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Rückblick auf eine emotionale Ausnahmesituation

Seit meinem letzten Blogeintrag sind zwei Wochen vergangen. In der Zwischenzeit habe ich mehrmals Blogeinträge begonnen aber nie beendet, während ich mehrere Bücher von zuerst Stephan Marks und danach Arno Gruen gelesen und viel nachgedacht habe. Ich bin dabei in für mich ganz neue Gedankengänge, aber auch in alte Gedankenwelten neu eingestiegen, die alle mein Inneres sehr aufgewirbelt haben. Einerseits tauchten weit zurückliegende Erfahrungen verstärkt an die Oberfläche, andererseits war ich veranlasst ganz andere Weltsichten, als ich üblicherweise verwende, auf meine bisherigen Erfahrungen anzuwenden, wodurch ich vieles inzwischen anders als bisher einschätzen muss. Es war ein Prozess der Unsicherheit und Verunsicherung begleitet von aufsteigenden Ängsten und Trauer.

Momentan ist wieder Ruhe in meinem Inneren eingekehrt. Weder Gedanken noch Emotionen befinden sich in einem aufgewühlten Zustand und die letzten Wochen erscheinen mir wie ein Spuk. Aus einem emotionalen Ausnahmezustand scheine ich in einen Normalzustand zurückgekehrt.

Mitgebracht habe ich:

  • Die Möglichkeit Menschenwürde als Bewertungskriterium von Handeln zu verwenden
  • Die Vorstellung einer Kultur der Beschämung
  • Den Begriff strukturelle Beschämung
  • Wahn-Sinn und Verzerrung in Normalitätsvorstellungen
  • Emotionale Entfremdung
  • Gespielte Gefühle und innere Leere
  • Das Kind, das keinen Zugang zu seinen eigenen Gefühlen finden kann, da seine Emotionen von den betreuenden Erwachsenen nicht gespiegelt werden.
  • Nicht reduzierbare Komplexität
  • Empathische Wahrnehmung, reduziertes Bewusstsein und empathisch geformtes Bewusstsein

Mir ist in den Büchern noch sehr viel mehr begegnet, hier habe ich die Elemente zusammengefasst, an die ich mich momentan als bedeutungsvoll erinnere.

Es gab auch unmittelbare Auswirkungen. Ich habe mich in der Zwischenzeit von meiner Herkunftsfamilie noch weiter als bisher distanziert, dafür habe ich mein Verständnis dafür erweitert, warum ich mit bestimmten Menschen schon seit vielen Jahren befreundet bin und was sie gemeinsam auszeichnet. Andere Auswirkungen sind schwieriger eingrenzbar. Es handelt sich vor allem um die Wahrnehmung von Emotionen bei mir selbst und anderen und wie ich damit im Alltag und bei der Arbeit umgehe.

Zurück bleibe ich mit Fragen danach, wie ich jetzt diese Elemente mit dem verbinden soll, was ich bisher zu Emotionen gelesen habe. Dabei ist der Bereich der Nicht-Wahrnehmung von Emotionen besonders rätselhaft, da ich nicht nachvollziehen kann wie das im Inneren eines Menschen funktioniert und wie ich diese Erscheinung mit Emotionstheorien verbinden soll. Eine bedeutende Erweiterung stellt für mich dagegen die Berücksichtigung von Scham dar, eine Emotion, die ich bisher häufig gar nicht als Scham erkannt habe.

Momentan habe ich keine Vorstellung davon wie ich weiter vorgehen soll. Vieles ist durcheinander gewirbelt worden und ich muss erst eine neue Orientierung finden.

In den beiden letzten Wochen gelesene Bücher:

Gruen, Arno (2002). Der Fremde in uns. München: dtv.

Gruen, Arno (2014). Der Wahnsinn der Normalität. Realismus als Krankheit: Eine Theorie der menschlichen Destruktivität. (19.Aufl.). München: dtv.

Gruen, Arno (2015). Dem Leben entfremdet. Warum wir wieder lernen müssen zu empfinden (3.Aufl.). München: dtv.

Marks, S. (2007). Scham – die tabuisierte Emotion. Düsseldorf: Patmos.

Marks, S. (2007). Warum folgten sie Hitler? Die Psychologie des Nationalsozialismus. Düsseldorf: Patmos.

Marks, S.(2010). Die Würde des Menschen oder Der blinde Fleck in unserer Gesellschaft. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus.

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4 Kommentare

  1. Ich wollte schon häufiger schreiben, dass ich das einen sehr interessanten Blog finde – heute mache ich es endlich mal, verbunden mit dem Hinweis, dass es auch von Boris Cyrulnik ein sehr interessantes Buch über „Scham“ gibt, das ich empfehlen kann … Viele Grüße!

  2. amirabai sagt:

    Habe gleich mal nach dem Buch geguckt. Besten Dank!

  3. Dagmar Fahnauer sagt:

    Vielen Dank dafür, dass Du uns an Deinen Erkenntnisprozessen teilhaben lässt. Beschämung als Machtmittel im pädagogischen Handeln ist leider weit verbreitet, erst vor wenigen Tagen habe ich dazu Kurt Singer http://www.prof-kurt-singer.de/ wiederentdeckt.
    Und am Samstag auf dem Seminar zu 2A deine illustration der Forschungswege wieder einmal bewundert.
    Viele Grüße Dagmar

  4. amirabai sagt:

    Boah, bekomme auf einmal Kommentare!
    Das Thema Beschämung ist für mich noch ziemlich neu. Als Machtmittel habe ich sie noch nicht so richtig wahrgenommen. Stimmt aber. Vor Scham handlungsunfähig werden beispielsweise schafft der einen Seite Probleme während die andere Seite sich damit Probleme vom Hals schafft.
    Gestern habe ich zu negativem Wissen und Fehlerkultur gelesen. Interessant ist dabei, dass Beschämung nicht nur negativ wirken muss. Es kann daher nicht einfach gesagt werden, dass Beschämung nicht vorkommen sollte. Interessant ist es dann die Orientierung an der Menschenrechten, also der würde des Menschen mit dazu zu nehmen, wie es Stephan Marks tut.
    Bei der Auseinandersetzung mit Emotionen ist es mir schon mehrfach aufgefallen, dass nicht die einfache Formel gilt: positiv eingestufte Emotionen haben positive Auswirkungen und negativ eingestufte negative. Das gehört zu den Dingen, die Generalisierung in Bezug auf Emotionen so schwierig machen.
    Habe kürzlich mit einer Mutter gesprochen, die hat sich wie ich ein übersichtliches, umfassendes Handbuch zu Emotionen gewünscht. Gibt es leider nicht. Wird es vielleicht auch nie geben.
    Danke auch für den Link. Werde ihn mir später anschauen.

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