Bildungsmäuschen

Startseite » Emotionen » Emotionen, Macht und Verantwortung

Emotionen, Macht und Verantwortung

Die Auseinandersetzung mit Aspekten von Emotionen hört einfach nicht auf.

Nach der Tagesschau wollte ich weiterlesen, doch ich hatte den Fernseher nicht sofort ausgestellt. Ohne vorherigen Hinweis auf eine verstörende Darstellung lande ich in einem Film, der in einem Zitat in der Wikipedia als Sozialhorror bezeichnet wird. Finde ich angemessen.

Warum ich nicht ausgeschaltet und weiter geguckt habe? Weil es um das Thema Mobbing ging und weil dieser Film seinen Blick auf das Innenleben der Opfer richtet. Er ist dabei nicht analytisch, er ist rein darstellend. Der Held bleibt gebrochen in einer perspektivlosen Situation zurück, in der es keine Hilfe für ihn gibt und kein Entkommen, auch wenn er rechtlich gesiegt hat.

Der Film ist voll an Darstellungen von Emotionen (kurzzeitige Erscheinungen) und Gefühlen (langfristige Erscheinungen). Beschrieben werden kann die Ebene der Emotionen als Entwicklung von Emotionen und Gefühlen in Machtstrukturen. Sie bewegen sich von vorrangig positiven Emotionen und einem positiven, hoffnungsvollen Lebensgefühl hin zu einer emotionalen Situation, die mich als Zuschauerin noch am nächsten Morgen gedanklich verfolgt und emotional belastet.

Die Frage, die ich in diesem Zusammenhang stelle, ist die nach der Verantwortung für die Emotionen, die durch Handlungen und Strukturen in anderen Menschen erzeugt werden. Zuerst einmal ist es ein ethisch-moralisches Problem. Es ist aber auch eine Frage danach wie Macht mit Emotionen verfährt.

Für mich ergeben sich außerdem zwei Ebenen. Einerseits ist da die Darstellung eines bestimmten Ablaufs an Ereignissen und der in diesem Zusammenhang dargestellten Emotionen und Gefühlen. Weiterhin gibt es aber mich und jede mögliche andere zuschauende Person und die Wirkung, die der Film auf die Zuschauer hat.

Am übernächsten Tag wird klar, dass mein Horror, meine unangenehmen Gefühle, meine Angst, meine Beklemmung auch damit zu tun haben, dass ich Zuschauerin bleiben muss, die nicht eingreifen kann. Noch nicht einmal einen Kommentar kann ich abschicken. Ich kann dem Opfer keinen Mut zusprechen, kann ihm nicht unter die Arme greifen, kann die Mitläufer nicht angreifen und auf ihre Mitverantwortung hinweisen, kann auch die Frau des Opfers nicht unterstützen, die zwangsläufig zur Mitbetroffenen wird.

Im Film versucht sich die Frau des Opfers zum Teil in dieser Rolle. Doch sie bleibt allein. Sie ist Mutter mit zwei Kindern. Der Horror des Films ist die Unausweichlichkeit des Ausgeliefertseins. Der Horror ist die Verdammnis zum Schweigen, zur Hinnahme. Der Protagonisten, aber auch von mir selbst als Zuschauerin, die ich in eine fiktive Geschichte nicht eingreifen kann und für die niemand stellvertretend eingreift. Auch kein Geschichtenerzähler, mit dem ich unmittelbar sprechen kann. Da sich die Geschichte an der existierenden gesellschaftlichen Wirklichkeit orientiert, gräbt sich der emotionale Eindruck ein, dass eine solche Situation unausweichlich Ausgeliefertsein, Angst und Hoffnungslosigkeit bedeutet, denn im Film wird keine wirklich positive Lösung sichtbar, nur Horror, der sich verfestigt.

Aber zurück zur Verantwortlichkeit. Im Film kann das Opfer seine Wiedereinstellung einklagen, aber nicht die Wiederherstellung seines vorherigen positiven inneren Zustandes. Mir kommen dabei Überlebende von Auschwitz in den Kopf, für die eine Entschuldigung der Täter und deren angemessene Bestrafung so wichtig für ihren inneren Zustand waren und immer noch sind.

Der innere Zustand, die auftretenden Emotionen, das Selbstwert- und Lebensgefühl. Eine Abwertung der Emotionen an sich, ihre Subjektivierung und Individualisierung nimmt Emotionen ihre Aussagekraft für das Opfers. Die angemessene Wut des Herabgesetzten, Entwürdigten und Betrogenen, als auch seine negativen Emotionen sind sein alleiniges Problem. Seine emotionalen Reaktionen schwächen seine Position sogar zusätzlich. Der Umgang mit Emotionen selbst wird zu einem Mittel der Machtdurchsetzung und -erhaltung. Das Opfer muss rational und kontrolliert agieren und seine heftigen Emotionen unter Verschluss halten. Es muss sich als geduldiges Schaf zur Schlachtbank führen lassen, um sich nicht selbst weiter herabzusetzen.

Den beobachtenden Gleichgestellten wird dabei vor Augen geführt, wie sie sich selbst auszudrücken haben, um nicht mitgehangen zu werden. Mit Regeln für Höflichkeit und Freundlichkeit hat das alles nichts zu tun. Es sind die emotionalen Regeln von, im Fall des Films, verantwortungsloser Machtdominanz, die sich dabei gleich noch über ein Mitläufertum absichert.

Wieder zurück zur Verantwortlichkeit. Emotionen entstehen innerhalb von Strukturen und Geschehnissen und stehen daher in einem Zusammenhang damit. Und auch wenn Emotionen Reaktionen auf subjektive Wahrnehmungen sind, so sind sie weder unlogisch, noch irrational, noch losgelöst. Keinen Bezug zu einer Situation und nur einen Bezug zum Individuum zu konstruieren ist ein Mittel um Verantwortlichkeit abzuwehren.

Meinungsmache in öffentlichen Medien trägt Verantwortung für die Emotionen, die dabei erzeugt werden. Die Machthabende im Film, die Abhängige entgegen der existierenden Vorstellungen von Fairness und Angemessenheit behandelt, trägt Verantwortung für die Emotionen, die sie auslöst. Und für die individuellen und gesellschaftlichen Folgekosten, die sich daraus entwickeln.

Interessant ist in diesem Zusammenhang die alte Trennung zwischen öffentlichem und privatem Umgang mit Emotionen und Gefühlen und traditionellen Idealvorstellungen davon wie Frauen im privaten Bereich mit den Emotionen anderer umgehen sollen (auf deren Wohlergehen, Sorge, Pflege, auf Hilfestellung und Duldsamkeit anderer ausgerichtet). Zu diesen Vorstellungen gehört die Verantwortlichkeit für die Beeinflussung der Emotionen anderer, die in den Idealvorstellungen positiv sein soll. Es sind traditionelle bürgerliche Vorstellungen des Umgangs mit Emotionen im öffentlichen Raum, in denen die Verantwortlichkeit für ihre Emotionen bei denjenigen liegt, die sie empfinden, da sie auf diese Weise im öffentlichen Raum kontrolliert werden.

Ein anderer Umgang mit Emotionen und eine andere Haltung zu ihnen im öffentlichen Raum könnte neue Konzepte für Verantwortlichkeit erfordern.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: