Bildungsmäuschen

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„Tafeln“ als Beispiel für soziale Arbeit im Grundschulunterricht

Dieser Blogbeitrag ist ein Anwendungsversuch meiner Beschäftigung mit dem Thema Emotionen im Kontext von Bildung und Differenz.

Vor kurzem stieß ich auf die Darstellung eines Projekttages „Sozialer Tag“ einer Grundschule und eines der durchgeführten Projekte war der Besuch bei einer Tafel. Schon beim ersten Durchlesen wurde mir mulmig. Es sollten an diesem Tag nach Aussage der Schulleiterin das Gespür für sozial Schwächere gefördert und der Blick für soziale Unterschiede geschärft werden. Eines der Projekte bestand darin, dass Lehrerin, Eltern und Kinder einer zweiten Klasse Nahrungsmittel einkauften und diese bei der örtlichen Tafel vorbeibrachten. Die Kinder wurden dabei über die Aufgabe und Funktion der Einrichtung informiert und erfuhren, dass dort etwa 50 ehrenamtliche Helfer tätig sind.

Es ist mir nicht bekannt wie diese Aktion genau durchgeführt und begleitet wurde und was die Kinder genau vermittelt bekamen, bei dem Thema Tafeln handelt es sich allerdings um ein sehr sensibles Thema, wenn eine kritische Begleitung fehlt. Ob diese für Zweitklässler möglich ist und welcher Eindruck bei Zweitklässlern während eines solchen Projektes entsteht oder auch entstehen soll, kann durchaus kritisch hinterfragt werden.

„Die Lebensmittelausgaben werden als ein Ort rekonstruiert, an dem zum einen Hilfe geleistet wird, zum anderen jedoch die Beschämung und Missachtung der betroffenen Subjekte zu den konstitutiven Bedingungen gehören.“ (Schoneville, 2013, S.17)

„Gefühle der Scham und Missachtung [stellen] emotionale Ausdrucksformen von Armut und Ausgrenzung dar, welche die positiven Selbstbeziehungen der jeweiligen Subjekte angreifen.“ (Schoneville, 2013, S.17)

Schoneville (2013, S.20) beschreibt ein Verhältnis der Integration sozialer Ausgrenzung, die von den Betroffenen nicht als positiv und wertvoll erfahren wird. Internalisierte gesellschaftliche Normen und Werte führen zu Gefühlen der Scham, die als symbolische Formen sozialer Ungleichheit betrachtet werden können, denn sie sind nicht die alleinigen, losgelösten Emotionen eines Individuums, sondern entstehen in einem sozialen Kontext.

Während auf der einen Seite die ehrenamtlich Helfenden ihr Selbstwertgefühl gleich mehrfach stärken können (beispielsweise Freiwilligkeit der Hilfe, Hilfeleistung für Fremde, die Befähigung Hilfeleistung zu geben), haben die Empfangenden keine Möglichkeit ihr Selbstwertgefühl zu erhöhen. Die von Schoneville angeführten Anerkennungserfahrungen – Selbstvertrauen, Selbstachtung und soziale Wertschätzung – sind in dieser Position kaum zu erleben.

Nach den Recherchen von Schoneville (2013, S.22) spielen Erfahrungen von Beschämung und Missachtung in erziehungswissenschaftliche Betrachtung kaum eine Rolle, wenn nur von einem souveränen und selbstverantwortlichen Subjekt ausgegangen wird und Emotionen nicht als Erscheinungen eingeordnet werden, die innerhalb gesellschaftlicher Strukturen ausgelöst werden. Machen pädagogische Bemühungen die beschämenden Strukturen nicht sichtbar und verbleiben in der Konzentration auf das soziale Bemühen der ehrenamtlich Helfenden, so wird damit zwar deren Position gestärkt aber nicht die der Hilfesuchenden.

Bei den Tafeln handelt es sich nicht um eine Leistung, auf die Bedürftige einen Rechtsanspruch haben, da die Gesellschaft anerkennt, dass für jeden Mensch die Notwendigkeit besteht seine Existenz in ausreichendem Maß abzusichern. Tafeln bedeuten reine Mildtätigkeit und damit die dauerhafte Abhängigkeit vom guten Willen und Engagement anderer. Dieses System ist nicht geeignet, um gesellschaftliche Probleme zu lösen und soziale Gerechtigkeit zu fördern.

Die Entwicklung zu Nutzern von Tafeln wird von Schoneville (2013, S.33) dabei als ein durchaus problematischer Bildungsprozess beschrieben, da das „Hilfsangebot der Lebensmittelausgabe […] nicht oder aber nur sehr eingeschränkt dazu in der Lage [ist], Unterstützung zur Autonomie in der Lebensgestaltung ihrer AdressatInnen zu leisten.“

Die Vorführung dieses Engagements von Freiwilligen als Modell sozialen Verhaltens ist im Kontext eines sozialen Tages an einer Grundschule durchaus kritisch zu sehen. Reste zu verwerten oder freiwillig für andere zu arbeiten sind zwar grundsätzlich positiv zu bewerten, eine Situation, in der Hilfe ökonomisch von Nutzen ist, die dabei aber die Autonomie und Handlungsfähigkeit der Betroffenen nicht unterstützt und sie gleichzeitig, wie von Schoeneville  beschrieben, auf eine gesellschaftlich untergeordneten Position verweist, sollten besser nicht genutzt werden. Eine anschauliche Vermittlung von Humanität und sozialer Verantwortung, wie von Seiten der Schule beschrieben, sieht in meinen Augen anders aus. Besser geeignet sind Beispiele, die Unterstützung dabei anbieten, dass sich die Situation von Betroffenen dauerhaft ändert, während diese selbst dabei aktiv werden können. Die Botschaft ist eine andere. Beispiele von Empowerment und gegenseitigem Austausch können allen eher die Möglichkeit geben emotional positiv bewertete Perspektiven für sich selbst, andere und die Gesellschaft an sich zu entwickeln.

Schoneville verwendet ein narratives Interview, um einen Prozess sichtbar zu machen, in dem die Nutzung der Tafel den Endpunkt und die Aufgabe eines langen Kampfes um Selbstständigkeit und Würde darstellt. Die daraus entstandene Situation enthält keine Veränderungsperspektive mehr. Die Ankunft auf der untersten Stufe der gesellschaftlichen Hierarchie ist damit auch für andere sichtbar geworden. Interessant wären in diesem Zusammenhang Untersuchungen zum emotionalen Gewinn der Helfenden oder auch Untersuchungen dazu, welchen Personen es gelingt aus dem Bedarf an Unterstützung wieder herauszufinden. Die Situation im Zusammenhang mit den Tafeln muss generell als komplex vermutet werden.

Trotz unvollständiger Informationen lässt sich allerdings sagen, dass Tafeln als Beispiele sozialen Engagements problematisch sind. Sie sollten daher nicht unbefangen für pädagogische Zwecke in der Grundschule benutzt werden. Es besteht die Gefahr, dass implizite Vorstellungen dominierend werden, wo eigentlich eine gründliche Reflexion gesellschaftlicher Verhältnisse erforderlich ist, um dem politischen Bildungsauftrag unseres Gesellschaftssystems tatsächlich gerecht zu werden.

Referenzen:

Schoneville, H. (2013). Armut und Ausgrenzung als Beschämung und Missachtung. Hilfe im Kontext der Lebensmittelausgaben „Die Tafeln“ und ihre Konsequenzen. In: Soziale Passagen (2013) 5:17–35. Wiesbaden: Springer.

Neckel, S. (1992). Status und Scham: Zur symbolischen Reproduktion sozialer Ungleichheit. Frankfurt: Campus.

Am 22.12.15 zugefügter passender Link zur Problematik der Tafeln: http://www.nachdenkseiten.de/?p=27438

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3 Kommentare

  1. amirabai sagt:

    Ich danke denjenigen, die diesen Beitrag mit „gefällt mir“ markiert haben. Ich habe dadurch den Mut gefasst ihn auch auf Twitter zu posten, da ich dachte, er könnte auch für andere von Interesse sein. Habe ich lange nicht mehr gemacht.

  2. SW sagt:

    Ich glaube,. Du hast mehrfach den Autorennamen falsch, viell. magst Du das berichtigen, ansonsten gefällt mir dein Blog sehr gut. Grüße! SW

  3. amirabai sagt:

    Besten Dank für die Rückmeldung! Werde es suchen und korrigieren. Es ist ein Problem das auftritt, wenn eine Person ganz allein schreibt. Zu schnell entgeht etwas der Achtsamkeit.

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