Bildungsmäuschen

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Die Bedeutung von Emotionen für die Bildungswissenschaft

Meine Freundin sagt, es scheint ihr als suche ich der Weisheit letzten Schluss und ein guter alter Freund meint, eines morgens wachst du auf und dann weißt du genau was du schreiben willst und schreibst das dann in einem Rutsch runter. Und ein Verwandter mit Erfahrung meint, du hast doch schon längst alles zusammen was du für so eine doch recht kleine Arbeit wie eine Bachelorarbeit brauchst. Du musst nur endlich anfangen. Und aus dem Netz kommt die Aufmunterung, an die Insel der Forschung zu denken.

Es ist gut so etwas zu erleben, weil es die Sorge um einen anderen Menschen ausdrückt, weil Menschen so etwas benötigen und weil es ein wichtiger Bestandteil von Beziehungen ist. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, so fühle ich mich geborgen. Keiner der Hinweise trifft meine Probleme dabei so richtig, allerdings liefern mir alle etwas dem gegenüber ich meine eigene Position besser bestimmen kann.

Der Weisheit letzten Schluss gibt es in Bezug auf Emotionen nicht und auf die spontan entstehende Ordnung hoffe ich nicht mehr. Bei den anderen Ratschlägen wird es schon schwieriger. Nein, das was ich für meine Arbeit benötige habe ich noch nicht ganz zusammen. Momentan stecke ich in den Fragen nach den Schlussfolgerungen, die sich in Bezug auf die Bildungswissenschaft aus meinen Recherchen ergeben. Lokalisiere ich mich auf der Insel der Forschung, so befinde ich mich zur Zeit im Wo-bin-ich-Nebel. Gerade eben ist alles am zerfallen und sich auflösen. Konfrontiert mit permanenter Ungewissheit und der Überforderung meiner Denkfähigkeiten bekomme ich allerdings keine Panik mehr. Beides gehört zum Prozess dazu.

Von Texten ausgehend, die sich mit den emotionalen Aspekten des Nationalsozialismus beschäftigen und für mich sowohl Vergangenheitsbewältigung als auch Suche nach den bis heute andauernden Auswirkungen auf emotional gestützte Weltkonstruktionen und Bewertungssysteme darstellen, habe ich in den letzten Tagen mit Byung-Chul Han einen großen Sprung in die Gegenwart gemacht. „Die neoliberale Psychopolitik bemächtigt sich der Emotionen, um Handlungen auf dieser präreflexiven Ebene zu beeinflussen. Über Emotionen greift sie tief in die Person ein. So stellt sie ein sehr effizientes Medium der psychopolitischen Steuerung der Person dar.“ (Han, 2015, S.67)

In der Entwicklung der Ausprägung von Macht sieht er eine Bewegung von der Souveränitätsmacht als Macht des Schwertes über die Disziplinarmacht als Normierungsmacht mit einem Regelwerk von Normen, Geboten und Verboten und der Beseitigung von Abweichungen und Anomalien (Han, 2015, S.34) zu einer Machtform, einer Psychomacht, bei der die Psyche des Menschen vereinnahmt wird und er im Sinne des perfekten Funktionieren im System zu permanenter Selbstoptimierung aufgefordert wird, bei der Blockierungen, Schwächen und Fehler wegtherapiert werden sollen, um Effizienz und Leistung zu steigern (Han, 2015, S.43).

Noch kaum mit Verarbeitung und Einbau der neuen Perspektive in meine Gesamtvorstellung fertig, liegt ein vor einer Weile in der UniBib bestelltes Buch zur Abholung bereit. Vorbestellte Bücher kommen nicht unbedingt dann wenn sie passen, und für dieses Buch habe ich momentan eigentlich gar keinen Platz in meinem Kopf. Klein und unscheinbar liegt es im Abholregal und ist dabei unglaublich gewichtig. Philosophie der Gefühle, ein Reader von 2009 und schon ziemlich abgegriffen. Texte von Philosophen, und wer noch glaubt Philosophie oder Emotionen seien Nebenbei-Spielkram, sollte einen Blick in dieses Buch werfen. Das ist komplexes Denken pur.

Ich sehe mich außerstande dieses Buch jetzt auch noch zu bearbeiten. Die wenigen Seiten, die ich lese, sind so voll von Gedankengängen zu Gefühlen und Emotionen, mir bereits bekannten aber auch sehr vielen neuen Überlegungen, noch dazu in einer mir zum Teil nicht vertrauten Sprache, dass ich vor allem den Schluss daraus ziehe, dass ernst zu nehmendes, komplexes Wissen und umfangreiches Denken zu Emotionen existieren. Es mag keine Einigkeit geben, zu viele offene Fragestelllungen und Unklarheiten und keine mal einfach so anwendbare Systematik, die Art der Beschäftigung mit dem Thema Gefühle, die ich hier finde, belegt mir, dass Emotionen ein der genaueren Untersuchung würdiges Thema sind. Genau das scheine ich mir immer wieder bestätigen zu müssen.

Und damit komme ich zum Wo-bin-ich-Nebel. Emotionen sind ein wichtiges Thema für unterschiedliche Wissenschaften, davon habe ich mich inzwischen überzeugt, aber wie sieht es nun konkret für die Bildungswissenschaft aus? Als interdisziplinäre Wissenschaft muss sie selbst nicht daran forschen was Emotionen sind. Sie hat aber mit Menschen zu tun und zu Menschen gehören Emotionen. Aber welches Emotionswissen und welche Theorien braucht sie, in welchem Umfang, in welcher Systematik, woher nimmt sie es und wofür kann sie es benutzen?

Ich bin der Ansicht, dass sich die Bildungswissenschaft, so wie ich sie erlebt habe, einerseits zu wenig mit Emotionen befasst, andererseits zu wenig über ihren Umgang mit Emotionen reflektiert. Der durch neuere neurowissenschaftliche Erkenntnisse ausgelöste Hype der Beschäftigung mit Emotionen scheint vorübergegangen. So vereinfacht wie es in den Jahren nach 2000 eine Zeit lang im Bildungsbereich verbreitet wurde – fördert positive Emotionen und alles wird gut – ist es eben nicht. Eine Konzentration auf das Lernen und die damit verbundenen Emotionen, wie von der pädagogischen Psychologie praktiziert, ist ebenfalls unvollständig. An anderer Stelle habe ich mich bereits damit auseinandergesetzt, dass ich dabei die Auswirkungen von Differenzerfahrungen als nicht ausreichend berücksichtigt betrachte.

Ebenfalls als zu wenig beachtet finde ich die Auswirkungen von Normalitätsvorstellungen auf Emotionen. Auch die von Byung-Chul Han, aber bereits von Arlie Hochschild  in der Studie Das gekaufte Herz thematisierte ökonomisch orientierte Verwendung von Emotionen halte ich inzwischen für bedeutende Aspekte, die im Bereich der Bildungswissenschaft in Überlegungen einbezogen werden sollten.

Insgesamt, neben der Anerkennung von Emotionen als Einflussfaktoren, fehlt mir ein überall anwendbares Konzept für Emotionen zur Überprüfung der Auswirkungen emotionaler Aspekte auf Bildung. Es geht dabei nicht allein um die Förderung von Lernerfolgen, sondern um die Auswirkungen von Differenzerfahrungen, die Gründe unterschiedlicher Bildungsvorstellungen und Bildungskonzepte, die Erfüllung der Ansprüche auf einen gleichberechtigten Bildungszugang, die ungleiche Bewertung von Bildungsabschlüssen oder auch um Normalitätsvorstellungen und deren Auswirkungen. Und dann noch, was lehren wir überhaupt über Emotionen? Die Aufzählung kann noch weiter fortgesetzt werden.

Der erste Schritt ist es jedenfalls Emotionen als Einflussfaktoren als bedeutungsvoll einzustufen. Der zweite wäre eine geeignete Systematik zur Untersuchung zu entwickeln. Der dritte diese anzuwenden und zu sehen welche Schlüsse sich daraus ergeben und ob diese tatsächlich zu einem interessierenden Erkenntnisgewinn führen.

Etwas hat sich jetzt mein Wo-bin-ich-Nebel gelichtet.

 

Referenzen:

Döhring, S.A. (2009) (Hrsg.). Philosophie der Gefühle. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Han, B.-C. (2015). Psychopolitik. Neoliberalismus und die neuen Machttechniken. Frankfurt am Main: S.Fischer.

Neckel, S. (2013). Arlie Russell Hochschild: Das gekaufte Herz. Zur Kommerzialisierung der Gefühle. In: Senge, K. & Schützeichel, R. (Hrsg.). Hauptwerke der Emotionssoziologie. Wiesbaden: Springer Fachmedien.

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