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Organisationsstruktur offener Ganztagsschulen

In einer Veranstaltung ihrer aktuell laufenden Vorlesungsreihe zur Informationspädagogik, an anderen Orten als Medienpädagogik bezeichnet, weist Grell darauf hin, dass es sinnvoll ist einerseits auf das zu achten was sich tatsächlich ändert, andererseits darauf zu achten was sich in den ganzen Änderungen eben nicht ändert. Sie bezieht es auf die Nutzung der momentan noch neuen Medien, das Prinzip ist aber generell für Veränderungsprozesse anwendbar.

Da ich seit Jahren mit den Veränderungsprozessen in der Organisation von Schulen konfrontiert bin, die für mich viele Fragen aufgeworfen haben, liegt es nahe diesen Gedankengang darauf anzuwenden. Dabei fällt auf, dass sich bei der Form offener Ganztagsschulen gerade bei Grundschulen eigentlich sehr wenig an der traditionellen Organisationsform von Schule ändert.

Die offene Form ermöglicht es weiterhin, dass Kinder im Verlauf des Vormittags bzw. am Mittag nach dem Unterrichtsende die Schule verlassen. Das erweiterte Programm verlagert dabei die Aufgaben, die vorher allein bei den Familien lagen, für diejenigen die nicht sofort nach Unterrichtsende nach Hause gehen, in die Schule. Das umfasst Essen, Hausaufgaben oder ähnliche Formen des Übens, Betreuung, Freizeitangebote und möglicherweise Vereinsangebote oder Interessensgruppen, die vorher vielleicht sogar an anderen Orten stattgefunden haben.

Offene Ganztagsschulen bedeuten einen beträchtlichen Mehraufwand für Organisation, Finanzierung und Zeitabdeckung, so dass sich für die darin Arbeitenden bedeutende Änderungen ergeben. Dabei kann aus dem Blick geraten, dass sich die eigentliche Struktur nicht ändert. Schule kann in offenen Ganztagsschulen noch in genau der gleichen Form stattfinden wie zuvor, und Vormittags- und Nachmittagsangebot müssen nicht aufeinander abgestimmt sein. Das Nachmittagsangebot kann auch von gänzlich anderen Personenkreisen durchgeführt werden wie das Vormittagsangebot.

Ich will an dieser Stelle nicht auf damit verbundene Problematiken oder verpasste Chancen eingehen. Ich finde es nur ausgesprochen bemerkenswert festzustellen, dass sich innerhalb gravierender Veränderungen letztlich kaum etwas ändern muss. Aus einer zeitlichen Erweiterung allein entsteht keine andere  Form der Schule.

Diese Erkenntnis scheint simpel und ist für mich nichts wirklich Neues, bedeutsam für eine bessere Einschätzung und Beurteilung ist allerdings nicht die Veränderungen zu betrachten, sondern die Nicht-Veränderung. Offener Ganztag kann bedeuten, dass Schule zwar auf neue gesellschaftliche Anforderungen reagiert, dabei aber letztlich ihre traditionelle Form aufrecht erhält, auch wenn das auf den ersten Blick nicht so scheinen mag. Wichtig ist für mich dabei, dass ich letztlich nichts anderes vorfinde als zuvor, auch wenn es auf den ersten Blick wie etwas Neues erscheinen mag.

In dem Kontext interessant auch ein Beitrag von gestern zu dem regelmäßig auftretenden Thema der Sinnhaftigkeit von Hausaufgaben, gerade eben aus meinen Feeds gefischt.

Was für ein wunderbares Beharrungsvermögen oder nach Niklas Luhmann formuliert, was für ein wundersames autopoietisch-selbstreferentielles System. Oder noch anders: welche Macht Normalitätsvorstellungen doch haben.

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2 Kommentare

  1. rarospirit sagt:

    Die Ursache, dafür dass sich eigentlich nichts durch die Ganztagesschule ändert, liegt darin, dass sie nicht eingeführt wurde, um für die Kinder etwas zu bewirken, sondern, um die Eltern dieser Kinder für die Wirtschaft zeitlich flexibler zu machen. Es geht also nich direkt um das Wohl der Kinder, sondern um das Wohl der Wirtschaft.

  2. amirabai sagt:

    Danke für den Kommentar!
    In meinen Augen ist es viel banaler. Es handelt sich wesentlich stärker um eine reine Reaktionsform auf gesellschaftliche Veränderungsprozesse. Meine Erfahrungen beziehen sich dabei allerdings primär auf die Situation in Hessen.
    Die offene Ganztagsgrundschule ist dort beispielsweise eine Fortsetzung der betreuten Grundschulen, die bereits in den 80ern an einzelnen Standorten eingerichtet wurden, um primär arbeitenden Müttern eine VERLÄSSLICHE Zeit der Kinder in der Schule bis zum Mittag anbieten zu können. Dadurch wurden durchaus auch an anderen Stellen Sozialleistungen eingespart, da die begrenzten Plätze nach sozialen Kriterien vergeben wurden. Der nächste Schritt war dann Unterrichtsgarantie plus für alle.
    Es ging auch dabei u.a. um eine Verlässlichkeit der Anwesenheit in der Schule, um der zunehmenden Anzahl von arbeitenden Müttern eine kostengünstige und unkomplizierte Unterbringung ihrer Kinder in der erwarteten Schulzeit zu ermöglichen. Es war durch die Veränderung der Gesellschaft eben niemand mehr zuhause, wenn die Kinder wegen Stundenausfall früher heim geschickt wurden.
    Genau davon ist die offene Ganztagsschule eine Fortführung und reiht sich ein in die Zunahme von Kitas mit ganztägigem Angebot, deren Hauptaktivitäten aber auf den Vormittag konzentriert sind.
    Flexibilisierung sehe ich weniger als Hintergrund, sondern die Zunahme von Alleinerziehenden und die Abnahme von Hausfrauenehen.
    Genau aus diesem Grund sind es ja auch die Aufgaben, die traditionell den Familien zugefallen sind, die jetzt das zusätzliche Angebot ausmachen, wie Essen, Hausaufgaben, Freizeitaktivitäten. Bei dieser Organisationsform können auch gut parallel traditionelle und neue Lebensformen bedient werden.
    Ein weiterer Hinweis: In den Betreuungen in meinem Landkreis arbeiten nach wie vor ausgesprochen viele Frauen, deren primäre Qualifikation für die Tätigkeit ist, dass sie als Mütter Erfahrungen mit der Erziehung von Kindern haben. Sie übernehmen die Mutteraufgaben.
    Ich würde also durchaus sagen, es geht weder um das Wohl der Wirtschaft, noch das Wohl der Kinder oder der Eltern oder der Arbeitskräfte, sondern vor allem darum die Sache am Laufen zu halten. Auch nach Kriterien was möglichst kostengünstig durchführbar ist.
    Die hessische Landesregierung verfolgt dabei in gewisser Weise ein Nicht-Konzept. Es gibt momentan nur minimale Vorgaben für offene Ganztagsschulen, die Schulen erhalten sehr viel Freizügigkeit wie sie den Ganztag gestalten. An dieser Stelle kann man dann durchaus von Flexibilisierung sprechen und auch den Begriff Zumutung, in Bezug auf die Aufgaben der Organisierenden, auf den Tisch bringen.
    Ich denke, das für mich Bedeutsame, das mich zu diesem Beitrag motiviert hat, ist, dass in den Strukturen die grundlegende Ausrichtung erkennbar wird, die durch die permanenten Veränderungen manchmal nicht mehr sichtbar ist.
    Von Seiten der Landesregierung heißt es im Prinzip, nun macht doch mal so wie ihr wollt. Nutzt was ihr bekommen könnt, seid kreativ, nutzt die regionalen Ressourcen, alles ist möglich. Ihr seid eigenständig, informiert euch über best practice bei anderen, kopiert gut funktionierende Modelle.
    Aber was kommt dabei heraus? Welche Vorstellungen setzen sich durch? Welche sind mit den vorhandenen Ressourcen überhaupt realisierbar?
    Es wird ausprobiert, experimentiert, kopiert, ständig verändert. Alles scheint im Fluss, vieles möglich. Und genau in dieser Situation ist das von Interesse worüber ich geschrieben habe. Was ändert sich eben nicht. Darin drücken sich dann die nicht unbedingt direkt geäußerten, vielleicht noch nicht einmal bewussten Vorstellungen der Agierenden aus und was ohne Widerstand durchsetzbar ist.
    Es gibt nur minimale Standards und Vorgaben und was verwirklicht sich? Letztlich die alten Vorstellungen wie Schule sein soll. Die alte Schule in modernisiertem Gewand.
    Es ist ein Informationsgewinn unter die bunte Kleidung zu schauen.

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