Bildungsmäuschen

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Emotionen und Normalitätsvorstellungen

Etwas in unseren Erklärungen der Welt ist verdreht.

In der UniBib sitzt ein Mann auf dem Platz der Aufsicht, der mich beim Hereinkommen freundlich mit „Guten Morgen“ begrüßt. Ich bin verwirrt, denn mein Tag war schon so lang, dass mir der Gruß nicht mehr passend erscheint. Ein kurzer Blick auf die Uhr. Ja, es ist noch vor 12. Ich bin jetzt achtsamer als vorher. Meine Karte passt nicht in den Rückgabeautomat, der Schlitz ist verklebt. „Ist der Automat kaputt?“, frage ich den Mann spontan, der mich so freundlich begrüßt hat. „Nein, nein. Für die Abgabe brauchen wir die Karte doch nicht.“

Scham, Peinlichkeit. Schnell antworte ich: „Ach ja, das stimmt!“ Es ist gelogen. Ich wusste es nicht, versuche aber in dem Moment ein anderes Bild von mir zu erzeugen. Ich bin nicht unwissend. Ich erwische für einen kurzen Moment die Angst wegen meines Alters für unfähig erklärt zu werden, sinnvoll mit technischem Geräten umgehen zu können. In dieser Situation ohne äußeren Anlass.

Ich beobachte Automatismen und wundere mich. In mir haben sich Reaktionsketten aus Emotionen und Gedanken abgespult. Schnell. Meisten bekomme ich das gar nicht mit.

Ich stehe hinter einer Türe und beobachte eine Situation. Ich habe dabei ausgesprochen unangenehme Empfindungen in meinem Körper, die ich gerne wieder los wäre. Die Situation, die ich beobachte, steht in einem direkten Zusammenhang zu erlebten Ausgrenzungserfahrungen. Auch wenn ich in der Situation sehr genau mitbekomme was vor sich geht und wo es herkommt, ich also eine gewisse Kontrolle darüber habe, fühle ich mich eine ganze Weile schlecht.

Ich erwische nur wenige Situationen, womit ich meine, dass ich in der Situation selbst beobachten kann, wie sich Reaktionsketten entwickeln und welche Ursachen sie haben. Ich gehe allerdings davon aus, dass sie fortwährend da sind.

Welche Rolle spielen Emotionen also für Lernen und Bildung? Und für die Inhalte, die tatsächlich gelernt werden? Durch eine Facebookgruppe lande ich noch einmal bei Precht. Es geht hier unter anderem um  Kritik an Normalitätsvorstellungen, was aber nicht so bezeichnet wird. Welche Rolle spielen Emotionen dabei? Beispielsweise Ängste, dass der Nachwuchs schlecht ausgebildet wird, auftretend in Form von unangenehmen Empfindungen und Unsicherheit bei ungewohnten Formen, denn können die ausreichendes Lernen oder ausreichende Überprüfbarkeit sichern? Oder Lenkungen von Schülerverhalten durch die Erzeugung von Ängsten oder Scham, was als eine Begleiterscheinung von Schule betrachtet wird, die es schon „immer“ gab, und die daher als normal und nützlich hingenommen werden?

In ihrer Vorlesung im Rahmen der Informationspädagogik geht auch Grell implizit auf Normalitätsvorstellungen ein, allerdings ebenfalls nicht auf Emotionen. Sie zitiert Douglas Adams, dass das, was man bei seiner Geburt vorfindet normal ist, was zwischen Geburt und dem 35.Lebensjahr erfunden wird ist aufregend und kreativ und was danach erfunden wird verstößt gegen die natürliche Ordnung und bedeutet das Ende der bekannten Zivilisation. Ich gehe davon aus, dass diese Bewertungen immer mit Emotionen verbunden sind.

Ich kann mich noch gut an die Zeiten erinnern, als diejenigen, die sich mit Rechnern beschäftigt haben, unter Generalverdacht standen und ausgesprochen misstrauisch beobachtet wurden. Und jetzt? Nicht über ein Smartphone zu verfügen bedeutet der Minderheit anzugehören. Die Entwicklung ging dabei extrem schnell, darauf weist auch Grell hin. In der Zeit ihrer Großmutter wurde Mädchen das Lesen noch als unproduktiv untersagt. Sie sollten besser sticken und stricken. Danach wurde das Buch positiv besetzt und ist es bis heute, aber der Umgang von Kindern mit Rechnern wurde erst einmal als negativ bzw. unpassend eingestuft.

Einschätzungen und Bewertungen sind mit Emotionen verknüpft. Du bist schwarz – dann bist du musikalisch. Du bist eine Frau – dann bist du emotionaler als ein Mann. Du hast keine Ausbildung – dann beherrscht du das was du tust nicht. Vorurteile fühlen sich an. Angenehme Emotionen bei Passung mit dem Vorurteil, unangenehme bei Abweichung. Die Generation der Großmutter war beim Anblick eines unproduktiv lesenden Mädchens mit unangenehmen Emotion konfrontiert, die zu einem sofortigen Eingreifen aufforderten. Mit den besten Absichten.

Die 90er bis in die 2000er hinein stellten Computerspieler unter den Generalverdacht Killerspieler und sozial inkompetente unproduktive Nerds zu sein, bei deren Anblick unangenehme Emotionen auftraten, die ein Intervenieren oder zumindest Ausgrenzen als Reaktion nahe legten. Mein Kind könnte angesteckt werden oder es könnte mit diesen Kindern in einen Topf gesteckt werden, deshalb sorge ich besser dafür, dass es nicht mit dem Kind zweifelhafter Herkunft oder Tätigkeit spielt. Auch da spielen Emotionen als Motivatoren eine Rolle.

Kinder lernen dass Hausaufgaben wichtig sind. Nicht weil sie tatsächlich wichtig sind, sondern weil die Schule sie dazu erklärt. Weil sie von Beginn an darin eingeübt werden mit dieser Anforderung zurecht zu kommen. Auch wenn es mühsam ist, schmerzt und viel Zeit dabei verbraucht wird, in der wesentlich interessantere Dinge getan und gelernt werden könnten. Als Erwachsene denken sie noch immer, dass Hausaufgaben ein unverzichtbarer Bestandteil von Schule sein müssen. Keine Hausaufgaben? Das kann nicht sein. Das fühlt sich falsch an. Da entstehen Ängste. Lernen war für sie mühsam und anstrengend? Es kann nicht sein, dass Kinder nur mit Freude lernen. Das fühlt sich falsch an. Lernen muss hart sein und da müssen jetzt auch ihre Kinder durch, um zu beweisen, dass sie einen Platz auf den vorderen Rängen verdient haben. Und ja, auch ein System mit hierarchischen Rängen ist emotional getaggt, so dass das eigene Kind gute Noten haben muss und auf die weiterführende Schule zu gehen hat. Und selbstverständlich ist auch ein gegliedertes Schulsystem emotional getaggt. Und dann wird alles in Bewegung gesetzt, um aus den unangenehmen Emotionen heraus und zu angenehmen Emotionen zu gelangen.

Es können völlig andere Beispiele gewählt werden. Auch warum es bei anderem emotionalen Tagging zu anderen Reaktionen und damit zu anderen Verhaltensweisen kommt. Ich habe das mir Vertraute benutzt. Es geht dabei nicht darum was in der Praxis richtig oder falsch, sinnvoll oder unsinnig ist. Es geht darum wie Wahrnehmung auf Verhalten wirkt und wie Emotionen dabei mitwirken. Völlig konträre Dinge können von unterschiedlichen Personen emotional positiv oder negativ getaggt sein (Pekrun definiert positive Emotionen als Emotionen, die als erfreulich erfahren werden, und negative als die, die als unerfreulich erfahren werden). Schule, Bildung, Lernen erzeugen diese Verknüpfungen mit Emotionen. Mit teilweise sehr ausdauernden Wirkungen. In manchen Fällen ein Leben lang.

Wir verfügen über ein weites emotionales Erleben. Wenn wir uns bemühen, können wir unsere eigene Geschichte anhand dessen erzählen, wie wir uns zu bestimmten Zeiten gefühlt haben, welche Emotionen bestimmend waren, welche Emotionen sich miteinander zu komplexen Gebilden verbunden haben. Unser Lernen wurde davon begleitet. Unsere Interessen, unsere Vorlieben, unsere Abneigungen, unsere Erfolge, unser Scheitern. Unsere Haltung zu Dingen, zu Menschen, zu Situationen, zu Ordnungssystemen, zu Welterklärungen.

Es ist da und wir haben das Recht es vor anderen zu verschweigen. Auch das findet sich bei Pekrun im ersten Abschnitt zum Verstehen von Emotionen. Für mich ist es das gleiche Prinzip, das auch für Gedanken gilt. Weder Emotionen noch Gedanken müssen anderen mitgeteilt werden, wenn es die Person nicht möchte. Manches möchte man nur mit Vertrauten teilen. Allerdings sollten wir uns selbst über unsere Emotionen und Gedanken durchaus im Klaren sein. Und hier gilt auch, dass wir das Recht haben alles zu denken und alles zu empfinden. Ich spiele dabei auf Vorstellungen an, dass ein Mensch nur als gut gelten kann, wenn bestimmte Emotionen und Gedanken überhaupt nicht auftreten. Um als „guter“ Mensch zu gelten ist es daher notwendig bestimmte Gedanken und Emotionen von vornherein zu unterdrücken oder ihre Existenz zu ignorieren.

Am Schluss zurück zum ersten Satz. Ich ringe darum Einflüsse und ihre Wirkungsweise zu verstehen, die in meinen Augen unzureichend benannt werden. Dahinter stehen Traditionen wie mit Emotionen verfahren wurde von denen ich mich nicht loslösen kann. Innerhalb der Gepflogenheiten versuche ich außerhalb der Gepflogenheiten zu denken, was mir kaum gelingt. So bleibt bisher alles nur der Versuch einer unzureichenden Annäherung an etwas, das ich als weniger verdreht und zutreffender einstufen kann.

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