Bildungsmäuschen

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Erneute Verwirrung

Das Thema Emotionen macht mich noch wahnsinnig. Der Umgang mit Emotionen, den ich wahrnehme, erscheint mir wie ein komplett inkonsistentes Kuddelmuddel. Ich erwarte, dass der Umgang mit Emotionen logisch ist, doch er ist es nicht.

Es geht dabei jetzt nicht um die Problematik der anderen Art von Logik denen Emotionen im Gegensatz zu Ratio folgen, wie nachvollziehbar von Aaron Ben-Ze’ev (2013) ausgeführt. Es geht um die Logik des Umgangs mit und der Einschätzung von ihnen und das ist verdammt noch mal kein Problem der Emotionen. Emotionen wird da etwas angehängt und zugeordnet, was mit ihnen an sich nichts zu tun hat. Und damit werden sie für etwas verantwortlich gemacht, für das sie gar nicht verantwortlich sein können. Und im Rahmen der momentanen Auseinandersetzung mit der Zunahme von Flüchtlingen in der EU wird ihnen eine Indikatorfunktion zugeordnet, die sie nicht haben können.

Es ist so als würde die Sprache, die von den Emotionen gesprochen wird, falsch verstanden. Emotionen sind flüchtige, kurzlebige Erscheinungen, die nach Ben-Ze’ev auftreten wenn sich Zustände ändern. Sind sie sehr stark, drängeln sie sich in der Wahrnehmung nach vorne und haben dadurch einen Aufforderungscharakter. Sie erzwingen eine Reaktion.

Geht es nun nicht um spontane Reaktionen (ich bekomme einen Schreck und renne automatisch weg), so ist da eine Entscheiderin oder ein Entscheider, der oder die durchaus bestimmen kann was jetzt geschieht. Was mache ich mit der Emotion? (Oder dem Bündel von Emotionen.) Was sagt sie mir überhaupt? Emotionen sind nichts Losgelöstes, sie stehen in einem Zusammenhang mit unseren Einschätzungen und Bewertungen und diese stehen durch unsere unausweichlich soziale Formung auf dem Weg über Sozialisation, Erziehung und Bildung im Zusammenhang mit der Geschichte unserer Gesellschaften, unserer Gruppen und unserer individuellen Geschichte.

Wie ernst kann man sie also nehmen? Und wie sehr muss man sie hinterfragen? Im Netz wuselt momentan ein Satz, der eine momentan wahrgenommene emotionale Situation in der politischen Öffentlichkeit mit der emotionalen Situation vor der Machtübernahme der Nazis vergleicht. Die Nazis haben mit Erfolg versucht die freie Reflexion einzuschränken und Emotionen in die Richtung der Unterstützung, also der positiven Bewertung ihres Weltbildes zu lenken und haben dabei eine Generation von Soldaten herangezüchtet, die bereit waren bis zum Sieg des Stärkeren (und Untergang des Schwächeren) zu kämpfen. Emotionen haben dabei eine Rolle gespielt, aber vor allem war es das was den Menschen zum Teil sehr nachhaltig in die Köpfe gesetzt worden war. Und was dann mit Emotionen zu seiner Unterstützung verbunden wurde.

Was ist also von den Emotionen zu halten?

Emotionen und wie mit ihnen umgegangen wird, sind Ausdruck dessen was in den Köpfen vor sich geht oder einmal vor sich gegangen ist und als Emotion erinnert wird. Wenn man die Emotionen beobachtet, darf man nicht vernachlässigen zu beobachten was an anderen Orten im Innenleben der Menschen vor sich geht. Ohne das sind Emotionen gar nichts. Gilt umgekehrt allerdings ebenfalls. Dort im Inneren wird entschieden wie mit den Emotionen verfahren werden soll. Genau darum geht es bei der Mündigkeit. Darum sinnvolle Entscheidungen treffen zu können wie man mit etwas umgeht. Ob man die Angst und die Wut und den Hass zulassen und verstärken will, ob man Wut oder Hass gegen sich selbst oder andere richten möchte oder ob man ganz andere Wege suchen und beschreiten möchte.

Die Aufklärung hat die Möglichkeiten des Verstandes betont. Emotionen sind flüchtige, kurzzeitige, sich manchmal sehr stark bemerkbar machende Erscheinungen mit Aufforderungscharakter. Darin sind sie gut. Sie können etwas anstoßen und in Gang bringen und immer wieder genährt können sie es auch am Laufen halten. Sie können wunderbare Helfer, Unterstützer und Lebenserfüller sein. Emotionen sind aber auf den Entscheider oder die Entscheiderin angewiesen. (Und leider hat hier ein hierarchisches Denken sehr viel Schaden in Bezug auf die Einschätzung von Emotionen angerichtet.) Nicht dass diese Person nun frei in ihren Entscheidungen sei, so einfach ist es leider nicht. Darum geht es an dieser Stelle aber auch nicht, sondern um die Einschätzung dessen was Emotionen sind und was sie eben auch nicht sind (und auch warum hierarchische Ordnungssysteme Probleme verursachen).

Weil wir wütend sind oder Angst haben oder sonst eine Emotionen auftritt, wegen dieser Emotion an sich haben wir das Recht etwas ganz bestimmtes zu tun. Auch mir selbst oder einem anderen zu schaden. Das ist für mich keine logische Begründung. So handeln Kinder bevor sie etwas anderes gelernt haben. Emotionen drängen zwar zum Handeln, aber außer bei dem was als Handeln im Affekt bezeichnet wird und eine schnelle, spontane, kaum zu beeinflussende Reaktion darstellt, gibt es eine Beobachterin oder einen Beobachter, der oder die Entscheidungen trifft. Nicht die Emotionen und das was sie sind stellt ein Problem dar, sondern das was mit ihnen gemacht wird, wie mit ihnen umgegangen wird, wie sie eingeschätzt werden. Einstellung und Haltung, Ideologie, Umgang damit. Das ist es was beobachtet werden sollte. Nicht so sehr die Emotionen an sich (auch wenn man die kennen und benennen können sollte).

Angst, Freude, Trauer, Wut begleiten die Menschheit als Erscheinungen in einer Konstante durch ihre Geschichte. Was von ihnen zu halten ist und wie mit ihnen verfahren werden sollte, das ist es was sich immer wieder geändert hat und immer wieder ändert und nicht an allen Orten und in allen Zeiten gleich ist.

Und genau das ist ein Thema für Sozialisation, Erziehung und Bildung. Was um alles in der Welt lernen und lehren wir über Emotionen. Darüber wie wir sie sehen, was wir ihnen für eine Bedeutung geben, implizit und explizit, wie wir mit ihnen umgehen, wie wir mit ihnen umgehen wollen, wie wir sie nutzen, benutzen, ausnutzen, manipulieren, ignorieren, abschwächen, verstärken. Und wie weit wir über unser Handeln und unser Denken in Bezug auf Emotionen reflektieren.

Nicht die Emotionen an sich sind das Problem… sondern wie wir damit umgehen.

Referenzen:

Ben-Ze’ev, A. (2013). Die Logik der Gefühle. Kritik der emotionalen Intelligenz (2. Aufl.). Frankfurt: Suhrkamp.

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