Bildungsmäuschen

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Auf der Suche nach einer Systematik

Gut, jetzt ist es passiert und ich habe den Eindruck, ich muss mich noch einmal ganz neu und anders dem Thema Emotionen im Kontext von Bildung nähern. In der Einführung zu Hauptwerke der Emotionssoziologie steht:

„Unserem Vorhaben, die Hauptwerke der Emotionssoziologie zusammen zu tragen und zu beleuchten, liegt die grundsätzliche Einschätzung zugrunde, dass Emotionen und Gefühle einen fundamentalen Platz in allen Aspekten des sozialen Lebens zukommen und damit einen elementaren theoretischen Ort innerhalb der Soziologie verlangen.“ (Senge & Schützeichel, 2013, S.10)

Ich hatte nie eine solche Situation geplant wie die in der ich jetzt bin, kann aber nicht mehr zur Vergangenheit zurückkehren und muss daher jetzt mit den Dimensionen zurecht kommen, die mein Thema angenommen hat. Es gibt auch kein Entkommen davor, dass es in letzter Konsequenz um ein anderes Menschenbild und damit eine andere Perspektive der Beobachtung geht. Das war so nicht von mir beabsichtigt und letztlich überfordert es mich. Dabei war ich nur wissbegierig, weil ich mit Ungereimtheiten konfrontiert war, die mich emotional belastet haben. (Ich war sauer, das war mein Motivator, bin es jetzt aber nicht mehr, sondern habe sehr viel gelernt und mein Denken dabei verändert.)

Nach all meinen bisherigen Recherchen und Reflexionen teile ich die Einschätzung des Zitats auch in Bezug auf die Bildungswissenschaft. Ergibt sich sowieso, wenn man die Einschätzung annimmt. Da Bildungsprozesse sozial eingebettete Prozesse sind, sind Emotionen und Gefühlen auch dort grundlegende Erscheinungen, die zu berücksichtigen und zu untersuchen nicht vernachlässigt werden sollte, um ein vollständigeres Bild von Einflussfaktoren und ihren Auswirkungen zu bekommen.

Das Problem, das für mich daraus entsteht ist nun, wie eine Argumentation in Bezug auf die Bildungswissenschaft gestaltet werden kann und wie dann die bildungswissenschaftliche Perspektive aussieht, also die Konsequenzen, die sich für Bildungskontexte ergeben. Denn wir arbeiten nicht nur Problem beschreibend, so habe ich gelernt, sondern immer auch auf Vorschläge für eine Problemlösung hin orientiert.

Der Reader zur Emotionssoziologie löst das Problem des Nachweises über die Bedeutsamkeit von Emotionen durch eine Zusammenstellung von möglichst vielen Beiträgen, der für das Fachgebiet relevanten Autoren, nach der Methode: lest und bildet euch selbst eine Meinung. Ich bin in meinen Recherchen bisher ähnlich vorgegangen und habe Texte zu Emotionen aus unterschiedlichen für die Bildungswissenschaft relevanten Disziplinen gelesen, um mich zu überzeugen, dass auch andere Emotionen als bedeutsam betrachten, und um zu erfahren, was über das was Emotionen sind in den relevanten Wissenschaften bekannt ist. Die Beweisführung funktioniert dabei nach der Methode, wenn genug Wissenschaftler Emotionen für bedeutsam einstufen, dann müssen sie es auch sein. Unterstützt wird es durch ein Vorgehen, bei dem erst einmal alles in den Kopf hinein geschaufelt wird was sich finden lässt. Nach dem Motto: viel hilft viel.

Der Reader versammelt 51(!) Beiträge ohne erkennbare Ordnung und demonstriert damit auf greifbare Weise das bestehende Problem: eine Fülle von Hinweisen auf Aspekte, aber keine Systematik. Der Reader zur Philosophie der Gefühle versammelt dagegen nur 17 Beiträge, vorsortiert in sieben Kapiteln, jedes davon neben der allgemeinen Einleitung noch einmal eigenständig eingeleitet:

  • Emotionen und ihre Objekte
  • Emotionen als Kognitionen
  • Theorie „der“ Emotionen?
  • Philosophie der Emotionen und empirische Wissenschaft
  • Phänomenologie der Emotionen
  • Emotionen und Werte
  • Emotionen und Akteure

Das ist zumindest schon eine gewisse Vorsortierung, die sich allerdings genauso wie der Inhalt der Texte selbst am Bedarf der Philosophie orientiert und nicht an dem der Bildungswissenschaft.

Keine Systematik oder eine unzureichende oder eine ungeeignete bedeutet Probleme für die Verwendbarkeit. Eines kann ich aber auf jeden Fall bereits ableiten, die inzwischen berühmten feuernde Neuronen im Gehirn sind nur ein sehr kleiner Aspekt des Ganzen.

Diese Aussage ist wichtig, denn Emotionen zu funktionalisieren und sich darauf zu konzentrieren sie zu manipulieren, so dass sie möglichst wenig Probleme verursachen, auch wenn das mit legitimen Mitteln und den besten Absichten geschieht, ändert nichts an der Einschätzung, dass Emotionen nur Begleiterscheinungen im menschlichen Erleben sind. Diese kann man dann berücksichtigen, man kann es aber genauso gut sein lassen. Wie in dem obenstehenden Zitat ausgeführt, geht es aber um eine grundlegende Position, die Emotionen in der Wahrnehmung, Einschätzung und Beurteilung der Welt einnehmen. Und das geht nicht ohne einen Einfluss auf das Bild vom Menschen.

Damit muss die Systematik möglichst umfassend das beinhalten, was den Bereich der Emotionen des Menschen, die dann als untrennbar und gleichberechtigt eingebettet und nicht als Begleiterscheinungen verstanden werden, mit den gesellschaftlichen Vorstellungen von Bildung verbindet.

Erneut bin ich zum Anwendungsinstrument zurückgekehrt das mir bisher fehlt. In verschiedenen Schriften zu Emotionen wird auf das Problem der Messbarkeit von Emotionen hingewiesen. Um dieses Problem handelt es sich bei meiner Problematik aber glücklicherweise nicht. Ich bin darüber sehr erleichtert, denn als Einzelperson sehe ich mich außer Stande eine Lösung dafür zu finden, wie ich Emotionen messen sollte. Ich kann mich auf Texte und die Systematisierung und Verbindung von Texten konzentrieren. Und das ist für mich auf einer praktischen Ebene grundsätzlich durchführbar.

Ich habe zwar noch immer nicht die richtige Idee wie ich vorgehen soll, kenne jetzt aber zumindest die Richtung.

Referenzen:

Döhring, S.A. (2009) (Hrsg.). Philosophie der Gefühle. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Senge, K. & Schützeichel, R. (2013) (Hrsg.). Hauptwerke der Emotionssoziologie. Wiesbaden: Springer Fachmedien.

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