Bildungsmäuschen

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Nächtliche Unbewusstheit

Gestern habe ich in meinem Blogeintrag geschrieben: „treten dabei einzelne Aspekte in den Fokus, die ich dabei genauer betrachte und untersuche.“

Bevor ich weiterschreibe, bleibe ich an dem doppelten „dabei“ hängen und sehe Lehrer und Lehrerinnen meiner weit entfernten Schulzeit mit erhobenem Zeigefinger vor mir, die mich ermahnen, dass man so etwas nicht macht. Keine Wortwiederholungen. Das ist schlecht. Ich fühle mich kurz beschämt und würde mein eigenes Zitat am liebsten korrigieren. Danach denke ich an andere Lehrer, die mich ermahnt haben, dass man Zitate nicht korrigiert. Die Überlegungen zu einer Korrektur fühlen sich fast an wie eine Straftat.

Das hier ist aber ein Blog und ich könnte Ursprungssatz und Zitat einfach korrigieren. Oder alles ignorieren. Und für diese Situation habe ich auch keinen Lehrer in meiner Erinnerung, der mir etwas vorgegeben und darüber meine begleitenden Emotionen bereits beeinflusst hat. Die Form eines persönlichen Blogs gibt mir ebenfalls keinen Anlass, jetzt mühevoll im Netz zu suchen, ob sich irgendwo irgendwer für einen solchen Fall bereits auf einen Standard geeinigt hat. Es reicht, wenn ich irgendwann durch Zufall darauf stoßen sollte.

Daher nehme ich mir die Freiheit eine selbstbestimmte Entscheidung zu treffen. Ich korrigiere nicht, ich schreibe darüber und erkunde dabei was in mir in Bezug auf Emotionen vor sich gegangen ist. Dabei fallen mir sogar einige kreative Mitlernende meiner Vergangenheit wieder ein, die Regeln mit ihren fantastischen Ideen ins Absurde verzerrt haben. Das war ein Heidenspaß. Da hüpfen dann auch noch die begleitenden, angenehmen Emotionen von Genugtuung und Freude aus der Erinnerungskiste kurz auf die Bühne der Körperlichkeit, lassen mich schmunzeln und ich fühle mich aufgemuntert.

Nun komme ich aber zu dem, mit dem ich eigentlich starten wollte. Es ist nur von seinen konkreten Erscheinungen her anders als das kleine Intermezzo mit dem Zitat. In beiden Fällen geht es um das was ich in meinem Zitat nur kurz angedeutet habe, ich behalte in Vorgängen die Emotionen im Auge und dadurch kann ich mich mit verschiedenen Aspekten ihrer Auswirkungen auf ganz neue Art beschäftigen.

Nun der Anlass meines Eintrags: Es gibt eine schon alte Regel, die besagt, vor dem Schlafengehen nicht oder nicht zu viel zu essen, da sich das auf die Nachtruhe auswirkt. Man kann dann nicht so ruhig schlafen. Das scheint auch für anderen Input zutreffend zu sein.

Ich werde manchmal in der Nacht oder gegen Morgen mit sehr unangenehmen Empfindungen wach. Manche davon lassen sich als Angst bestimmen. Begleitet werden sie häufig mit jeder Menge Gedanken. Ich bin dabei allerdings nicht so richtig wach, das ist wichtig. Es ist irgendein Zwischenzustand mit eigenen Regeln. Was das ist, dazu kann ich nicht so viel sagen, vielleicht weiß die Psychologie darüber mehr. Für meine Überlegungen spielt die genaue Einordnung des Zustands auch keine Rolle. Wichtig ist, dass ich für die letzte Nacht die Ursachen erwischt habe.

Gestern hatte ich mich gegen Abend sehr entspannt und zufrieden gefühlt. Sowohl für die BA, als auch für ein Referat zu einer Präsenzveranstaltung im Februar, hatte ich grobe Konzepte im Kopf, Zuversicht und den Eindruck ausreichender Vorrecherche, dann habe ich meinen Abend am Fernseher verbracht.

Verknüpft hat sich dadurch in der Nacht eine Mischung aus aktuellen Nachrichten und japanischen Weltuntergangsphantasien voll Gruppengeist, Heldenaufopferung und sinnloser Zerstörung, eingebettet in viele Vorerfahrungen und Vorannahmen, zu einem Komplex aus heftigen, andauernden Emotionen, plastischen Bildern und verwickelten Gedankenketten.

Herausstechend war das Bild der lange Schlange von Flüchtlingen in Slowenien, die sich auf engen Wegen zwischen Feldern stetig vorwärts bewegen. Ich lebe in einer Weltgegend, da sehen die Feldweg genauso aus und der Krieg und die Not, die diese Menschen auf den Weg gebracht haben, waren plötzlich direkt vor meiner Haustür. Es ergab keinen Sinn mehr Weihnachtsplätzchen zu backen und neue rote Schuhe zu kaufen. Es musste sofort und dringend gehandelt werden.

Während der normalen Nachrichten am Abend wurden in kleiner Schrift weitere Nachrichten eingeblendet, darunter die Meldung, dass im ersten Halbjahr die Rüstungsexporte gestiegen sind, als auch dass sich die Zahl der Selbstständigen, die auf Hartz IV angewiesen sind, seit 2007 verdoppelt hat.

Es ist sehr kompliziert genau zu beschreiben wie etwas wirkt und wie es mit anderen Dingen zusammenwirkt. Jede dieser kleinen, zusätzliche eingeblendeten Nachrichten war selbst emotional getaggt und dann auch noch mit weiterem Tagesinput verbunden. Beide kleinen Meldungen ließen sich mit den Inhalten einer im Verlauf des Tages angeschauten Aufzeichnung aus dem Bundestag in Zusammenhang bringen, in der Sahra Wagenknecht die Regierungspolitik kritisiert hatte. Dadurch wurden sie in ihrer Bedeutung bestätigt und ihre Wirkung damit verstärkt, und das gerade auch deshalb, weil sie nur als kleine Randmeldungen kurz am Bildschirmrand aufblitzten. Mitschuld der Regierung, Bedrohung der Schwächsten der Gesellschaft, Flüchtlinge vor der Haustür, durchmengt mit dem japanischen Endzeitszenarium und dem Kampf um eine Änderung der Vergangenheit zur Rettung des menschlichen Lebens.

Alle die angeführten Komponenten sind auch mit Emotionen verbunden und ergeben den nächtliche Schrecken, die Angst im Bauch, sowie die damit verknüpften Bilder und die Gedankenketten, die versuchen alles zu ordnen und zu bezwingen. Es ist erstaunlich wie schnell Unmengen von weiteren gesammelten Informationen in solchen Zuständen dann vom gesamten Verarbeitungssystem durchgegangen werden können. Schreiben kann davon nur einen kleinen Bruchteil reproduzieren und im Licht des Tages verblasst alles sowieso wieder sehr schnell.

Was ist daran nun von besonderem Interesse? Emotionen schleichen sich ein und in meinem Zwischenreich toben sie sich in Angst und Schrecken aus. Sie führen mich im Halbschlaf zum Bemühen eine Lösung für Probleme zu finden, die aber nicht real existieren, sondern ohne eine bewusste Wahrnehmung aus verschiedenen Komponenten zusammengefügt wurden. Im Halbschlaf bin ich ausgeliefert. Ich kann nicht nachvollziehen was tatsächlich geschieht. Ich mühe mich mit Unlösbarem ab, das mich nur frustrieren kann und dadurch die Kette der Angst aufrecht erhält. Was ich mit in den Tag nehme, ist dabei der Eindruck im Leben mit unlösbaren Problemen konfrontiert zu sein, die unkontrollierbare Schrecken auslösen können. Und das ist wirkungsvoll.

Meine Emotionen sind in der Nacht Achterbahn gefahren und das vergessen sie nicht. Der Tag hält keine realen Bedrohungen für mich bereit, alle Menschen um mich herum sind freundlich und friedfertig, anstehende Probleme können gelöst werden. Irgendwo lauert aber der Schrecken. Das Problem ist die Auswirkung, die der nächtliche Zustand auf den Eindruck der Befähigung zur Lösung von Problemen hat. Es ist so etwas wie die Produktion einer Grundangst.

Das Ganze hat jetzt wenig mit expliziten Bildungsthemen zu tun, aber sehr viel damit auf welche Aspekte man stoßen kann, wenn man sich auf Emotionen als Thema konzentriert. Dies hier ist nur ein Beispiel. Was ich daraus für Konsequenzen ziehen werde, wie etwa vorsichtiger bei abendlichem Fernsehkonsum zu sein oder zu empfehlen den Input von Kindern sorgfältig im Auge zu behalten, und ob ich überhaupt Konsequenzen daraus ziehe, weiß ich nicht. Darum geht es jetzt auch gar nicht. Es geht immer noch darum die Wirkmächtigkeit von Emotionen aufzuspüren und aufzudecken, dass es sinnvoll ist sie im Augen zu behalten und zu berücksichtigen. Das was ich heute Nacht erlebt habe, bestärkt mich darin.

Ich habe mich schon häufig über scheinbar plötzlich auftretende, erschreckende Emotionen gewundert. Nach dieser Reflexion meiner nächtlichen Erlebnisse wird das Diffuse klarer und damit auch das Erschreckende kleiner. Ein Tollhaus nächtlicher Schrecken, zusammengepuzzelt aus Ansammlungen des Tages, verbunden mit vorausgegangenen Erfahrungen. Unkontrolliert losgelassen, kaum im Zaun zu halten.

Dennoch haben sie alle zusammengearbeitet. Die Emotionen, die Bilder, die Wortketten.

Vielleicht ist das die aufmunterndste Erkenntnis von allen. Während des Halbschlafes habe ich mit verschiedenen Mitteln versucht mich aus den belastenden Emotionen zu befreien und sie zu wandeln. Lösungen zu finden, eine zufriedenstellende Ordnung herzustellen. Dieses Mal ist es mir im nicht geglückt, doch ich weiß von anderen Malen, in denen es erreicht werden konnte. Das Prinzip funktioniert. Die Emotionen signalisieren auch im Halbschlaf, dass etwas nicht in Ordnung ist und eine Lösung erfordert. Auch wenn sie sich nur auf Fantasien beziehen.

Ich mag es allerdings lieber wenn ich bewusst verfolgen kann was vor sich geht.

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