Bildungsmäuschen

Startseite » Emotionen » Wie fühlt sich Diskriminierung an?

Wie fühlt sich Diskriminierung an?

Eigentlich dachte ich, ich könne jetzt gemächlich mein Studium zu Ende bringen, doch dann beginne ich nach der Bedeutung des Titels der noch ausstehenden Präsenzveranstaltung zu fragen und lese mir in diesem Zusammenhang in der Wikipedia die Beschreibung von Diskriminierung durch

„Diskriminierung bezeichnet eine gruppenspezifische Benachteiligung oder Herabwürdigung von Gruppen oder einzelnen Personen.“ (Wikipedia)

und verfalle auf die Idee zu fragen, wie sich Diskriminierung eigentlich anfühlt. Was geschieht auf der Ebene der Emotionen und Gefühle, wenn eine Person als Mitglied einer spezifischen Gruppe benachteiligt oder herabgewürdigt wird und welche Konsequenzen hat das für ihr Handeln?

Ich hatte erwartet, dass ich das einfach beantworten könne, es ist aber nicht so. Die Frage verfolgt mich einen Tag lang wie ein Kōan. Im Netz kann ich sehr einfach eine Definition für Diskriminierung finden, die Frage was in einer Person geschieht, die diskriminiert wird oder diskriminiert, erfordert aber etwas mehr Aufwand.

„Diskriminierung entsteht in der Perspektive des Opfers. Täter sehen ihr eigenes Verhalten den Opfern gegenüber häufig selber nicht als diskriminierend.“ (Hansen, 2009, S.156)

Es ist Vorweihnachtszeit und die Güterwelt schüttet ihre Angebote über die Konsumenten aus. Dazwischen blitzen die Bilder Benachteiligter auf und die bettelnden Augen der Werbekinder der Spendenorganisationen.

„Die Erfahrungen von sozialer Diskriminierung gehen an den Diskriminierten nicht spurlos vorbei. Sie können stressig und verletzend für Mitglieder von statusniedrigen Gruppen sein.“ (Hansen, 2009, S.156)

In meiner Gesellschaft ist es kaum möglich Weihnachten zu entkommen. In irgendeiner Form muss man damit umgehen. Die Themen Konsum, Armut, Moral sowie gesellschaftliche Positionierung haben dabei durchaus eine enge Verbindung zu Weihnachten. Es gibt ziemlich viele Geschichten dazu, dass Benachteiligten an Weihnachten etwas Besonderes geschieht oder dass schlechte Menschen zu Einsicht kommen. Es gibt dahingehende Vorstellungen, dass Weihnachten jeder das Recht auf ein wenig Freude hat. Süßer Balsam mit unterschiedlichen Funktionen. Dieses Jahr nehme ich plötzlich eine anderen Perspektive der Betrachtung ein als sonst.

Aber erst einmal zurück zu meinem Kōan. In einer Situation, in der ich mich nicht aktuell diskriminiert fühle, entsteht kein Bild vor meinen Augen wie sich Diskriminierung anfühlt und welche Emotionen damit verbunden sind. Erst als ich einen Text zu lesen beginne, der mir eine Vorstruktur liefert, erhalte ich ein Bild.

Immer und immer wieder bin ich damit konfrontiert, dass ich auf der einen Ebene denke und auf der anderen fühle. Aaron Ben-Ze’ev (2009) schlägt vor den Unterschied durch die Existenz zweier unterschiedlicher mentaler Modi, eines intellektuellen und eines emotionalen, mit unterschiedlicher Logik zu erklären. Für mich liefert diese Vorstellung eine Erklärung dafür, warum ich durch die sprachlich formulierte Frage, wie sich Diskriminierung anfühlt, nicht auf der Ebene der Emotionen lande. Ich erhalte nur Informationen dazu, was ich über Diskriminierung denke.

Erreichen kann mich allerdings der Text von Nina Hansen (2009), denn sie liefert meinen Gedanken eine strukturierte Grundlage, für deren Überprüfung ich dann spezifische Erinnerungen verwende. Auf Emotionen bezogen führt Hansen vor allem Unsicherheit, Depression, Angst vor Zurückweisung und Wut an. Für Unsicherheit und Depression wäre es notwendig noch genauer die spezifischen Emotionen zu bestimmen. Die Nennung der Namen der Emotionen ermöglicht es mir, sie in meiner Erinnerung an Situationen zu identifizieren. Wie hat sich diese Unsicherheit angefühlt, welche Gedanken und Einschätzungen hat die Depression gefördert, wann tritt die Angst auf, wann richtet sich die Wut gegen mich selbst und wann gegen andere?

Ich erhalte ein wesentlich differenzierteres Bild davon was im Augenblick der Erfahrung der Diskriminierung vor sich geht als zuvor. In ihren Schlussfolgerungen empfiehlt Hansen die Analyse von Situationen als Unterstützung, um soziale Diskriminierung erkennen zu lernen. Dabei muss berücksichtigt werden, dass ihr Ansatz davon ausgeht, dass soziale Diskriminierung häufig uneindeutig ist. Einerseits sehen die Täter die diskriminierenden Aspekte des eigenen Verhalten oft nicht, andererseits werden heute wegen egalitärer Überzeugungen und gesellschaftlichem Druck weniger offensichtliche, dafür mehr ambivalente, subtile, unbewusste und automatische Formen der Diskriminierung verwendet (Hansen, 2009). Neben der sozialen Diskriminierung existieren außerdem noch weitere Formen von Diskriminierung wie individuelle, institutionelle, strukturelle, symbolische oder sprachliche. Eine genauere Analyse kann dabei helfen die verschiedenen Einflussfaktoren zu erkennen, die eigenen Reaktionsformen zu verstehen, vor allem aber die Verantwortung der Täter zu erkennen.

Interessant ist es in dem Zusammenhang, dass Hansen davon ausgeht, dass die Opfer klare Fakten benötigen, wenn sie Vorgänge öffentlich machen wollen, da sie sich ansonsten dem Risiko aussetzen als Querulanten abgewertet und abgewehrt  zu werden. Eine einfachere Form der Unterstützung kann daher in Gesprächen mit anderen Betroffenen bestehen, eine Methode, die u.a. in Selbsthilfegruppen Verwendung findet. Dadurch kann die Angst vor Zurückweisung vermindert und die soziale Identifikation gefördert werden.  Ebenso kann dadurch die Wut auf sich selbst verringert und in geeigneter Bahnen gelenkt werden, wie in die Wut auf die Täter oder den Wunsch die Situation ändern zu wollen.

Für Arbeits- und Bildungskontexte ist es nach ihren Schlussfolgerungen dabei interessant das Umfeld so zu gestalten, dass stigmatisierte Gruppen nicht an ihr Stigma erinnert werden.

Für mich von besonderem Interesse ist im Zusammenhang mit Diskriminierungserfahrungen der Unterschied zwischen öffentlichem und persönlichem Selbstwert. Hansen verweist auf Untersuchungen, nach denen Stigmatisierung und niedrige Stellung in der Gesellschaft entgegen vieler Annahmen keinen niedrigen Selbstwert zur Folge haben. Das führt zu der Annahme, dass die Erfahrung von Diskriminierung zwar den öffentlichen Selbstwert mindert, aber noch lange nicht den persönlichen. Damit wird für mich das scheinbar paradoxe parallele Auftreten von hohem und niedrigem Selbstwert gleichzeitig sehr gut erklärbar.

Insgesamt hat sich meine Fragestellung danach, wie sich Diskriminierung denn nun anfühlt, als ausgesprochen fruchtbar erwiesen. Es sind häufig vor allem die Emotionen, die Diskriminierung so unangenehm machen. Diskriminierung wird häufig zuerst auf der Basis auftretender Emotionen gefühlt, die als schnelle Reaktion auf Einschätzungen von Situationen auftreten, und danach erst bewusst als Diskriminierung gedacht werden. Die Aufgabe des Denkens ist dabei auch, die Emotionen in Richtung eines positiven Erlebens zu verändern und der Wiederholung von negativ eingestuften Emotionen entgegen zu wirken. Es kann davon ausgegangen werden, dass die verfügbaren Informationen über Bedeutung und Stellenwert der Emotionen dafür bedeutsam sind.

Laut Hansen enthält die Wahrnehmung sozialer Diskriminierung dabei eine entlastende Komponente: man hat es nicht selbst verursacht. Dieser gegenüber steht allerdings eine belastende Komponente: man ist unveränderlich Teil einer gesellschaftlich diskriminierten Gruppe. Je stärker man sich mit dieser Gruppenzugehörigkeit identifiziert, um so weniger wütend werden aber die Opfer anscheinend auf sich selbst, dafür um so wütender auf die Täter, wenn die Diskriminierung als illegitim eingeschätzt wird.

Ein weiterer interessanter Punkt bezieht sich auf die Angst, die durch Diskriminierungserfahrungen entsteht. Je mehr sie auftreten, um so mehr werden sie auch für die Zukunft erwartet. Die Angst davor beeinflusst wiederum das Verhalten in zukünftigen Situationen. Da ängstliche Personen in der Regel mehr Schwierigkeiten haben, kommt es zu Leistungsminderungen. Innerhalb von Bildungskontexten hat das Auswirkungen auf Noten, Leistungen sowie den Umgang mit anderen und Institutionen.

Zurück zu Weihnachten. Mit einem besseren Überblick auch darüber was die Emotionen so betreiben, ist es einfacher zu widerstehen. Das erläutere ich jetzt nicht genauer. Nur so viel: es gibt noch viele andere Texte und eine Umbewertung durch Änderung von Einstellung, Perspektive oder Sichtweise hat einen Einfluss auf die bewertenden Emotionen.

Referenzen:

Ben-Ze’ev, A. (2013). Die Logik der Gefühle. Kritik der emotionalen Intelligenz (2. Aufl.). Frankfurt: Suhrkamp.

Hansen, N.(2009). Die Verarbeitung von Diskriminierung. In: Beelmann, A. & Jonas, K.J. (Hrsg.). Diskriminierung und Toleranz. Psychologische Grundlagen und Anwendungsperspektiven. Wiesbaden: Springer VS .

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: