Bildungsmäuschen

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Homöostase und Nazigeist

Ich habe keine Ahnung davon wie man an einem komplexen Thema systematisch wissenschaftlich arbeitet. Das ist jetzt kein Mangel meines Studiums und es kann weder der FernUni Hagen noch der Form des Fernstudiums selbst vorgeworfen werden. Ich habe durchaus gelernt wie ich mit einem kleinen überschaubaren Thema sinnvoll wissenschaftlich arbeiten kann und denke, für ein Bachelorstudium ist so etwas, wie ich momentan mache, gar nicht vorgesehen. Es ist darin möglich, ja, aber es reicht auch weit darüber hinaus. Daher bleibt das, was ich tue, nach meinem Verständnis in meiner Verantwortung und ich muss zusehen, wie ich eigenständig damit zurecht komme.

Momentan arbeite ich parallel an zwei Strängen. Der eine ist weiterhin die Bedeutung von Emotionen für Bildung generell, der andere sind die Auswirkungen emotionaler Selbstverständlichkeit der Nazizeit über 1945 hinaus. Das erste immer noch für die Bachelorarbeit, das zweite für die Präsenzveranstaltung auf der Wewelsburg im Februar, wobei sich das auf die Nazis bezogene Thema aus dem Ort selbst ergeben hat. Die Wewelsburg wurde von der SS als Schulungs- und Versammlungsstätte ausgebaut.

Für das generelle Thema versuche ich momentan in großen Zusammenhängen zu denken und dabei danach zu fragen, wie in der Praxis in Bildungsmaßnahmen eigentlich mit Emotionen verfahren wird bzw. verfahren werden kann. Dabei bin ich auch auf die Begriffe Homöostase, und Homöodynamik gestoßen. Damit verknüpft sind für mich Vorstellungen, dass es durchaus ein Bestreben von Unterrichtenden und Betreuenden in Gruppen ist, einen Zustand herzustellen, in dem nicht über längere Zeit extreme oder negativ eingeschätzte Emotionen auftreten. Die Gesamtgestaltung und das konkrete Vorgehen sind dabei auf einen angenehmen emotionalen Zustand ausgerichtet, ohne aber Extreme generell zu vermeiden oder zu verdammen, da diese bedeutungsvolle Bestandteile menschlichen Erlebens sind. Ziel ist es immer wieder einen Zustand nicht zu hoher, aber auch nicht zu niedriger Erregung herzustellen, in dem es sich konzentriert arbeiten lässt.

Dabei handelt es sich allerdings auch wieder nur um einen Teilaspekt der Bedeutung von Emotionen in Bildungsprozessen, der dabei aber erneut meine Verwunderung darüber stärkt, dass Emotionen an allen Ecken und Enden eine Rolle spielen, aber nicht an allen Ecken und Enden auch zum Thema werden.

Einfacher, da besser einzukreisen, ist es mit dem zweiten Strang, der emotionalen Verfasstheit der Nazizeit. Sehr fasziniert habe ich die beiden Teile der Dokumentation Die Suche nach Hitlers Volk verfolgt. Ich habe zwar momentan das Problem, dass ich aus der verwendeten Perspektive sehr viele Implikationen ableiten, diese aber noch schlecht zusammenfassen kann, doch gerade in der Mischung aus nachgespielten Befragungen mit altem Filmmaterial sowie Kommentaren im Hintergrund wurde für mich sehr viel von dem sichtbar, das nach Kriegsende in der Bevölkerung ungebremst weiter gewirkt hat.

Viele Menschen waren in Nazigedankengut und  Nazipropaganda so fest verankert, dass sie dieses als selbstverständliche Normalität wahrgenommen haben. Dabei ist es sinnvoll besonders die begleitenden und angehängten Emotionen zu beachten. Wenn sich aus dem Gedankengut kein Schuldbewusstsein ableitet, so bedeutet das auch einen Mangel an unangenehmen begleitenden und zu Besserung mahnenden Emotionen. Die Vorstellung der Zugehörigkeit zu einem einheitlichen Volk, mit klar bestimmbaren Kennzeichen, das als höherwertiger und leistungsstärker als andere Völker konstruiert wurde, ist auch mit Emotionen gegenüber dem Fremden und Anderen verbunden. Wie mit diesen zu verfahren ist, bleibt nicht allein Sache von Denken, sondern auch von damit verbundenen emotionalen Bewertungen die dem eigenen Handeln die Richtung weisen.

Warum das für mich wichtig ist? Weil es um das geht was sich richtig und was sich falsch anfühlt. Die Nazidiktatur hat die Emotionen der Bevölkerung gelenkt. Sie hat benutzt was schon vorher da war und hat es kanalisiert und verstärkt. Und hat dabei eine Unmenschlichkeit erzeugt, die nicht mehr gespürt werden konnte, und die auch nach der Niederlage und der Konfrontation mit anderen Fakten und Haltungen nicht verschwunden ist. Sie war auch emotional verankert.

Und noch viele Jahre später hieß es, dass Hitler ja so viel Gutes bewirkt hat und dass ja nicht alles schlecht war. Die emotionalen Muster waren erhalten geblieben und damit auch die Bewertungen des Zugehörigen und des Fremden, des Höherwertigen und des Niederwertigen. Die emotionale Bewertung von Abweichung, von Leistung, von dem was im Leben von Interesse ist.

Betroffen gemacht hat mich am Ende des ersten Teils des Films die Aussage eines Deutschen, der als Sohn eines Juden und einer evangelischen Christin 1935 nach Inkrafttreten der Nürnberger Gesetze direkt aus dem Hörsaal in ein Lager gebracht wurde, dass auch die gegen Hitler waren nicht geholfen haben. Er sagte, die Deutschen sind nicht bösartig, nur so schrecklich gleichgültig.

Ich denke, jeder hat so sein Trauma. Meines besteht zum Teil genau darin. Im Vorhandensein von Menschen, die zusehen wie jemandem Unrecht zugefügt wird ohne dass sie es als notwendig empfinden einzugreifen. Dieses Eingreifen kann dabei allein darin bestehen den anderen verbal in Schutz zu nehmen.

Nach und nach wird es für mich sichtbarer auf welcher Ebene sich nach Kriegsende erst einmal nichts geändert hat und wie Nazigeist unerkannt zusammen mit den angehängten Emotionen weitergegeben wurde – bis heute. Es versteckt sich häufig an gänzlich unerwarteter Stelle in der scheinbaren Selbstverständlichkeit. Ändert sein Gesicht, ändert sein Aussehen und bleibt doch das was es war. Darin teilweise sozialisiert kann es sehr schwierig sein ihn zu erkennen, zu benennen und sich dagegen zur Wehr zu setzen.

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