Bildungsmäuschen

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Fundstücke und Komplexität

„Bildung, Gesundheit und Sicherheit sind in allen Gesellschaften der Gegenwart die Felder, auf denen sich die soziale Spaltung besonders gut beobachten lässt.“ (Bude, 2008, S.114)

Das bedeutet allerdings nicht, dass man dort auch tatsächlich hinschauen muss. Mit Bildung kann man sich durchaus beschäftigen, ohne einen allzu genauen Blick auf soziale Spannungen zu werfen. Es kommt auf die Wahl des Schwerpunkts an. Für mich liefert dieses Zitat allerdings eine sehr gute Erläuterung dafür, warum soziologische Themen ein fester Bestandteil des bildungswissenschaftlichen Studiums sind.

Ich bin offen für Fundstücke bearbeiteter Welterfahrung. Auf die stoße ich sowohl im Netz als in der begehbaren Welt. Und das manchmal auf sehr eigenartigen Wegen. Ein Post bei den Kulturwissenschaftlern zu einem dicken sehr günstigen Wälzer der Bundeszentrale für politische Bildung führt mich auf deren Seite und zur Idee Emotionen als Stichwort in die Suchmaske einzugeben. Ich finde dadurch eine Gesprächsaufzeichnung mit Aaron Ben-Ze’ev zur Vernunft von Emotionen, die mich eine Weile beschäftigt und deren Link ich an Freunde mit positivem Feedback weiterleite. In der UniBib sehe ich ein aufgerufenes Buch auf einem der Rechercherechner, das ich mir ausleihe und noch vor allen anderen Büchern lese. Es ist kurz, ebenfalls von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegeben und vermittelt erstaunlich interessante Betrachtungsperspektiven aus dem Bereich der öffentlichen Soziologie zu Ausgeschlossenen. Daraus stammt auch das einleitende Zitat.

Ich lese jetzt öfter Bücher zwischendurch, auch solche die sich nicht direkt mit meinen Studienthemen befassen, nachdem ich entdeckt habe, dass ich 200 Seiten in ein paar Stunden gut bewältigen kann. Und auch eine Gesprächsaufzeichnung von 90 Minuten in englischer Sprache ohne Untertitel schreckt mich nicht mehr ab. Wenn das Interesse stark genug ist, wird die Verarbeitung leicht und der Gewinn ist groß. Meine Fundstücke stehen allerdings auch nicht allein im Raum. Irgendwie lassen sie sich alle miteinander verbinden, und mit der sozialen Welt sowieso. Interessant ist auch, dass mich meine selbstbestimmte Vorgehensweise sehr an meine MOOC-Erfahrungen erinnert. Texte lesen, Videos ansehen, dann dazu schreiben. Vielleicht bei der einen oder anderen Gelegenheit darüber diskutieren. Erfahrungen gehen häufig in ihrer Nutzung doch sehr eigene Wege.

Bei meinem Vorgehen ist es als würde ich mich in einem Geflecht bewegen, in dem ich mich immer wieder an anderen Knoten befinde, von denen aus ich einen Blick auf die Gesamtheit werfe. Gelenkt werde ich dabei von den Zusammenfassungen einzelner Menschen. Denn das sind meine Fundstücke – die Sichtweisen von Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen. Jeder betrachtet dabei anders und jedes Mal kommt eine spezifische Person mit einer ganz spezifischen Sicht zum Vorschein. Heinz Bude, Aaron Ben-Ze’ev, Stephan Marks, Luc Ciompi, Jean Ziegler. Ich finde bei allen Aspekte aus denen sich ein komplexes, vielschichtiges Bild der Welt ergibt.

Inzwischen kann ich mich in Komplexität bewegen, in Komplexität denken und dabei akzeptieren, dass sich gerade in Bezug auf Emotionen Komplexität nicht sinnvoll reduzieren lässt. Ein Fundstück hat sich heute dazu in einem Blogbeitrag aus dem Bereich der sozialen Arbeit gefunden.

„Komplex sind Systeme, wenn sie nicht kompliziert sind. Ein Computer ist kompliziert. Verdammt kompliziert sogar. Aber er ist beherrschbar, steuerbar: Wenn ich Teil X austausche, dann passiert Y. Immer, wiederholbar, vorhersagbar, eindeutig. Komplexe Systeme aber funktionieren völlig anders: Wenn ich hier etwas ändere, passiert irgendwas. Ich kann aber nicht vorhersagen, was passiert.“ (Epe, 2015)

Mich faszinieren diese Formulierung und dieser Vergleich.

Da jetzt einige wissen, dass ich mich im Besonderen für Emotionen in Bildungsprozessen interessiere, bekomme ich manchmal Links geschickt. Heute hat mich eine Kommilitonin an ein Buch von Myriam Schwarzer-Petruck erinnert. Emotionen und pädagogische Professionalität. Vor fast einem Jahr habe ich darin ihre Definition von Emotionen und die Abgrenzung zu Gefühlen gelesen und nicht viel verstanden. Damit meine ich nicht dieses Verstehen, bei dem alle Sätze formal nachvollziehbar sind, sondern ein Verstehen, das mit dem Inhalt etwas anfangen kann. Das eine Aussage dazu machen kann, ob das was da steht mit erfahrbarer innerer und sozialer Wirklichkeit übereinstimmt. Das einen Überblick darüber hat was andere zu dem Thema herausgefunden haben.

Ich verstehe noch immer nicht alles, was da zu erläutern versucht wird, kann aber jetzt zumindest die Methode des Vorgehens und damit auch ihre Schwäche und Begrenzung erkennen. In dem Gespräch mit Aaron Ben-Ze’ev erschien mir sein Ringen um die Darstellung von Komplexität sehr vertraut. Schwarzer-Petruck (2014, S. 51) geht auf diesen Philosophen ein und schreibt:

Laut Ben-Ze’ev stellen Emotionen ” vermutlich die komplexesten mentalen Phänomene dar“ (vgl. Ben-Ze’ev 2009, S. 13).

Für ihre Untersuchung reduziert sie diese Komplexität jedoch auf eine eingeschränkte Definition. Das ist legitim und wird von ihr auch korrekt dargestellt, hat aber Konsequenzen. Wird in einer anderen Untersuchung von einer anderen Definition ausgegangen, sind Ergebnisse nicht mehr vergleichbar, auch wenn in beiden Fällen der gleiche Begriff verwendet wird. Außerdem lenkt die Wahl der Definition die Untersuchung.

Mir ist es lieber, wenn ich mir der Komplexität immer gegenwärtig bleiben kann. Ich habe inzwischen aus so vielen Perspektiven über Emotionen gelesen, dass ein anders Vorgehen für mich nicht korrekt erscheint. In dem Gespräch mit Ben-Ze’ev bezieht er sich bei etwa 00:43:00 auf die Aussage eines anderen (leider unverständlich), die lautet: “ to every complex problem there is a solution which is simple, neat, and wrong.“

Emotionen sind nicht einfach zu haben. Das Problem mit ihnen ist nicht allein, dass sie lange Zeit in den Wissenschaften gering bewertet und auch dadurch ihre Untersuchung vernachlässigt wurde, bzw. in einer spezifischen Weise erfolgte, bei einem genaueren Blick wird sichtbar, dass es sich letztlich um hochkomplexe, auf mehreren Ebenen eingebettete und wirkende Prozesse handelt.

Bei einem Wissenschaftler wie Ben-Ze’ev kann im Hintergrund komplexes Wissen zu Emotionen ausgemacht werden. Daher kann er jeden Fall im Besonderen betrachten und immer wieder darauf verweisen, was noch als wesentlich zu berücksichtigen wäre. Zum momentanen Zeitpunkt scheint mir das die einzig mögliche Vorgehensweise, um Aussagen zu machen, die eine Chance haben annähernd zu bestimmen wie sich Emotionen auswirken und was sie für eine Bedeutung haben.

Referenzen:

Bude, H. (2008). Die Ausgeschlossenen. Das Ende von Traum einer gerechten Gesellschaft (Lizenzausgabe). Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung.

Epe, H. (2015). Die 14 wichtigsten Kompetenzen für soziale Arbeit und was das mit der Zukunft der Gesellschaft zu tun hat. Verfügbar unter: https://hendrikepe.wordpress.com/2015/11/01/die-14-wichtigsten-kompetenzen-fuer-soziale-arbeit-und-was-das-mit-der-zukunft-der-gesellschaft-zu-tun-hat/ (zuletzt abgerufen 1.11.2015)

Schwarzer-Petruck, M. (2014). Emotionen und pädagogische Professionalität. Zur Bedeutung von Emotionen in Conceptual-Change-Prozessen in der Lehrerbildung. Wiesbaden: Springer.

Streitraum (2013). Kritik der Emotionen. Verfügbar unter: http://www.bpb.de/mediathek/190999/kritik-der-emotionen-oder-wie-vernuenftig-sind-eigentlich-gefuehle (zuletzt abgerufen 1.11.2015)

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