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Serienjunkie

Schon als Kind habe ich begonnen Fortsetzungsgeschichten zu mögen. Erst in Comics und Büchern, später in Filmen. Ein interessantes Setting und interessante Charaktere wieder und wieder erleben, noch einmal und noch einmal. Sie auf Reisen begleiten oder in unterschiedlichen, schwierigen, verwickelten Situationen erleben, sich entfaltende Familiengeschichten verfolgen, Konflikte zwischen Gruppen und Völkern beobachten. Geschichten, in denen viele Stränge miteinander verwoben sind. Auf der Wahrnehmung von Wirklichkeit basierende Produkte der Fantasie. Voll von dargestellten Emotionen und voll von Experimenten wie etwas sein könnte, wenn etwas ganz anders wäre. Zum Beispiel die Emotionen selbst oder der Umgang mit ihnen.

In der letzten Zeit fallen mir dabei verstärkt Konstruktionen in Bezug auf Emotionen auf, die nicht funktionieren können, da sie auf der Annahme basieren, dass Emotionen etwas sind, das man abtrennen kann. Zum Beispiel vom Denken oder von moralischen Entscheidungen.

Dass eine solche Trennung einmal vorgenommen wurde, ist vermutlich auf den Wunsch zurückzuführen einen besseren Überblick über das zu gewinnen, das in einem Menschen vor sich geht. Zu ordnen und zu systematisieren ist eine Funktion, die unsere Art von Gehirn ermöglicht, und die in der Entwicklung der Arten selbst erst recht spät aufgetreten zu sein scheint. In der zunehmenden Entfaltung von Komplexität ist sie ein Mittel mit dieser Komplexität umgehen zu können. Die Entwicklung  zu Komplexität selbst schafft sich damit die Mittel, um sie besser bewältigen zu können.

Die dabei entwickelten Systematiken müssen nicht die Wirklichkeit oder Wahrheit abbilden, sie müssen sich vor allem in der Praxis bewähren. Zu unterscheiden ob ich denke oder fühle kann dabei durchaus nützlich sein, wenn ich beides an unterschiedlichen Orten meiner körperlichen Existenz lokalisiert wahrnehme. Ein Problem entsteht allerdings, wenn beide Elemente voneinander abgetrennt und noch dazu in eine hierarchische Ordnung zueinander gebracht werden. Und wenn diese Vorstellung dann auch noch als korrekte Abbildung der Wirklichkeit wahrgenommen wird. Auf dieser Basis entstehen in den Serien Gedankenspielereien, die nicht funktionieren können.

Im Alltag ist das anders. Ganz gleich wie weit unsere Vorstellungen von der tatsächlichen Wirklichkeit abweichen, wir können der Wirklichkeit nicht unseren Willen aufzwingen. Daher machen wir Experimente, um unsere Annahmen zu überprüfen. Aber in den Produkten unserer Fantasie, in den Geschichten, die wir konstruieren, müssen wir uns nicht an diese Wirklichkeit halten und können die Welt entsprechend unserer Vorstellungen umformen. Das was dann entsteht, kann unsere sonst vielleicht versteckt bleibenden Annahmen sichtbar machen.

Überall im Weltall gibt es Formen humanoiden Lebens, das sich sehr ähnlich sieht und auch noch untereinander kompatibel ist? Und Menschen können in diesem Reigen eine herausragende Rolle übernehmen, da sie über besondere Fähigkeiten verfügen? Da ihre Emotionen ihnen besondere Taten und besonders moralisches Verhalten ermöglichen? Nun ja. Ein Fantasieprodukt, das eine Menge darüber aussagt, wie sich seine Schöpfer selbst wahrnehmen.

Es wird ein Utopia erzeugt, indem allen Menschen ihre Wahrnehmung einer Dualität von Gut und Böse genommen wird. Plötzlich haben alle nur noch angenehme Emotionen und das Miteinander funktioniert ohne Konflikte. Damit ist alles Leid verschwunden und der Garten Eden wiederhergestellt. Nein, liebe Leute, das funktioniert in eurem Film, aber die Wirklichkeit würde euch schnell eines Besseren belehren.

Was mir ins Auge sticht, sind die Vorstellungen und Annahmen, die dahinter erkennbar werden.

Auf dem Schulhof sagt der eine Junge zum anderen: „Du nervst mich.“ „Nein ich nerve dich nicht.“, ist die Antwort des andere. „Wie kannst du meine Gefühle kennen?“, antwortet der genervte Junge. „Das was du mit mir machst nervt mich.“

Kluges Kind.

Wir lernen die Zusammenhänge zu erkennen und sie auszudrücken. Oder auch nicht. Wir können in unseren Vorstellungen etwas auseinandernehmen, dann müssen wir es aber auch wieder zusammenbringen. Die Emotionen sagen dem einen Jungen, dass er das nicht mag was der andere tut. Für ihn ist es kein gutes Verhalten und er möchte, dass der andere es unterlässt.

Am besten wäre es nun, wenn der andere Junge schon nachvollziehen könnte, dass etwas was ihm selbst Spaß macht, was für ihn also gut ist, von dem anderen entgegengesetzt wahrgenommen wird. Und wenn er sich in den anderen hineinversetzen könnte und einsehen würde, dass es gut ist aufeinander Rücksicht zu nehmen. Kann er noch nicht, daher greifen die betreuenden Erwachsenen ein.

Das Schulhofbild lässt sich dabei durchaus in einen größeren Rahmen übertragen. Gesetze und Gesetzeshüter greifen ein und regeln, damit nicht das gute Leben des einen auf dem Leid des anderen aufbaut. Unsere ethischen Vorstellungen basieren zu einem großen Teil auf Verarbeitung von Emotionen zu Empathie. „Was du nicht willst, das man dir tut…“. Geht natürlich auch anders. Wenn ich dem anderen so richtig weh tun will, kann ich die Vorbilder in mir selbst finden. Aber auch einsehen, dass ich trotz allem nicht so handeln sollte.

Emotionen zu erfahren spielt in diesem Kontext eine wesentliche Rolle. Und zwar jede Form von Emotionen, auch die ungeliebten heftigen und unangenehmen. Kenne ich diese Emotionen, kann ich mir vorstellen wie es für den anderen ist sie zu erleben. Emotionen liefern Hinweise auf die Einschätzung von Zuständen und Situationen und geben Hinweise auf einen notwendigen Veränderungsbedarf. In Scham und Schuld verweisen sie auf erfahrene Fehler und können starke Motivatoren für Handeln sein.

In den Serien als künstliche Produkte können Gedankenspielereien umgesetzt werden, die in der Wirklichkeit nicht funktionieren würden. Eine Welt ohne Vorstellung von gut und böse, menschenähnliche Wesen ohne Emotionen, Menschen die sich fortwährend in extremen Emotionszuständen befinden, Bevölkerungen, die keinerlei Empathie aufzubringen scheinen.

Ich mag Serien nach wie vor, beginne inzwischen aber am Wert der Darstellungen sehr zu zweifeln. Da es sich um Unterhaltung handelt, sickern die verwendeten Vorstellungen im Hintergrund ein, ohne in der Regel einen Anlass zu Reflexion zu liefern, solange sie nicht gegen ihre eigene innere Logik verstoßen. Trotzdem schaffen oder unterstützen sie Vorstellungsbilder.

Ich verwende noch immer einen für Emotionen geschärften Blick, daher fallen mir Ungereimtheiten auf. Was aber entgeht mir alles, wofür mein Blick nicht angeregt wurde?

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