissenschaftlichkeit einer solchen Bearbeitungsform telefonisch austauschen. Ich war unsicher wie weit ich beim Arbeiten allein mit Texten anderer überhaupt zu verlässlichen, wissenschaftlich akzeptablen Aussagen kommen kann.

Ein kleiner Rückblick auf das zuvor bearbeitete Thema Rassismus, das sich ebenfalls länger als zu Beginn gedacht hingezogen hatte, hat mir inzwischen eine gute Vergleichsbasis zur Einschätzung geliefert. Das Thema Rassismus, ebenfalls eine wichtige Auseinandersetzung für mich, habe ich zu meiner Zufriedenheit bearbeiten können, beim Thema Emotionen bin ich im Vergleich noch lange nicht so weit, auch wenn ich mich schon wesentlich länger damit beschäftige. Ich habe inzwischen viel Detailwissen, aber noch immer keinen sinnvollen Überblick über Zusammenhänge.

Der erneute Einstieg ist schwierig. Ich würde die BA gerne möglichst bald schreiben, kann das aber nicht erzwingen. Ich habe damit begonnen, dass ich zwei Forschungsfragen formuliert habe, die das ausdrücken was mich momentan am meisten beschäftigt. Danach habe ich auf der Basis dessen, womit ich mich bisher beschäftigt hatte, die Begründungen aufgeschrieben, die mir spontan eingefallen sind. Leider musste ich dann zur Arbeit und danach war ich aus dem Fluss gerissen und habe den Text nicht fortgesetzt.

Ein nächster Schritt war es alle vorhandenen Bücher zum Thema auf dem Boden auszubreiten und in der Mappe zu lesen, in der ich meine Notizen zu den Büchern gesammelt habe. Ich konnte noch einmal rekapitulieren was ich bisher getan hatte und habe dann begonnen, ebenfalls ohne Planung und dieses Mal handschriftlich, meine momentane Schlussfolgerung zu schreiben. Begründete Fragestellung und Schlussfolgerung stellen den Rahmen der Arbeit dar, zwischen dem sich die Argumentation entfalten kann. Und die hatte es plötzlich in sich und ich musste erst einmal an ihr herum überlegen, statt weiter auf eine Struktur für die BA hin arbeiten zu können.

Anfänglich habe ich mit dem Thema Emotionen so gearbeitet, dass ich letztlich mir selbst nachgewiesen habe, dass Emotionen in verschiedenen Wissenschaften als bedeutsam eingestuft und genauer untersucht werden. Ich bin da sehr breit vorgegangen und habe die Disziplinen immer mehr erweitert. Letztlich überzeugt war ich an dem Punkt als ich auf die Bedeutung für den Bereich der human robot interaction (HRI) gestoßen war. Mag seltsam wirken, aber für mich war es das entscheidende Argument. Wenn Emotionen für die bessere Zusammenarbeit von Mensch und Maschine bedeutungsvoll sind, dann sind Emotionen in der Gesamtheit des Menschen wichtig. Und das nicht nur für mich.

Für mich selbst waren Emotionen immer bedeutungsvoll. Ich habe viel Zeit in meinem Leben damit verbracht ihr Auftauen und Vergehen, ihre Kapriolen, Probleme und ihren Nutzen zu beobachten. Aber das war meine Weltsicht und das womit ich mich für mich selbst beschäftigt habe. Das muss für andere oder für ganze Wissenschaftsbereiche noch lange keine Bedeutung haben.

Und damit komme ich wieder zurück zu meiner Schlussfolgerung. Dieses Mal war ich bei meiner Forschungsfrage nicht mehr davon ausgegangen, dass es vielleicht sein kann, dass Emotionen nicht nur für mich von Bedeutung sind, sondern auch für die Bildungswissenschaft ein explizites Thema sein könnten. Das brauchte ich nicht mehr nachzuweisen. Dieses Mal war ich überzeugt, dass Emotionen ein Thema von wissenschaftlicher Bedeutung sind und habe danach gefragt, welche Rolle sie in der Bildungswissenschaft spielen, ob sie zu wenig beachtet werden und ob es sinnvoll wäre sie stärker explizit zu berücksichtigen. Es war als hätte ich die Blickrichtung um 180° gewendet. Auf einmal komme ich mit der Überzeugung der Bedeutung der Berücksichtigung von Emotionen in der Wissenschaft zur Bildungswissenschaft und frage sie, wie haltet ihr das eigentlich? Was habt ihr für ein Menschenbild? Welchen Wert gebt ihr Emotionen? Wo positioniert ihr sie?

Ich habe spontan drauflos geschrieben und dabei meine Einschätzung verwendet, die ich momentan habe. Das Ergebnis war für mich überraschend. Letztlich bin ich zu meinem anfänglichen Eindruck zurückgekehrt, dass Emotionen in der Bildungswissenschaft keinen Wert an sich darzustellen scheinen. Sie sind Erscheinungen, die bei Bildungsintentionen eine untergeordnete Position einnehmen. Häufig werden sie im Zusammenhang mit einer Kontrolle negativer Auswirkungen betrachtet, die dabei mit zunehmendem Alter durch die Lernenden selbst erfolgen soll. Es werden durchaus auch lernfördernde Emotionen berücksichtigt, aber auch diese bleiben Begleiterscheinungen von Bildungsprozessen. Bildung wird nicht in einer Sicht gedacht, die von Emotionen im Zusammenspiel mit Denkprozessen als Motor für Handlungen ausgeht. Emotionen sind Einflussfaktoren, aber nicht Ausgangspunkt des Lernens. Daraus könnte sich der Mangel an Notwendigkeit ergeben zu hinterfragen, was Emotionen eigentlich sind und wie sie wirken. Alltagsannahmen zu Emotionen wären dann für einen Nebenbeigebrauch ausreichend. Lernende und Lehrende müssen nicht die Funktionsweise von Emotionen verstehen, um Lernen zu gestalten.

Mein Vorstellungsvermögen hat auch noch andere Verknüpfungen gefunden. Rassismus leitet sich beispielsweise als Bildungsthema aus der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte ab, das Recht auf Wohlergehen nicht. Es ergibt sich kein Bildungsauftrag zu lernen wie ein Mensch Wohlergehen erreichen kann, es ist kein politischer Auftrag Menschen Wohlergehen zu sichern. Das zu bestimmen, anzustreben und zu erreichen obliegt dem Einzelnen. Es geht also auch um gesellschaftliche Werte und staatliche Aufgaben. In meiner Vorstellung taucht dazu auch die Vorstellung der Bruttosozialglücks auf. Es ist gut, dass es solch andere Denkansätze für Vergleiche gibt und mir fällt in dem Zusammenhang auch Pursuit of Happiness aus der amerikanischen Verfassung ein.

In der Wikipedia steht im Artikel über Glück der Satz: „Die Förderung individuellen menschlichen Glücksstrebens ist heute Gegenstand spezifischer Forschung und Beratung unter neurobiologischen, medizinischen, soziologischen, philosophischen und psychotherapeutischen Gesichtspunkten.“ Soll Bildung dem Menschen zu Glück verhelfen. sollen Bildungsprozesse als Prozesse gestaltet sein, die Wohlergehen fördern? Und was haben die Emotionen damit zu tun?

Ich komme noch einmal zurück zum Verhältnis der Bildungswissenschaft zu den Emotionen. Es gibt immer wieder Pädagogen, die sich ein Lernen wünschen, das vor allem von positiv eingestuften Emotionen begleitet ist. Die Emotionen in Lernprozessen als wichtig betrachten. Selbstverständlich ist das aber nicht. Ich kreiere mal eine Formulierung: positive Emotionen fördernde Lernarrangements. Und schon habe ich ein Problem. Was sind hier positive Emotionen? Und warum soll das gut sein? Lernt man besser? Oder lebt man einfach besser?

Ich vermute langsam, mir geht es um die Förderung eines erfreulichen, angenehmen Prozesses beim Lernen. Lernmotivation, weil es so viel Freude macht, weil es ein spannendes, interessantes Leben ist, voller Herausforderungen und Erkenntnisse, getragen von einem steten Fluss von Emotionen, die Auskunft darüber geben ob man auf dem richtigen Weg ist. Und dabei lernen wie man das macht, dass es mit den Emotionen so funktioniert. Und lernen nichts anderes hinzunehmen.

Vielleicht führt das jetzt alles ein bisschen zu weit. Aber warum eigentlich nicht während des Arbeitsprozesses mal irgendwo hin denken, auch wenn das ganz woanders hinführt? Ich habe in meiner Probe-Schlussfolgerung geschrieben, dass das Verhältnis der Pädagogik zu den Emotionen unklar ist. Für die Bildungswissenschaft könnte ich das ähnlich formulieren. Und damit kehre ich dann auch zu einer vorhergehenden Schlussfolgerung zurück, die darin bestand, dass ich für den momentanen Zeitpunkt einen angemessenen Umgang mit Emotionen in Bildungskontexten darin sehe, sehr achtsam die Ebene der Emotionen zu beobachten und Selbstverständlichkeiten dabei immer wieder in Frage zu stellen.

Rassismus kann in einem schmalen Bändchen umfassend im Überblick dargestellt werden. Emotionen in Bildungskontexten…vielleicht irgendwann einmal, aber momentan wohl noch nicht.

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