Bildungsmäuschen

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Die emotionale Absicherung von Normalitätsvorstellungen

Feste, Gäste und Geschenke. Ich lasse mich von ihnen durcheinander bringen und lande bei der emotionalen Absicherung der Vorstellungen von Normalität. Ich finde einen passenden Beitrag bei Facebook, zu dem ich einen Kommentar schreibe.

Ich muss da ganz zaghaft was zu dem Kaffee trinken gehen anmerken. Ich habe kürzlich Tee mit Menschen getrunken, in deren Normalitätsvorstellungen es hoch- und minderwertige Menschen gibt, so dass bestimmten Menschen daher auch bestimmte Positionen in der Gesellschaft zustehen (oder eben nicht). Als Bildungsverweigerer würde ich sie nicht bezeichnen, und wenn ich ihnen vermittele, dass ich bestimmte Äußerungen für rassistisch halte oder als nicht konform mit unserer Verfassung, dann passen sie sich mir zuliebe auch durchaus daran an. Ein Beobachtung, die ich schon einige Male gemacht habe, seitdem ich bestimmte Argumente gezielt angreife.
Was du schreibst finde ich gut gemeint, aber zu einfach. Gerade gestern habe ich beim Links verfolgen einen Beitrag von Iman Attia gelesen, der sich auch auf strukturellen Rassismus bezieht. Mal ein Zitat daraus:
„Rassismus ist strukturell in modernen Gesellschaften verankert und diskursiv mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Wissensformationen verwoben. Insofern erkennen viele Menschen nicht, dass das, was sie sagen, in rassistische Diskurse verstrickt ist. Sie hören von klein auf, dass es verschiedene Kulturstufen gibt, sie ganz oben stehen, der Orient finster ist, Muslime ihre Frauen unterdrücken, sie haben Karl May und die Märchen aus 1001 Nacht gelesen, Fernsehreportagen gehört, über Witze gelacht, sind gewarnt geworden, als Frauen alleine in arabische Länder zu reisen etc. Insofern ist es kein Wunder, dass sie all dieses vermeintliche Wissen übernommen haben und von sich geben.“
http://www.nachdenkseiten.de/?p=25656
Dieses Wissen sitzt fest und hat sich außerdem mit kleinsten Details verbunden und wird als ganz normale und zutreffende Abbildung der Wirklichkeit wahrgenommen. Und diese Wahrnehmung ist zusätzlich emotional abgesichert, d.h. das Wissen wird auch als wahr und zutreffend EMPFUNDEN. Da aber auch erinnerte Emotionen unmittelbar im Augenblick erlebt werden, gibt es eine Neigung sie als authentisch zu betrachten. Aus dieser Authentizitätsvorstellung wiederum ergibt sich die Schlussfolgerung, dass sie auch zuverlässig seien. Und daraus ergibt sich dann das berüchtigte aber-Argument. „Ja, sehe ich alles ein, aber …“ und dann kommt letztlich eine Begründung, die ihre Wurzeln in der emotionalen Konstruktion von Wirklichkeit hat.
Es ist also auch Wissen notwendig mit dem man diese Ebene betrachten kann, also welche Emotionen mit der Wahrnehmung von Wirklichkeit verbunden sind.
Ob sich meine Verwandten (mit denen habe ich Tee getrunken) aus Zuneigung oder um des lieben Friedens willen an meine Argumentation anpassen oder ob sie meine Argumentation abwehren, indem sie mich und damit meine Argumentation abwerten oder marginalisieren (oder umgekehrt, erst die Argumentation, dann mich), in allen Fällen kann ich keine tatsächliche Änderung ihrer Haltung erreichen, wenn ihnen Emotionen fortwährend vermitteln, dass Ungleichheit als Ungleichwertigkeit in Hierarchien und Positionierungen abbildbar ist.
Selbst verschuldete Unmündigkeit durch Bildungsverweigerung ist das in meinen Augen allerdings nicht, denn Argumente allein erreichen nur die Oberfläche tiefsitzender und eben auch durch Emotionen abgesicherter Weltvorstellungen, die ihren Ursprung dabei durchaus auch in Bildungsinstitutionen haben.
Ich will jetzt aufhören. Für noch weitergehende Ausführungen ist das hier nicht der richtige Ort. Zum Schluss nur noch: eine Lösung scheint mit der Nachvollziehbarmachung des Welterlebens der „anderen“ zu tun zu haben.

Normalitätsvorstellungen, Dominanzgesellschaft, Emotionen. Ich fühle mich wie auf einem Karussell, das sich schneller und schneller dreht. Dabei verdichtet sich zunehmend ein wiederkehrendes Bild. Etwas muss richtig sein, weil es sich richtig anfühlt. Und weil diese Emotionen so echt, so authentisch scheinen, so muss es dafür auch Gründe geben.

Ja, es gibt Gründe für Emotionen, und Aaron Ben-Ze’ev entwickelt beispielsweise ein Modell der Logik und Rationalität von Emotionen, im Umgang mit Emotionen scheint es aber massive Missverständnisse zu geben. Ich vermute, dass liegt in der Erscheinung Emotionen selbst aus der sich auch die wechselhafte Geschichte ihrer Einschätzung ergeben hat, während der sie gehypt aber auch geringgeschätzt wurden. Sie wurden aus dem Öffentlichen ins Private verbannt und wieder zurückgeholt. Die Form, wie sie ausgedrückt und reguliert werden, wurde und wird als Mittel verwendet, um Menschen einen unterschiedlichen Wert zuzuordnen. Stichworte seien hier viktorianisches und wilhelminisches Zeitalter mit schichtspezifischer Emotionskontrolle, Coolness als Abwehr rassistischer Diskriminierung bei den Schwarzen der USA, Zuordnung ausgeprägterer, angeborener bzw. entwicklungsbedinger Emotionalität zu untergeordneten Bevölkerungsteilen (Frauen, Kinder, „Wilde“, Künstler, Randgruppen, Schwarze).

Prof. Dr. Ute Frevert forscht in Berlin am MPI für Bildungsforschung zur Geschichte der Emotionen. Vielleicht leben wir in Zeiten, die uns helfen Emotionen besser begreifen zu können. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht werden Emotionen zu etwas, das primär im Interesse wirtschaftlicher Interessen geformt und manipuliert wird, der gegenwärtig dominierenden Ausrichtung verbreiteter gesellschaftlicher Vorstellungen entsprechend. Vielleicht hilft uns ein verändertes Verständnis von Emotionen aber auch besser versteckte Mechanismen zu verstehen, die dazu beitragen Ungerechtigkeit beim Umgang mit Ungleichheit zu festigen. Im Kontext von Bildung handelt es sich dabei um ein sehr bedeutsames Thema.

Doch zurück zu dem Missverständnis. Emotionen können als losgelöste Phänomene in einer Weise ernst genommen werden, die sehr ungünstig ist. Sie sagen zwar durchaus etwas über richtig und falsch, angenehm und unangenehm, zu vermeidend oder aufzusuchend aus und liefern damit schnelle Handlungshinweise. Dass es zu den jeweiligen Emotionen kommt geschieht aber auf der Basis individueller Erfahrungen ebenso wie auf der Basis aktueller und geschichtlicher gesellschaftliche Einflüsse. Es ist sinnvoll Emotionen im Kontext dieser Einflüsse zu reflektieren. Was ist der Grund dafür etwas als wichtig, bedeutsam, angenehm oder unangenehm zu erleben? Warum sind die Emotionen stark oder schwach? Wann und wie ist das entstanden? Worauf reagiere ich und wieso?

Es ist ein kleiner Dreh in der Blickrichtung. Nicht die Emotionen als solche ernst zu nehmen. Das Bedeutsame ist nicht die Angst und ihr vermeintlicher Auslöser, sondern das was hinter dem Auslöser steht.

Damit bin ich wieder bei der emotionalen Absicherung von Normalität. Normalität ist das Richtige, die Abweichung ist das nicht Richtige und wird so empfunden. Dahinter steht allerdings ein begrenztes Wissen einerseits über die Unmöglichkeit die Wirklichkeit so zu erkennen wie sie ist, während die vertraute Welterklärung als Maßstab für alle und alles gesetzt wird, als auch eine geringe Begeisterung für und Neugier auf die Abweichung. Oder sogar eine Abwehr der Abweichung. Beispielsweise im Interesse von Macht oder Interesse an der Partizipation von Macht.

Wie auch immer. Normalitätsvorstellungen werden von Emotionen begleitet und die Art dieser Vorstellungen anscheinend auch mit der Art wie Abweichungen durch Emotionen beurteilt werden und der Bereitschaft sich auf Abweichungen einzulassen oder diese abzuwehren oder sogar zu bekämpfen.

Letztlich läuft alles wieder auf ein Zusammenwirken von Denken, Emotionen und Verhalten hinaus. Auch was die Vorstellungen zu Normalität und Differenz betrifft.

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