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Emotionen als Anzeigetafel

Vor kurzem habe ich versucht die Position von Emotionen in Verarbeitungsprozessen durch eine große Anzeigetafel zu visualisieren. Es ist nur ein Hilfsmittel um meine momentanen Vorstellungen zusammenzufassen, das ich in dieser Form voraussichtlich aber nicht dauerhaft beibehalten werde.

Visualisierungen sind zusammenfassende Bilder. Die vorgestellte Anzeigetafel ist groß und voller farbiger Lämpchen, die in unterschiedlichsten Kombinationen, Stärken und Rhythmen aufleuchten können. Das sind die Emotionen. Wir sind dabei nicht mit einem Wissen über die Bedeutung der vielfältigen Kombinationen ausgestattet, sondern müssen erst lernen, was diese im einzelnen bedeuten.

Die Anzeigetafel hat Schalter, mit denen man Lichter an und abschalten, verstärken und dimmen kann, ohne sich damit zu beschäftigen wodurch sie ausgelöst wurden. Auf diese Weise lassen sich auf der Anzeigetafel direkt mehr oder weniger die Licht-Bilder erzeugen, die gewünscht sind. Beispiele für Eingriffe an dieser Stelle sind Arzneien, Drogen oder Meditations- und Entspannungstechniken.

Die eigentliche Aufgabe der Anzeigetafel ist es allerdings über Zustände und deren Bedeutsamkeit zu informieren. Spontan habe ich dafür physische, psychische und soziale Zustände bestimmt. Ich habe mich auch nach der Zuordnung mentaler Prozesse gefragt, wollte diese aber, ohne eine Begründung dafür geben zu können, nicht einbeziehen. Möglicherweise ist es eine Problematik unterschiedlicher Systematisierung. Die Anzeigetafel gibt Veränderungen in Zuständen an, mentale Prozesse wären als Prozesse dann schon Veränderungen.

Die Anzeigetafel zeigt also an, wenn sich physisch, psychisch oder sozial etwas für das Individuum verändert. Ich benutze dafür Vorstellungen von Aaron Ben-Ze’ev zu Emotionen. Die Einschätzung der Veränderung wird durch die unterschiedlichen Lämpchen symbolisiert und bezieht sich auf Abweichungen von einem angenommenen Normalzustand.

Noch einmal zur Erinnerung, dies ist nur ein Hilfsmittel zum Denken, keine Abbildung der Abläufe selbst. Es ist nur eine Repräsentation.

Die Anzeigetafel ermöglicht es, wie beschrieben, die Anzeige selbst zu ändern, ohne in das einzugreifen, was zum Aufleuchten der Anzeigen geführt hat. Die Anzeigetafel ermöglicht es allerdings auch verschiedene Einflussfaktoren abzulesen und dann diese Einflussfaktoren selbst zu ändern, wenn sie sich ändern lassen. Die Anzeigetafel kann dabei durchaus sehr komplexe und widersprüchliche Informationen liefern. Es können auch immer wieder neue, noch nicht bekannte und identifizierbare Informationen abgebildet werden. Im Zeitverlauf kann es zu Automatismen im Umgang mit den Lichtkombinationen kommen, oder es ist möglich zu lernen einfach abzuwarten bis sich die Anzeigen wieder ändern. Da Emotionen sehr kurzlebige Erscheinungen sind, geschieht das früher oder später.

Das Entscheidende ist dabei für mich, dass es sich um eine Anzeigetafel handelt, also eine Informationsquelle. Nachgeordnet bedeutsam ist, dass der Umgang damit erlernt wird. Das schließt Automatismen und deren Verfestigung als auch den Einfluss gesellschaftlicher Gepflogenheiten ein.

Die Verwendung des Vorstellungsbildes ist momentan für mich sehr hilfreich. Ich streife durch Erinnerungen zeitlich naher und ferner Begebenheiten, durch alles Erinnerungsmaterial das spontan auftaucht. Es ist Winter, die Nächte sind lang, es sind Ferien, die Verpflichtungen sind reduziert. Es ist eine gute Zeit zum Nachdenken und um auf andere Aspekte bei den Erinnerungen und auftretenden Vorstellungen zu achten. Die Konzentration auf Emotionen ist dabei ein sehr fruchtbarer Aspekt. Überall sind sie beteiligt.

Mal ein Beispiel. Ich bin seit etlichen Jahren ein Romanheftchenfan. Alle zwei Wochen gibt es eine Fortsetzung und ich bin darum bemüht sofort an dem Tag zum Kiosk zu gehen, an dem sie ausgelegt werden. Bei uns ist das Samstag, daher hat es sich letzte Woche verschoben. Aus Erfahrung weiß ich, dass der neue Termin nach Feiertagen nicht der Montag, sondern der Dienstag ist. Heute ist dieser Dienstag, also drängt es mich bereits zum Kiosk.

Als ich die Emotionen, die dabei auftreten, genauer betrachte, fällt mir auf, dass sich hier etwas automatisiert hat. Vor vielen Jahren ist es einige Male passiert, dass alle Romanheftchen ausverkauft waren, wenn ich nicht am ersten Tag da war. Heute trifft das nicht mehr zu, man bekommt noch Heftchen solange bis die neuen ausgelegt werden. Außerdem gibt es noch Verkaufsstellen in Nachbarorten und im Netz ist inzwischen eine digitale Version verfügbar. Zusätzlich hat sich die Geschichte im Heftchen selbst inzwischen in eine Richtung bewegt, die mir nicht mehr so richtig zusagt. Ich bin also gar nicht mehr so wild aufs Weiterlesen wie früher. Was soll also der Druck zum Kiosk rennen zu müssen, um das Heftchen zu besorgen?

Es sind tatsächlich Emotionen, die vor langer Zeit entstanden sind und dazu dienten sicherzustellen, dass ich mein Heftchen auch regelmäßig bekam. Und auch wenn sich die Situation wesentlich geändert hat, sind sie immer noch wirkmächtig. Jeden zweiten Samstag leuchtet auf meiner Anzeigetafel eine bestimmte Kombination von Lämpchen, also Emotionen, auf und veranlasst mich zum Handeln. Gegensteuern ist schwierig. Unruhe, Angst und Erregungszustand verschwinden aber sofort, wenn ich mein Heftchen in der Hand halte. Es muss natürlich das gedruckte sein, das mit dem bunten Titelbild, das digitale geht nicht, das fühlt sich minderwertig an.

Ein banales Beispiel, ja, aber so funktioniert es. Auch mit Weihnachten oder mit Hausaufgaben. Ein Begriff, den ich dafür mag, ist der des emotionalen Taggings. Wirkmächtig drängen Emotionen dazu etwas in einer bestimmten Weise zu tun, wahrzunehmen oder einzuschätzen. Schon allein das ist ein guter Grund darauf zu achten was auf der Ebene der Emotionen so vor sich geht. Verhalten und Einschätzung lassen sich nur schwer ändern, wenn sich die Emotionen nicht ändern. Und wir Erwachsene fungieren als Modelle für die Kinder und geben auf diese Weise unser emotionales Tagging durchaus auch weiter.

Ausgesprochen interessant wird es dann, wenn es um das emotionale Tagging von Emotionskontrolle geht. Wenn es sich falsch oder richtig, hoch- oder minderwertig anfühlt wie mit Emotionen verfahren wird. Emotionen bewerten sich dabei selbst durch Emotionen. Eine Herausforderung für die Logik des Denkens.

Zum Schluss noch einmal der Bezug zur Bildung und zum Bildungsauftrag durch ein Beispiel. Werbung setzt verstärkt auf Emotionen und die Erzeugung emotionalen Taggings. Der mündige Mensch benötigt Wissen darüber wie es funktioniert, um Manipulationen in geringerem Maß ausgesetzt zu sein und Wirkungsweisen zu verstehen. Soziale und gesellschaftliche Gepflogenheiten sind ebenso mit Emotionen verbunden. Was sich richtig oder falsch anfühlt, muss aber noch lange nicht in der Form richtig oder falsch sein wie es die Emotionen nahe legen. Die Anzeigetafel zeigt etwas an, ja, aber wir müssen erst lernen sie in einer angemessenen Form zu lesen und die Informationen in sinnvoller Weise zu interpretieren und mit ihnen umzugehen und das müssen wir dann auch fortdauernd auf Aktualität überprüfen. Das zu tun ist auch sinnvoll innerhalb eines Systems, das sich selbst unter Mithilfe von emotionalem Tagging reproduziert, und zwar spätestens dann, wenn es notwendig wird Dinge zu ändern und anders als bisher zu tun.

Emotionen sind keine Selbstverständlichkeiten und kein Nebenbeikram. Sie sind bedeutungsvoll, gleichzeitig sollte man sie aber nicht zu ernst nehmen. Sie sind Informationsquellen, die sinnvoll, aber auch unsinnig sein können. In jedem Fall erfordern sie jedoch Berücksichtigung, Beachtung und Kenntnisse, da sie sich sehr wirkungsvoll bemerkbar machen können.

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