Bildungsmäuschen

Startseite » Emotionen » Viele Fragen

Viele Fragen

Da mir die Texte, die ich im letzten Blogeintrag verlinkt habe, sehr aufschlussreich für das Thema Emotionen in Bildungskontexten erschienen, habe ich sie inzwischen intensiver durchgearbeitet. Ergebnis: 14 beidseitig beschriebene Blätter auf meinem Collegeblock.

Am Ende hatte ich den Eindruck, da sei jetzt eigentlich alles gesagt und ich hätte mir das letzte dreiviertel Jahr Recherche und Nachdenken sparen können. Frustrierend und hoffnungslos, denn worüber soll ich meine BA schreiben, wenn schon alles klar ist?

Zum Glück gibt es nie ein Ende. Und zum Glück gibt es die Reflexion. Auch die besten Texte und Zusammenfassungen haben Lücken. Oder noch besser, es gibt auch noch das Außerhalb-der-Box-Denken. Nachdem ich bereits in praktizierter Form darauf gestoßen war, flog mir der Begriff in der SWR-Comedy-Bühne Spätschicht zu (Anstöße für Erkenntnisse, also auch für Bildung, können überall her kommen).

Beide Texte nehmen Emotionen ernst und schätzen sie als bedeutungsvoll für schulisches Lernen ein. Die Schlussfolgerungen sind dabei differenziert, die erfassten Bereiche umfangreich. Das ist an meinem Interesse gemessen sehr positiv, jetzt kommt allerdings das ABER.

Gedacht wird innerhalb des bestehenden schulischen Systems. Es gibt dabei Verweise auf Einflüsse von außen, trotzdem bleiben die Ausführungen weitgehend auf den Ablauf von Unterricht einschließlich der Bewertungen des Lernerfolgs der Schüler ausgerichtet. Nach einem fast abgeschlossenen BA-Studium der Bildungswissenschaft erscheint mir das nicht ausreichend und zu losgelöst von wichtigen Einflussfaktoren auf die Emotionen von Schülern. Sozusagen entkernt und auf ein Maß reduziert, das nur offizielle Ansprüche widerspiegelt, aber nicht die ganze Bandbreite von Erscheinungen.

In der Einleitung zum englischsprachigen Text beschreibt Pekrun den Klassenraum als emotionalen Ort. Er unterteilt dabei in drei Bereiche, in denen Emotionen einen Effekt auf das Lernen haben.

  • Emotionen, die sich auf Lernen und Lerninhalte beziehen
  • Emotionen, die sich auf Personen beziehen
  • Emotionen, die von außen kommen

Bildungsarbeit sieht er als das Bemühen Menschen Handlungsfähigkeit und Mündigkeit zu ermöglichen.

Pekrun gibt an, dass er sich in seinem Text auf die Emotionen von Schülern in der Schule konzentriert. In Bezug auf Differenz betont er die Aspekte der Universalität aber auch der Einzigartigkeit von Emotionen. Innerhalb von Gruppen, mit denen er beispielsweise Ethnien, Geschlecht oder soziale Herkunft meint, sieht er größere Unterschiede als zwischen den Gruppen selbst und rät daher zu einer Vermeidung von Stereotypen und zu einem individuellen und gleichzeitig achtsamen Denken in Bezug auf jeden einzelnen Schüler.

Weitere von ihm erwähnte Aspekte sind die Nichtvergleichbarkeit von Fächern in Bezug auf die dabei auftretenden Emotionen bei der gleichen Person, als auch die Veränderlichkeit von Emotionen über den Zeitverlauf. Er verweist darauf achtsam gegenüber dem Auftreten von Emotionen zu sein.

In Bezug auf Selbstvertrauen und Emotionen konzentriert er sich ebenfalls auf den Einfluss individueller Faktoren und unterteilt dabei in

  • auf Genen basierend
  • auf physiologischen Prozessen basierend
  • durch frühe Lernerfahrungen bedingt
  • von persönlichen Werten ausgehend
  • vom cognitive appraisal ausgehend

Bei der Beschreibung der Regulierung von Emotionen ist es daher nicht notwendig auf einen unterschiedlichen Bedarf unterschiedlicher Gruppen zu verweisen, sondern er kann sich allein auf Methoden der Emotionsregulierung und deren Förderung für alle konzentrieren. Extrem negative auftretende Emotionen werden dabei in den Zuständigkeitsbereich der Psychotherapie verwiesen. Strukturelle und institutionelle Probleme finden keine Beachtung.

Im zehnten Abschnitt des Textes geht er allerdings auf Einflüsse ein, die von außen ins Klassenzimmer vordringen. Er unterteilt in

  • Familie und Peers
  • Schulorganisation
  • Gesellschaft

Als Problemfelder in Bezug auf Emotionen werden der Wettbewerb zwischen Schulen erkennbar als auch die frühe Zuordnung zu Schulen mit unterschiedlichem Leistungsniveau.

Bullying und Schikane bleiben in diesem Textteil, wie auch schon Emotionen und Selbstvertrauen zuvor, individuelle Erscheinungen gegen die vorgegangen werden muss, allerdings mit dem Hinweis verbunden, dass sich die individuelle Verbesserung sozialer Kompetenz von Mobbern und Schikanierern als unzureichend herausgestellt hat. Eine Verbesserung sozialer Kompetenz scheint die Situation eher zu verschlechtern. In diesem Fall wird nur die Einbeziehung der ganzen Schule (ich muss dabei an Formen wie Schule ohne Rassismus denken) als erfolgversprechend eingestuft.

Ganz sanft deutet sich am Ende noch weiteres Konfliktpotential an: die Beachtung von Schulorganisation, Schulleitung und Schulsystem soll dabei helfen Möglichkeiten und Begrenzungen des Handelns zu erkennen. Gekoppelt mit dem sanften Hinweis, dass es in Zeiten schneller Veränderungen zu Ergebnissen führen kann, wenn die eigene Stimme erhoben wir, um auf Problematiken hinzuweisen.

Zustimmen kann ich nach meinen Recherchen den Schlussfolgerungen,

  • dass in Lernzusammenhängen viele Emotionen auftreten,
  • dass diese komplexe Effekte haben,
  • dass sie Kernelemente von Schüleridentität und Wohlergehen sind,
  • dass positive, also als angenehm wahrgenommene Emotionen, nicht immer gut für das Lernen sind,
  • als auch dass negative, also als unangenehm wahrgenommene Emotionen, nicht immer schlecht dafür sind,
  • und dass Lehrende Schüleremotionen beachten sollten (allerdings auch die eigenen).
  • Tendenziell lässt sich allerdings durchaus sagen, dass positive Emotionen einen positiven Effekt für das Lernen haben und negative einen negativen. (Nicht erwähnt wird von Pekrun, dass Vereinfachungen in diesem Fall sehr fatale Wirkungen haben können.)

Nach einer genaueren Beschäftigung mit dem Text fehlt mir zu viel von dem was für mich bedeutsam ist, während der Text selbst auf mich wirkt, als seien doch eigentlich alle Problematiken im Griff. Mich selbst nehme ich durch den Text als ausgegrenzt wahr. Mir fehlen mindestens die Aspekte der Formung von Emotionen durch die soziale Umwelt gerade auch von außerhalb des Klassenzimmers, kurz, mir fehlt vor allem die Berücksichtigung soziologischer Aspekte.

Zu berücksichtigen ist hier, dass es sich um einen der pädagogischen Psychologie zuzuordnenden Text handelt, der zudem Emotionen individualisiert, obwohl er kausale Zusammenhänge für spezifische Situationen formuliert. Schulische Situationen sind aber keine natürlichen, sondern gesellschaftlich geformte Zusammenhänge.

Der Text weist durchaus mit der Absicht der Verbesserung darauf hin, dass in schulischen Struktur verwendete Praktiken zu typischen Emotionen führen. Beispielsweise gibt es bei sozial vergleichender Benotungen Gewinner als auch Verlierer. Die emotionalen Folgen für die Gewinner sind dabei günstig, während sie für die Verlierer ungünstig sind. Im schulischen System erzeugte Emotionen stehen dabei in einem unmittelbaren Kontext mit der umgebenden Gesellschaft, ihren Werten und auch der Reproduktion von Ungleichheit.

Zurück zu dem Außerhalb-der-Box-Denken. Dieser Text kesselt mein Denken ein. Er erlaubt nur ein Denken innerhalb eines bestehenden Systems, aber nicht darüber hinaus. Er setzt Bestehendes als grundsätzlich richtig an und sät keine Zweifel. Trotz aller Hinwendung, die Emotionen erfahren, sind sie doch weiterhin nur zu gestaltende Begleiterscheinungen, die nutzen und nicht stören sollen. Für mich sind sie wie ein Tiger, dem man die Zähne gezogen und die Beine gebrochen hat. Zahm gemacht um wunschgemäß zu funktionieren.

Für mich ist das vergeudetes Potential. Und gefährlich. Was geschieht wenn es nicht funktioniert? Berechtigte Auflehnung – ab in die Therapie? Negative Emotionen – nur ein Methodenproblem oder individuelles Defizit?

Hervorgehend aus meinem Exkurs dazu wie sich Diskriminierung anfühlt, habe ich Zuordnungen vorgenommen wie auf begleitende Emotionen reagiert werden könnte.

  • Unsicherheit – Sicherheit erhöhen
  • Depression – positives Emotionserleben fördern, Achtsamkeit auf andere Bereiche umlenken
  • Angst vor Zurückweisung – Respekt, Akzeptanz
  • Wut – Entschuldigung, Verbesserungsmaßnahmen, Änderungen

Insgesamt bleibt für mich allerdings der Eindruck, dass ich in der von Pekrun vorgeschlagenen Form nicht denken kann. Ich kann sie auch nicht mit den mir fehlenden Teile ergänzen. Auch wenn er sehr nachvollziehbar darstellt weshalb positive Emotionen nicht immer einen positiven Lerneffekt haben und negative nicht immer einen negativen, so reicht das mir noch nicht für meinen Erkenntnisbedarf.

Ich denke eher in Richtung eines emotionalen Raums in Form einer emotionalen Konstruktion der eigenen Geschichte und Weltwahrnehmung in dem sich jedes Individuum befindet. Emotionen sind dabei der Ausdruck dieser Weltwahrnehmung und damit Informationsquellen ähnlicher Form wie Gedanken. Sie bilden Einschätzungen ab und geben Lerninhalten Bedeutung. Sie sind zwar individuell, basieren aber auf einem Menschen als biologischer Art gemeinsamen Potential. Bei ähnlichen Einflüssen auch sozialer Art kommt es zu ähnlichen Zusammenstellungen von Emotionen. In dieser Weise produzieren ähnliche schulische Situationen auch ähnliche Emotionen. Dadurch ergibt sich die Nachvollziehbarkeit für andere.

Emotionen stehen dabei auch in einem engen Zusammenhang mit Normalitätsvorstellungen und -wahrnehmung. Nach Ben-Ze’ev (2009, S.13) können Emotionen als Reaktionen auf bedeutsame wahrgenommene Veränderungen verstanden werden. Solange nicht etwas besondere Aufmerksamkeit auf sich zieht, entstehen nicht in besonderer Weise Emotionen. Es bleibt bei dem was von Damasio (2006, S. 207) als Hintergrundempfindungen bezeichnet wird.

In seinem Text selbst liefert Pekrun keine Definition dafür was Emotionen für ihn sind. Im Text verstreut finden sich Bezugnahmen auf Emotionstheorien, die ich allerdings nicht zusammengefasst habe. Es ist einer der Texte, die davon ausgehen, dass den Lesenden bekannt ist wovon die Rede ist. In der Regel greifen diejenigen dann auf ihre von ihrem Alltags- oder Fachwissen geprägten impliziten Vorstellungen zurück. Für einen Erkenntnisgewinn ist das nicht unproblematisch.

Als Schlussfolgerung ergibt sich für mich an diesem Punkt, dass es für eine bessere Einschätzung der mit diesem Text verbundenen Problematiken günstiger wäre, erst einmal auf die Vorstellungen des Autors zu dem was Emotionen sind zurückzugreifen. Möglicherweise lässt sich schon an dem Punkt erkennen, ob das was mir fehlt mit einer unterschiedlichen Vorstellung davon, was Emotionen sind, erklären lässt. Möglicherweise handelt es sich aber auch vor allem um einen anderen Blickwinkel der Weltwahrnehmung.

Referenzen:

Ben-Ze’ev, A. (2013). Die Logik der Gefühle. Kritik der emotionalen Intelligenz (2. Aufl.). Frankfurt: Suhrkamp.

Damasio, A. R. (2004). Descartes’ Irrtum. Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn. Berlin: List.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: